Billy Kenny blieb aufgrund seiner Probleme abseits des Platzes eine größere Karriere verwehrt
Billy Kenny blieb aufgrund seiner Probleme abseits des Platzes eine größere Karriere verwehrt © SPORT1-Grafik/Action Images
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Billy Kenny vom FC Everton gilt Anfang der 90er Jahre als Megatalent im englischen Fußball. Doch Alkohol und Drogen machen eine große Karriere zunichte.

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Er galt als eines der größten Talente im englischen Fußball Anfang der 90er Jahre, doch so raketenmäßig sein Start verlief, so schnell versank er auch wieder in der Versenkung.

Die Rede ist von Billy Kenny, der 1992 in der allerersten Saison der Premier League für den FC Everton debütierte und von seinem Teamkollegen Peter Beardsley als "Goodison Gazza" gepriesen wurde – in Anlehnung an den damaligen englischen Superstar Paul Gascoigne.

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Doch während "Gazza" trotz Alkoholkrankheit eine beeindruckende Karriere hinlegte, wurden Kenny der Alkohol sowie Drogen bereits in jungen Jahren zum Verhängnis.

Doch der Reihe nach.

Nachdem er in der Jugend seines Herzensvereins Everton groß geworden war, feierte der Mittelfeldspieler, der in jungen Jahren auch Angebote vom FC Liverpool und Manchester United vorliegen hatte, am 17. Oktober 1992 bei einem 1:1-Remis gegen Coventry City im Alter von 19 Jahren sein Debüt für die Toffees.

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Sein Kindheitstraum war in Erfüllung gegangen. "Soweit ich mich zurückerinnern kann, wollte ich nur für Everton spielen", erklärte Kenny jetzt bei The Athletic. "Als ich aufwuchs, hat mich nichts anderes interessiert."

Kenny: Galaauftritt für Everton gegen Liverpool

Schnell wurde deutlich, welches Juwel Everton in seinem Kader hatte. Der Sohn des früheren Everton-Mittelfeldspielers Billy Kenny Senior avancierte sofort zum Stammspieler und hatte seine Sternstunde am 7. Dezember 1992 in seinem allerersten Merseyside-Stadtderby gegen Liverpool.

Nach 0:1-Rückstand drehte Everton die Partie und gewann mit 2:1. Kenny wurde nach einer famosen Vorstellung gar zum Spieler des Spiels ernannt. "Wie ein Pitbull auf Crack", beschreibt der heute 47-Jährige seine Leistung an diesem Tag. "Ich konnte nicht gestoppt werden."

Mit dem Sieg gegen den weitaus erfolgreicheren Nachbarn erfüllte sich Kennys nächster Kindheitstraum. "Jedes Mal, wenn ich zu Bett ging, als ich zehn oder elf Jahre alt war, hatte ich den gleichen Traum: Ich habe dazu beigetragen, Liverpool im Derby zu schlagen", sagte Kenny.

"Ich habe nie den Siegtreffer erzielt", fügte er hinzu. "Kinder träumen wahrscheinlich von sowas, aber in meinem Traum schlage ich sie einfach nur, und es war großartig. Diesen Traum hatte ich jahrelang und eines Tages hatte ich die Chance, es zu schaffen."

Eben an jenem 7. Dezember 1992. Zunächst hatte es jedoch nicht nach einem Triumph für Everton ausgesehen. Als Liverpool nach 62 Minuten in Front ging, brachen bei Kenny beinahe alle Dämme: "Mark Wright traf nach einer Ecke über meinen Kopf hinweg zur Führung. Ich kann mich erinnern, dass ich auf dem Platz fast in Tränen ausgebrochen wäre."

Doch Kenny konnte schnell wieder aufatmen. Nur eine Minute später gelang Mo Johnston der Ausgleich, ehe Beardsley in der 84. Minute Evertons Siegtreffer erzielte.

"Wir hatten nie das beste Team", sagte er. "Liverpool war übermächtig, als wir gegen sie gespielt haben. Aber wir haben eine großartige Mannschaftsleistung gezeigt. Wir hatten diesen unbändigen Willen."

