München - Einst galt der FC Barcelona als Oase für Hochbegabte. Heute fahren die Katalanen einen skrupellosen Kurs auf dem Transfermarkt. Der Klub verspielt seinen guten Ruf.

von Kerry Hau

Mes que un club. Mehr als ein Klub. Dafür hält sich der FC Barcelona

Das berühmte Glaubensbekenntnis, das in markanten Großbuchstaben auf der Tribüne des Camp Nou erstrahlt, fand seinen Ursprung in den Sechziger Jahren, als das katalanische Volk während des Regimes von Diktator Francisco Franco unterdrückt wurde und wochenends beim Fußball einen Hauch von Zuflucht in demokratischem Ambiente fand.

In der jüngeren Vergangenheit beschränkte sich der Verein aber nicht nur auf sein politisches Alleinstellungsmerkmal. Er trat als sportliches Vorzeigebeispiel für Anstand und Demut auf.

Die erste Mannschaft bestand zum Großteil aus Eigengewächsen, die der Jugendakademie "La Masia" entstammten, einem Bauernhof unweit des Stadions. "La Masia" war eine Oase für Hochbegabte. Von sündhaft teuren Transfers, wie sie der verhasste Erzrivale Real Madrid Sommer für Sommer demonstrativ tätigte, distanzierten sich die Verantwortlichen entschieden.

Keine neue "Goldene Generation"

All das gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Langjährige Identifikationsfiguren wie Xavi Hernandez (38) und Andres Iniesta (34) haben kein Zaubermittel gegen das Älterwerden gefunden und sich gen Osten verabschiedet.

Von der "Goldenen Generation" aus "La Masia" sind nur noch Lionel Messi (31), Gerard Pique (31) und Sergio Busquets (30) übrig. Von den verbliebenen Eigengewächsen ist Sergi Roberto  (26) der einzige Kandidat für die Startelf.

Die Fußstapfen von Xavi, Iniesta und Co. sind zu groß, um neue Talente dauerhaft an die erste Mannschaft heranzuführen. Deshalb setzt der Klub vermehrt darauf, jene Talente zu verleihen oder zu verkaufen. Stattdessen werden "fertigere" Spieler für viel Geld aus dem Ausland verpflichtet.

Nur Guardiola gab mehr aus als Barca

Eine Strategie, die finanzielle Risiken birgt, aus sportlicher Sicht aber keineswegs verwerflich ist. Ein Jahrhundertkicker wie Messi lässt sich kein zweites Mal aus dem Hut zaubern. Unter Präsident Josep Bartomeu nimmt der Millionen-Wahn in Barcelona jedoch Formen an, die so gar nicht zu dem Selbstverständnis des Vereins passen.

Allein in den vergangenen elf Monaten gab Bartomeu 385 Millionen Euro für neue Spieler aus. Nur der frühere Barca-Coach Pep Guardiola investierte mit Manchester City mehr (387).

©

Durch den Rekord-Verkauf des Brasilianers Neymar an Paris Saint-Germain, der 222 Millionen Euro in die Kassen spülte, konnten sich die Katalanen diese Transfer-Angriff zwar leisten. Mehr als das viele Geld hinterließen aber die fragwürdigen Umgangsformen der Barca-Bosse bei den Verhandlungen einen faden Beigeschmack.

"Unterste Kreisklasse"

Ousmane Dembele streikte sich im August 2017 in beispielloser Manier von Borussia Dortmund weg. Hans-Joachim Watzke hinterfragte damals nicht grundlos die Rolle des spanischen Meisters.

"Sie glauben doch selbst nicht, dass ein 20-Jähriger nicht zum Training kommt ohne das Wohlwollen des möglicherweise aufnehmenden Klubs", sagte der Geschäftsführer des BVB und wurde sogar durch einen Gegenspieler bestärkt. 

"Wenn Barcelona dahinter steckt, habe ich keine Achtung mehr vor diesem Klub. Einen Spieler dazu zu veranlassen, einen Vertrag zu brechen, das ist unterste Kreisklasse", schimpfte Bayern-Präsident Uli Hoeneß.

Auf Dembele und Coutinho folgt Malcom 

Die Causa Dembele war bei weitem kein Einzelfall. Antoine Griezmann sollte bekanntlich von Atletico Madrid kommen.

Bartomeu bestätigte bereits in einem Interview mit dem Radiosender RAC1 im vergangenen Oktober, Gespräche mit dem französischen Superstar geführt zu haben. Atletico reichte daraufhin eine formale Beschwerde beim Weltverband FIFA ein. Griezmann verlängerte schließlich vor der WM seinen Vertrag in Madrid.

Von Erfolg gekrönt war hingegen das Theater um Philippe Coutinho. Der Liverpool-Star klagte wochenlang über Rückenschmerzen, bis Jürgen Klopp klein beigab und ihn nach Barcelona ziehen ließ. 

Der neueste Offensiv-Star, Malcom, war nach einer mündlichen Zusage an die AS Rom schon auf dem Weg in die ewige Stadt, als Bartomeu infolge des geplatzten Deals mit Wunschkandidat Willian dazwischengrätschte und den Mann von Girondins Bordeaux zum Ärger der Italiener als Notnagel holte.

Tuchels PSG das nächste "Opfer"?

Und es scheint in diesem Stil weiterzugehen: Übereinstimmenden spanischen Medienberichten zufolge steht Barca in fortgeschrittenen Verhandlungen mit PSG-Star Adrien Rabiot. Der 23-Jährige soll noch in diesem Sommer als Erbe von Iniesta verpflichtet werden.

Die Pariser weigern sich jedoch, mit den Katalanen zu sprechen. Der sitzt aber am längeren Hebel, schließlich läuft Rabiots Vertrag am 30. Juni 2019 aus. 

Kommt er in diesem Jahr nicht, dann eben im nächsten - ablösefrei. Bartomeu hätte sicherlich kein Problem damit. Es wäre sein erstes Schnäppchen seit dem Neymar-Beben.

-----

Lesen Sie auch:

Zoff um Malcom: Roma will Messi als Entschädigung

Barca sucht Iniesta-Nachfolger