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München - In Manchester entlädt sich die Fan-Wut in unschöner Form. Was hat das zu bedeuten, wie geht es weiter und droht uns in Deutschland ein ähnliches Szenario?

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Am Sonntag war es soweit: Die Fan-Wut entlud sich in Manchester mit voller Wucht. 

Anhänger der Red Devils protestierten und randalierten vor dem Old Trafford. Einige gelangten auch in den Innenraum und stürmten den heiligen Rasen des legendären Theatre of Dreams. 

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Der Protest richtete sich gegen die Glazer-Familie, die Eigentümer von Manchester United. Ein Stück weit protestierten sie aber auch gegen die Richtung, die der komplette Profi-Fußball im Mutterland des Sports mittlerweile eingeschlagen hat. 

Nach den wütenden Protesten stellt sich die Frage, wie es auf der Insel weitergehen kann und inwieweit uns auch in Deutschland ein ähnliches Szenario drohen könnte. 

Im SPORT1-Interview schätzt der deutsche Soziologe und Fanforscher Prof. Dr. Gunter A. Pilz die Lage in England, Spanien und Deutschland ein. 

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SPORT1: Die Bilder von Fan-Protesten in Manchester gingen am Sonntag um die Welt. Glauben Sie, dass dies das Ende der Glazer-Familie bei United ist und auch das Ende für weitere Klub-Eigentümer bedeuten könnte? (Spielplan und Ergebnisse der Premier League)

Prof. Dr. Gunter A. Pilz: "Ich kann mir das gut vorstellen. Auf jeden Fall dann, wenn die Fans weiterhin in der Form demonstrieren und der Druck größer wird. Wenn dieses Szenario eintritt, dann ist es fraglich, ob Eigentümer wie die Glazer-Familie ihr Engagement aufrechterhalten werden. Sie machen das nicht nur aus Eigeninteresse, sondern haben auch PR-Gedanken. Wenn Glazer merkt, dass dieser PR-Schuss nach hinten losgeht, wird er es sich überlegen, ob er sich komplett aus dem Geschäft zurückzieht. Es schadet ansonsten auch seinen anderen Unternehmen."

"Die Fans haben ein Sakrileg verletzt"

SPORT1: Die Fans haben also durchaus die Macht, Klubboss Joel Glazer aus dem Amt zu drängen?

Prof. Dr. Pilz: "Es hängt jetzt davon ab, wie hartnäckig die Fans sind. So wie das momentan in England läuft, nimmt das eine besondere Dimension an. Wir müssen vor allem eines wahrnehmen: Wenn man sagt, die stürmen den Platz und verhindern damit das Austragen eines Spieles, dann hat das in England gleich nochmal eine ganz andere Dimension als in Deutschland. Ein Platzsturm ist in Deutschland zwar auch verboten und wird versucht zu verhindern, in England ist der Rasen aber heiliges Feld. Da gibt es klare Regeln: Wenn jemand nur einen Fuß auf den Rasen setzt, dann kriegt er eine Strafe von 1000 Pfund. Und wenn er diese nicht gleich bezahlen kann, wird er in den Knast gesteckt. Wenn die Fans jetzt den Platz stürmen, dann zeigt das, dass sie ein Sakrileg verletzen und das Heiligtum betreten haben. Das ist ein Verstoß, der noch viel massiver ist als bei uns. Dort ist ein heiliger Rasen auch wirklich ein heiliger Rasen. Ich habe das selbst vor vielen Jahren miterlebt, als wir ein englisches Stadion besuchten. Es ist die rote Linie mehr als nur überschritten worden. Momentan fehlt mir die Fantasie, wie dort ein Spiel in naher Zukunft stattfinden kann - es sei denn mit einem riesigen Polizeiaufgebot."

SPORT1: Wie kann in Manchester und England allgemein eine Lösung gefunden werden? (Tabelle der Premier League)

Prof. Dr. Pilz: "Erstmal sind jetzt die Eigentümer unter Beschuss. Ich glaube aber, dass es in England überzogen wurde und die Klubbosse dort zur Besinnung kommen. Ich glaube, in England ist der Punkt gekommen, an dem sie zurückschrauben werden und an dem die Fans merken, dass sie jetzt und hier ihre Macht nutzen müssen. Der Druck wird auch deshalb stärker sein, weil sie sowohl die Medien als auch die Politik hinter sich haben. Von allen Seiten gibt es massive Interventionen. Das alles zeigt mir, dass die Klubs sich jetzt wohl oder übel ein Stück zurücknehmen müssen. Nicht zur Besinnung kommen anscheinend die spanischen Klubs, die mit ihren Schulden noch ein Vielfaches dramatischer dran sind. Dort ist interessant, dass die Fans bislang überhaupt nicht reagieren. Das überrascht mich sehr viel mehr, da der Präsident von Real Madrid weiterhin an dieser Super League festhalten möchte und auch Druck auf die Vereine machen will, die offensichtlich auch schon Verträge unterschrieben haben." 

"Kein ähnliches Konfliktpotenzial" in der Bundesliga

SPORT1: In Deutschland ist es ruhig. Wie erklären Sie sich das?

Prof. Dr. Pilz: "Der Grund ist, dass die deutschen Bundesliga-Klubs sich - klug wie sie waren - dieser blödsinnigen Super League nicht angeschlossen haben. Deswegen ergab sich das Drama nicht, das sich in England abspielt. Wir werden sehen, was sich mit der Aufstockung der Champions League ergibt. Da sehe ich aber zumindest momentan kein ähnliches Konfliktpotenzial. Die Bundesliga und die Vereine haben gezeigt, dass sie die Zeichen der Zeit, zumindest was die Super League angeht, begriffen haben." 