Kenny stand fortan im Rampenlicht, nach seinem glorreichen Auftritt war er in aller Munde, und Everton stattete seinen verheißungsvollen Teenager mit einem neuen, besser dotierten Vertrag aus.

Snodin voll des Lobes für Kenny

"Er war ein außergewöhnliches Talent", erinnert sich der damalige Everton-Teamkollege Ian Snodin. "Billy hatte alles. Als Teenager war er bereits so selbstbewusst und er spürte, dass er zu uns in die erste Mannschaft gehörte. Er hatte einen liebenswerten Charakter."

Was zu diesem Zeitpunkt aber keiner auch nur ansatzweise hätte erahnen können: Nur gut vier Monate nach dem Galaauftritt gegen Liverpool sollte Kenny, der auch ein Spiel für die englische U21-Nationalmannschaft bestritt, seine letzte Ligapartie im Dress der Toffees absolvieren – am 17. April 1993 bei einen torlosen Remis beim FC Southampton.

Was dann folgte, war ein Absturz sondergleichen. Wegen eines Schienbeinkantensyndroms im Sommer 1993 war der Mittelfeldspieler nach einer Operation ein halbes Jahr lang zum Zuschauen verurteilt, dazu kam ein doppelter Leistenbruch. Depressionen, Alkohol und Drogen bestimmten in dieser Zeit sein Leben, falsche Freunde taten ihr Übriges.

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"Ich konnte ewig nicht trainieren und die Dinge sind mir über den Kopf gewachsen", erklärte Kenny. "Da habe ich dann richtig mit dem Trinken angefangen." Als er wieder ins Training zurückkehrte, war aus dem Megatalent ein Suchtkranker geworden.

Vom Mega-Talent zum Suchtkranken

"Saufen ist heutzutage im Fußball verschwunden, aber ich würde fast sagen, dass es damals ein Muss war", blickt Kenny auf diese Zeit zurück. "Es hat natürlich nicht jeden betroffen. Aber was mich angeht, so endete ich als schrecklicher Alkohol- und Drogensüchtiger."

Kenny erinnert sich: "Ich ging angefressen ins Training. Ich hatte nicht geschlafen und Übergewicht. Beim Rennen konnte ich kaum atmen. Dann gab es einen Drogentest und ich wurde positiv getestet."

Evertons Trainer Howard Kendall war die schlimme Situation um Kenny bewusst und tat alles, um sein Megatalent wieder in die Spur zu bringen. Doch trotz Entzug und Geldstrafen stellte sich keine Besserung ein.

Als seine Vaterfigur Kendall im Dezember 1993 zurücktrat und Mike Walker übernahm, dauerte es nicht lange, bis Kenny bei Everton Geschichte war. Walker hatte wenig Geduld bei den Problemen des einstigen Hoffnungsträgers, und nach einem letzten Ultimatum wurde Kenny aufgrund groben Fehlverhaltens gefeuert – nach gerade mal 17 Partien in der Premier League und einem Treffer.

Karriereende mit 21 Jahren

Im Sommer 1994 heuerte Kenny dann bei Absteiger Oldham Athletic an, konnte aber an seine früheren Leistungen nicht mehr anknüpfen und wurde nach nicht einmal einer Saison und gerade mal vier Ligaspielen erneut entlassen – erneut wegen groben Fehlverhaltens. Im Anschluss beendete er seine Profikarriere im Alter von 21 Jahren.

Darauf folgte der komplette Absturz: Fünf Jahre lang war Kenny dem Alkohol und Drogen verfallen, kurzzeitig landete er gar im Knast. "Ich habe dem Fußball dafür die Schuld gegeben, was aus mir geworden war", sagte Kenny.

Erst seit sechs Jahren ist er richtig trocken und aufgrund von täglichen Boxeinheiten total fit. Er kann sich vorstellen, eines Tages ein Buch über seine Geschichte zu schreiben.

"Es war hart, und wenn ich noch mal von vorne beginnen könnte, würde ich die Dinge anders machen", erklärt Kenny. "Aber im Alter von 14 bis 18 Jahren habe ich mich wirklich in Form gebracht, von einem fetten Kind, das es geschafft hat, für Evertons erste Mannschaft zu spielen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war es eine Leistung, nicht wahr?"