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Sandro Schwarz ist nach seiner Zeit als Trainer in Mainz nach Russland gegangen. Bei Dynamo Moskau arbeitet er unter dem früheren Klopp-Assistenten Zeljko Buvac.

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Seit dem 14. Oktober ist der frühere Mainz-Coach Sandro Schwarz Cheftrainer bei Dynamo Moskau. 

Zuletzt erreichte er mit seiner neuen Mannschaft ein 1:1 gegen Domenico Tedescos Spartak Moskau. Wie verlief der Start für den Deutschen ansonsten? Im Interview mit SPORT1 spricht der 42-Jährige über seine ersten Erlebnisse und die großen Ambitionen.

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SPORT1: Wie ist es in Moskau? Neues Land, neue Sprache, alles neu. 

Sandro Schwarz: Genau so ist es, aber so wollte ich es auch. Und deshalb habe ich mich auch bewusst dazu entschieden diesen Schritt zu machen, ins Ausland zu gehen mit neuer Sprache, neuer Kultur. Man muss sich das so vorstellen: Es ist wie ein komplett weißes Blatt Papier und du beschriftest es jeden Tag aufs Neue. Es ist super spannend und interessant, eine tolle Herausforderung. Natürlich helfen auch am Anfang solche Ergebnisse (bislang drei Siege, ein Remis, eine Niederlage, Anm.d.Red.), den Prozess zu beschleunigen. Das spüren wir auch in der Mannschaft, im Umgang mit der Mannschaft und dem ganzen Staff. Man bekommt immer neue Einblicke und erlebt Dinge, mit denen man niemals gerechnet hätte. Zu lernen, dann auf diese Situationen zu reagieren, macht dich schon ein Stück reifer.

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SPORT1: Lernen Sie schon Russisch? 

Schwarz: Ich habe nächste Woche meine erste Unterrichtsstunde per Videocall mit einem Russischlehrer. Natürlich kenne ich schon ein paar fußballerische Fachbegriffe für das Training. Aber ich bemühe mich schon darum, bald vernünftige russische Sätze von mir geben zu können. 

SPORT1: Wie ist das Leben in Moskau? 

Schwarz: Wir merken die Situation bezüglich Corona natürlich auch wie an jedem anderen Fleck der Welt auch. Man ist in der Tat sehr eingespannt im riesigen Trainingskomplex hier. Das ist auch in Ordnung, weil man sich erstmal komplett auf die Arbeit fokussiert. In den bisherigen drei Wochen waren wir einmal auf dem Roten Platz und haben das Touri-Programm absolviert, um einfach mal ein Gefühl für die Stadt zu bekommen. Es ist gigantisch.  

Schwarz: Man hat hier alles, es ist unfassbar

SPORT1: Wie wohnen, leben und arbeiten Sie gerade? 

Schwarz: Es gibt einen riesigen Trainingskomplex. Das ist wie ein Hotel. Ich habe eine Drei-Zimmer-Wohnung und auch ein Büro. Man ist von morgens bis abends hier und mit seiner Arbeit beschäftigt. Der Vorteil ist, dass man sich zwischendurch auch ein paar Stunden aufs Ohr hauen kann. Auch jeder Spieler hat sein Zimmer hier. Es gibt einen Speisesaal, ein riesiges Schwimmbad, wo man abends sein Sportprogramm machen kann. Man hat alles hier, es ist unfassbar. Dann fühlt es sich auch nicht einsam an. Man hat immer jemanden um sich, aber auch seinen Rückzugsort und kann sich voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren.

SPORT1: Sie haben mit Roman Neustädter auf dem Platz, Sportdirektor Zeljko Buvac und Co-Trainer Andrej Voronin mit viel Mainzer Vergangenheit zu tun. Gibt das Ihnen ein Gefühl von Nestwärme? 

Schwarz: Dass Zeljko durch seine Erfahrung, die er in den acht Monaten, die er schon hier ist, gesammelt hat, die Strukturen schon kennt, ist sehr hilfreich. Sich mit ihm täglich über Fußball, Trainingsformen und die Spielidee auszutauschen, genieße ich. Es ist ein Vollbrett. Andrej Voronin, den wir seit über 20 Jahren kennen, als wir zusammen gekickt haben, ist mit der Sprache und seinem fußballerischen Denken eine enorme Hilfe. Und Roman ist natürlich ein wichtiges Bindeglied zur Mannschaft und Sprachrohr. Natürlich hilft das, aber dennoch ist es so, dass man vom ersten Tag an mit einer Offenheit auf die Menschen zugeht und sich so gibt, wie man ist. Es ist nicht so, dass wir vier nur unter uns sind und Deutsch miteinander sprechen. Sondern es fühlt sich so an, als wären wir schon länger hier.

