Lesedauer: 5 Minuten

München - Barcelona investiert aktuell lieber hunderte Millionen in neue Spieler, als auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Der Trend ist eindeutig: La Masia steckt in der Krise.

Anzeige

Dass ein niederländisches Mittelfeld-Talent, dem eine Weltkarriere bevorstehen könnte, irgendwann mit Johan Cruyff verglichen wird, ist längst Normalität. Erst recht, wenn dieser Spieler dann auch noch zum FC Barcelona wechselt. Dem Verein also, bei dem Cruyff eine Ära prägte, von der sie bei den Katalanen noch heute zehren.

In die Verpflichtung von Frankie de Jong legen sie in Barcelona große Hoffnungen, das kann man auch an der Ablöse von 75 Millionen Euro ablesen. Der Niederländer von Ajax Amsterdam soll das Barca-Spiel der Zukunft prägen, in etwa so, wie es Xavi und Andres Iniesta jahrelang taten.

Anzeige

Die beiden zählten zu Barcas großen Stützen und gewannen mit dem "Tiki-Taka"-Fußball zwischen 2006 und 2015 viermal die Champions League. Vor allem unter Pep Guardiola dominierte das Kurzpassspiel den europäischen Fußball.

Cruyff als Initiator von La Masia

Sowohl Xavi als auch sein kongenialer Partner Iniesta entstammen Barcas legendärer Fußballschule La Masia. Die Idee hinter La Masia ist relativ simpel. In allen Jugendmannschaften soll das gleich System praktiziert werden, das der Profis.

So wollen sich die Katalanen ihre eigenen Xavis und Iniesta ausbilden, um nicht Unsummen für Transfers ausgeben zu müssen. Als Initator des Systems gilt übrigens Cruyff selbst in seinen Jahren als Barcelona-Trainer Ende der 1980er Jahre.

ANZEIGE: Das Trikot des FC Barcelona kaufen - hier geht's zum Shop!

Und heute? Scheint sich Barca von der der eigenen Philosophie abzuwenden. Wenn der Klub 75 Millionen Euro für einen im Sommer 22-Jährigen hinlegt, der gerade einmal Erfahrung von weniger als 50 Erstligaeinsätzen vorzuweisen hat, so ist das ein Schlag ins Gesicht der eigenen Nachwuchsarbeit.

Auch der Transfer von Kevin-Prince Boateng hat in dieser Hinsicht einen faden Beigeschmack. Der 31 Jahre alte Ex-Frankfurter soll als Backup von Luis Suarez agieren und ihm seine dringend benötigten Pausen verschaffen. Die Katalanen suchten in dem Zusammenhang jemanden mit Erfahrung in der höchsten spanischen Spielklasse. Boateng spielte ein Jahr bei Las Palmas. Die Marca schrieb von einem "surrealen Transfer".

Fast zeitgleich gab Barca übrigens auch einen Mittelstürmer ab. Munir El Haddadi, einst selbst eines der größten Talente aus La Masia, wechselte vor einigen Tagen fest zum FC Sevilla. Der 23 Jahre alte Spanier wollte seinen Vertrag nicht verlängern, weil er unzufrieden mit seinen Einsatzzeiten war. Munir hat im Gegenzug zu Boateng schon über 100 La Liga-Spiele auf dem Buckel.

Eine Millarde für Transfers seit 2013

Noch deutlicher wird Barcas Abkehr vom eigenen Nachwuchs bei Betrachtung der Transferausgaben in den vergangenen Jahren. Durch den Transfer von de Jong knackt Barca als erst zweiter Verein seit 2013 die Millarden-Marke an Transferausgaben. Seit dem Neymar-Wechsel zu PSG im Jahr 2017 gab Barca über 530 Millionen aus - in zwei Jahren.

Im aktuellen Barca-Kader sind zwar acht Spieler, die ihre Wurzeln in La Masia haben, die Hälfte davon ist aber schon 30 oder älter. Anders gesagt: Von allen Spielern, die La Masia seit 2010 hervorgebracht hat, sind nur vier im aktuellen Kader der Katalanen vertreten. Darunter sind mit Carles Alena ein Nachwuchsmann und mit Sergi Samper ein inzwischen schon 24 Jahre altes Talent, das bis Anfang 2018 bei anderen spanischen Klubs "geparkt" wurde und so erst 13 Pflichtspieleinsätze für die Katalanen absolviert hat. 

Durchlässigkeit ist gering

Immerhin zwei La Masia-Absolventen seit 2010 haben sich zu aktuellen Leistungsträgern entwickelt. Rafinha nahm dafür zwischendurch den Umweg Celta Vigo und später auch Inter Mailand. Einzig Sergi Roberto spielt seit seiner Jugend ununterbrochen für Barca. Einst selbst mit der Hoffnung angetreten, die Xavi-Lücke zu füllen, hat sich der inzwischen 26-Jährige als Rechtsverteidiger durchgesetzt.

Den Sprung zu den Profis schaffte damals auch Rafinhas Bruder Thiago. Doch der designierte Xavi-Nachfolger folgte seinem Förderer Guardiola zum FC Bayern. Thiago ist tatsächlich der einzige La Masia-Absolvent seit 2010, der es außerhalb Barcelonas zu einer Weltkarriere brachte. Marc Bartra ging einen ähnlichen Weg, er landete beim BVB. Inzwischen spielt er wieder in Spanien bei Betis Sevilla.

Wenn sich ein La-Masia-Talent nicht bei den Barca-Profis durchsetzt, bedeutet das nicht, dass seine Karriere damit vorbei ist. Bojan Krkic, Alen Halilovic, Gerard Deulofeu, Christian Tello sind nur einige Beispiel von Namen, denen man eine große Karriere beim spanischen Meister zugetraut hatte. Sie alle haben es aus unterschiedlichen Gründen nicht geschafft, sich für höchste Aufgaben zu empfehlen. Sie spielen in Europa verteilt, keiner jedoch bei einem absoluten Spitzenklub.

Die Zahlen verdeutlichen: La Masia steckt in der Krise. Die Unsummen an Transfergeldern, die der FC Barcelona in letzter Zeit ausgibt, lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Der Nachwuchs genügt den eigenen Ansprüchen nicht mehr.

So sehr es den 2016 verstorbenen Cruyff vermutlich freuen würde, dass ein Landsmann dem Barca-Spiel der Zukunft seinen Stempel aufdrücken soll, die aktuelle Entwicklung beim FC Barcelona dürfte nicht in seinem Sinne sein.