SPORT1: Es drängt sich das Gefühl auf, dass die Fans nach dem Sturz der Super League Mut geschöpft haben, den Kommerz im Fußball an sich anzugehen. Das wäre dann doch auch ein Faktor, der in Deutschland auftreten könnte, oder?

Prof. Dr. Pilz: "Das haben wir schon seit Jahren, was über entsprechende Choreografien immer wieder sehr deutlich gemacht wird. In Deutschland gibt es die 50+1-Regelung, die eine Bremse darstellt. Es gibt ein paar Vereine, auf die sich die Fans einschießen: RB Leipzig, Bayer Leverkusen, die TSG Hoffenheim oder der VfL Wolfsburg. Das sind die Klubs, bei denen die 50+1-Regel durch eine Ausnahmegenehmigung ausgehebelt wurde. Insgesamt bleibt sie aber bestehen. In England sieht man, dass die Fans Druck ausüben und auch die Politik reagiert. Dort überlegt man nun auch, ob eine 50+1-Regelung eingeführt werden kann. Ich glaube, die Situation in Deutschland ist um ein Vielfaches anders als in England, da dort die Klubs schon sehr viel früher und auch sehr viel hemmungsloser mit dem Ausverkauf der Vereine über die Mäzene, Sponsoren etc. angefangen haben. Da ist die Wut um ein Vielfaches stärker und hat über die Super League den Höhepunkt erreicht. Das ist an uns vorbeigegangen, da kein Klub, vor allem nicht Borussia Dortmund und der FC Bayern, an dem Wettbewerb teilnehmen wollten. Wohlwissend: Wenn sie das gemacht hätten, hätte der gleiche Shitstorm auch bei ihnen stattgefunden."

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Englische Verhältnisse? "Das wird nicht passieren"

SPORT1: Glauben Sie, dass sich die Ablehnung der Super League in Deutschland positiv auf das Verhältnis zwischen Klubs und Fans auswirkt?

Prof. Dr. Pilz: "Das muss man abwarten. Zunächst waren es nur die Großklubs Bayern und Dortmund, die sich klar positioniert haben. Das hat bei den Fans sicherlich etwas bewegt. Bei diesen Klubs ist das Verhältnis der Fans aber auch sehr ambivalent. Sicherlich beruhigt das und gibt den Fans auch die Motivation, hier jetzt nicht locker zu lassen. Sie dürften den Ansporn haben, die Forderungen, die sie gestellt haben, mit Nachdruck zu verfolgen. Mit Nachdruck meine ich vor allem eines: Aufgrund von Corona und den Finanznöten der Vereine hat die DFL eine Taskforce eingerichtet, zur Zukunft des Fußball. Es geht dabei darum, die Überdrehung der Finanzen mit Reduktion oder Deckelung von Transfersummen etc. zu regeln. Sie haben ihre Arbeit beendet und die Reaktionen der Fans, die da ja zum Teil mit dabei waren, waren sehr ernüchternd. Von dem, was sie sich versprochen und erwartet haben, ist wenig eingetroffen. Von daher könnte die Gesamtstimmungslage durchaus zu einem Schub führen, um zu signalisieren: Wenn auch die Ergebnisse der Taskforce nicht so sind, wie wir sie uns vorgestellt haben, werden wir nicht lockerlassen, sondern jetzt erst recht nochmal unsere Interessen formulieren und mit Nachdruck einfordern. Und ich denke, sie werden auch in Deutschland Rückendeckung von der Politik bekommen. Um deutlich zu machen: 'Leute, so kann es nicht mehr weiter gehen.'"

SPORT1: Also erwarten Sie von den Fans auch den ein oder anderen Protest in Deutschland, wenn sie wieder in die Stadien dürfen?

Pilz: "Der wird immer kommen: In Form von Choreografien, aber mit Sicherheit nicht in der Form, dass ein Spielfeld gestürmt wird. Ich glaube, dass die deutschen Profiklubs, im Vergleich zu den englischen, die Zeichen der Zeit erkannt haben. Sie haben erkannt, wie wichtig Fans sind. Durch Corona und die Abwesenheit der Fans haben wir erst recht gemerkt, wie wichtig sie sind. Es gibt in deutschen Stadien Signale, an denen man sieht, dass man sehr viel weiter als in England ist."

SPORT1: Was für Signale sind das? (Alle News und Hintergründe zur Premier League)

Prof. Dr. Pilz: "Beispielsweise bei den Eintrittspreisen, die um ein Vielfaches moderater sind als in England, wo man im Prinzip die Leute, die eigentlich die Seele des Fußballs ausmachen - also die Arbeiterklasse - aus den Stadien verdrängt hat, weil diese sich die Eintrittspreise nicht mehr leisten können. Was da eine Karte für ein Spiel kostet, dafür kriegt man in Deutschland eine Dauerkarte. Und zweitens: Die Bundesliga bzw. der Deutsche Fußballbund ist der einzige Verband in der FIFA, der in seinen nationalen Spielen nach wie vor die Regelung hat, dass mindestens zehn Prozent der Stadionkapazität Stehplätze sein müssen. Um den Fans entgegenzukommen und preiswertere Plätze zu sichern. Und außerdem weiß jeder: Stimmung im Stadion kann man nicht im Sitzen machen, sondern nur im Stehen. Von vielen Seiten aus läuft da einiges, sodass ich der Überzeugung bin, bevor hier englische Verhältnisse eintreten, da müsste noch sehr, sehr viel passieren. Ich würde sogar so weit gehen und die Prognose wagen: Das wird nicht passieren."