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SPORT1: Buvac wurde schon in Zeiten unter Klopp als "Brain" bezeichnet. Er ist ja nicht nur Sportdirektor. Wie gewinnbringend ist die Zusammenarbeit mit ihm?  

Schwarz: Es besteht eine totale Augenhöhe und das ist gut. Da geht es nicht um Eitelkeiten. Es geht darum, wie wir erfolgreich Spiele bestreiten und die Spieler weiterentwickeln können. Der Austausch dazu ist fruchtbar, und das beruht auf Gegenseitigkeit. Das spüren auch die Jungs. Es ist genial und fühlt sich gut an.

SPORT1: Welche Ziele haben Sie mit Dynamo Moskau? 

Schwarz: Wir sind sehr ambitioniert. Dynamo ist ein Traditionsklub, deshalb herrscht hier auch ein besonderer Druck, aber ein positiver. Das ist auch Ansporn für uns, die nächsten Stufen zu erreichen. Es geht um die Weiterentwicklung unseres Spiels, die Spiele so erfolgreich wie möglich zu gestalten mit dem Wissen, auch mal wieder Spiele zu verlieren. Das gehört leider dazu. Aber der Start gibt natürlich Rückenwind. In diesem Klub steckt enormes Potenzial. Man hat hier Visionen. Das hundertjährige Jubiläum in zwei Jahren ist ein wichtiges Datum. Dann möchte der Klub auch die nächsten Schritte erreicht haben, unabhängig davon, ob das zu einem Titel führt oder nicht.  

Schwarz hielt erste Ansprachen auf deutsch

SPORT1: Wie muss man sich Ansprachen an Ihre Mannschaft vorstellen? 

Schwarz: Die ersten zwei Ansprachen waren auf Deutsch und ein Dolmetscher hat sie auf Russisch übersetzt. Jetzt mache ich die Ansprachen auf Englisch, weil 50 bis 60 Prozent der Mannschaft Englisch verstehen. Die anderen 50 Prozent bekommen es vom Dolmetscher auf Russisch übersetzt. In Einzelgesprächen oder auf dem Trainingsplatz übersetzt Andrej. 

SPORT1: Wie waren die Reaktionen Ihrer früheren Weggefährten? 

Schwarz: Per SMS, der eine oder andere schon auf Russisch. (lacht) Aber alle sehr positiv, weil sie es als mutigen Schritt ansehen. Ich bin nicht der Typ, der einen normalen Werdegang haben möchte, von dem jeder weiß, was er als nächstes macht. Ich möchte mich nach meinen Wünschen weiterentwickeln. Das positive Feedback, das ich bekommen habe, gibt mir viel Kraft und Energie für die Zeit, die ich hier erleben darf.

Schwarz und das Problem mit dem Türhenkel

SPORT1: Sind ZSKA, Zenit und Spartak eigentlich so Übermachten wie in Deutschland Bayern, Dortmund und Leipzig? 

Schwarz: Ja, von der Kaderstruktur her sind ZSKA, Zenit, Spartak, Lokomotive und Krasnodar die Mannschaften, die über uns angesiedelt sind. Dennoch gibt es für uns die Möglichkeit, auf anderen Wegen erfolgreich zu sein. Da haben wir momentan einen ganz guten Weg gefunden. 

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SPORT1: Im Vergleich zu Deutschland sind die Wege zu Auswärtsspielen deutlich weiter. Was ist denn die weiteste Reise? 

Schwarz: Das weiß ich nicht. Aber man hat mir gesagt, dass die Mannschaften, die am weitesten weg sind, dieses Jahr gar nicht dabei sind. Wir hatten bisher ein Auswärtsspiel in Tambow, das war eine Stunde und 15 Minuten Flugzeit entfernt. Mein Problem war dort nur, dass der Türhenkel meine Badtür abgebrochen ist. Ich war froh, dass ich mein Handy bei mir hatte und jemanden anrufen konnte. (lacht) 

SPORT1: Die Saison ist in Russland zeitlich ein wenig anders angesetzt als in Deutschland. Die Hinrunde ist beinahe schon wieder beendet. 

Schwarz: Ja, wir haben aber auch eine lange Winterpause, die wir in der Türkei verbringen. Am 20./21. Februar geht es erst wieder weiter mit einem Pokalspiel gegen Spartak.