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München - Nach dem geplatzten Neymar-Deal gab es bei Real ein Umdenken. Ein Brasilien-Scout wurde eingestellt. Aber wer ist der Mann namens "Juni", den kaum einer kennt?

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Mit 13 Jahren war ein gewisser Neymar bei Real Madrid zu Besuch und überzeugte im Probetraining. Letztlich fehlte nur noch die Unterschrift der Mutter, doch der Deal platzte im allerletzten Moment.

Der Stürmer bliebt beim FC Santos und wechselte 2017 zum großen Erzrivalen, dem FC Barcelona. Danach fand bei den Königlichen ein Umdenken statt: Ein ausgewiesener Brasilien-Scout wurde eingestellt.

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Sein Name: Jose Antonio Calafat de Souza. Alle nennen den Spanier, der in Sao Paulo aufwuchs, aber nur "Juni". 

"Juni": Brasilien-Experte und Menschenfänger

Er ist der Mann im Hintergrund bei Real. Der Unsichtbare. Derjenige, der im Geheimen arbeitet. Juni ist bei den Madrilenen mittlerweile der Head of International Recruitment, wird aber auf Reals offizieller Homepage nicht einmal als Mitarbeiter geführt.

Juni (r.) mit Lucas Silva
Juni (r.) mit Lucas Silva © Twitter

Der Brasilien-Experte meidet die Medien und gibt der Presse keinerlei Interviews. Trotzdem sorgt der Spanier für Schlagzeilen - mit seinen Transfers. 

Für umgerechnet 130 Millionen Euro lockte der Top-Scout Vinícius Júnior, Rodrygo und Reinier zu den Galaktischen und stach dabei zahlreiche Top-Klubs im Werben um die Mega-Talente aus. Davor entdeckte Juni zudem Casemiro und Fede Valverde in Südamerika. 

Sein Geheimnis: Juni gewinnt den Kampf, indem er in die Herzen und Köpfe der Top-Talente gelangt. Des Weiteren überzeugt er die Jugendlichen und ihre Familien, dass Reals Projekt das richtige für sie ist. Es ist eine Frage des Gefühls, des Vertrauens, der Zugehörigkeit. Er ist eine Art Menschenfänger im positiven Sinne.

Früher Journalist, heute Real Madrids Top-Scout

Juni begann als Journalist und wurde als Analyst in der Fernsehsendung "Fiebre Maldini" bekannt. Vor allem seine Kenntnisse des südamerikanischen Fußballs bescherten ihm viele Bewunderer - und schließlich eine Scouting-Stelle bei Real. 

Zu seinen ersten Empfehlungen gehörte Casemiro, ein begnadeter Spieler, der aber offensichtlich nicht der nächste Star war. Der Erfolg dieses Transfers trug nur noch mehr zu seiner Reputation bei. Fede Valverde, der uruguayische Mittelfeldspieler, ist der jüngste Beweis für Junis Auge für Talente. 

Der Scoutingbereich des Brasilianers hat sich in den letzten Jahren erweitert, aber sein Heimatland bleibt sein Kerngebiet. Insbesondere sein Gespür und Feingefühl, mit den jungen Spielern und deren Umfeld in Kontakt zu treten, unterscheidet ihn von anderen Scouts. 

Das wird schnell klar, wenn man hört, wie andere Beteiligte an den Transfers von Vinícius Jr., Rodrygo und Reinier über ihn sprechen. "Alle anderen großen Vereine haben Vertreter in Brasilien, aber Juni macht den Unterschied", sagt Nick Arcuri, der Agent von Rodrygo.

Calafat lockt Vinícius Júnior nach Madrid

Dabei kommt Juni zugute, dass er fließend Portugiesisch spricht - er ist gebürtiger Spanier, hat aber einen Großteil seiner Kindheit in Sao Paulo verbracht. Darüber hinaus versteht er, dass die Eltern Zusicherungen bezüglich der Spielzeit und der Spielmöglichkeiten wollen; dass Geld wichtig ist, aber nicht alles; dass der Umzug nach Europa eine große Veränderung ist. 

Ein 17 Jahre junges Talent mit weit aufgerissenen Augen wird vielleicht nicht sofort all diese Faktoren berücksichtigen, weshalb besondere Anstrengungen bei den Familien und den Beratern unternommen werden müssen.

"Auf jedem Markt ist es wichtig, Beziehungen zu Agenten und Eltern zu entwickeln", erklärt Jeff Vetere, ein ehemaliger Real-Scout. "Das gilt besonders für Brasilien, wo vielleicht 90 Prozent der Spieler aus einem armen, arbeitenden Milieu kommen. Wir sprechen davon, ihr Leben zu verändern."

Juni ist sich für nichts zu schade, was der Fall Vinícius Júnior am besten aufzeigt: Bevor der Stürmer im Mai 2017 seinen Vertrag bei den Königlichen unterschrieb, traf sich der Real-Scout 14 Monate lange immer wieder mit dem Spieler, dessen Familie, Umfeld und Berater.

Hintergrundrecherche über Spieler, Familie und Umfeld

Flamengos damaliger Sportdirektor Rodrigo Caetano sagte The Athletic, dass er von Junis maßvoller und geduldiger Vorgehensweise überwältigt war: "Juni hatte lange mit der Familie von Vinicius gesprochen."

Er sei "wirklich beeindruckt" gewesen, "wie viel Hintergrundrecherche er über den Spieler und seine Familie betrieben hatte. Er wusste über all die Menschen um Vinícius Júnior herum Bescheid, wusste, was sie dachten. Dann eröffnete er einen Dialog mit dem Klub und dem damaligen Agenten des Spielers, Frederico Pena. Es war eine sehr enge Beziehung. Das war es, was letztlich den Transfer zu Real Madrid besiegelte."

Da der südamerikanische Markt sehr umkämpft ist und fast jeder europäische Top-Klub Scouts dort hat, werden die Top-Talente nicht mehr erst mit 20 oder 21 nach Europa geholt, sondern schon mit 16, 17 Jahren. Genau da kommen Junis Fähigkeiten ins Spiel, von denen Real sehr profitiert.

Vinícius Júnior und Rodrygo haben bereits nachgewiesen, was sie können - Reinier steht in den Startlöchern.