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München - Und plötzlich ist Ciriaco Sforza Cheftrainer des FC Basel. Im ersten Interview spricht er über eine schwierige Zeit, sein neues Leben und den FCB.

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Ciriaco Sforza hat sich gewandelt. Als Trainer und als Mensch. Früher stand er sich oft selbst im Weg, fühlte sich missverstanden und wirkte verbissen, unnahbar, sogar arrogant. Doch 2012 war ein Wendepunkt im Leben von Sforza. Schweizer Medien schrieben damals über eine der erstaunlichsten Wandlungen der Schweizer Fußball-Geschichte.

Der heute 50-Jährige, der als Profi unter anderem für den 1. FC Kaiserslautern, den FC Bayern und Inter Mailand spielte und Vereine wie den Grashopper Club Zürich trainierte, hat zu sich gefunden. In der vergangenen Woche wurde Sforza als neuer Trainer beim FC Basel vorgestellt. Eine schwierige Aufgabe.

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Im ersten Interview als FCB-Trainer spricht Sforza bei SPORT1 über seine Sinnkrise, sein neues Leben und den Job in Basel.

SPORT1: Herr Sforza, wie war es für Sie, ein Angebot vom FC Basel zu bekommen?

Ciriaco Sforza: Das hat mich sehr gefreut. Ich bin glücklich. Es zeigt, dass wir in Wil (seiner vorherigen Station, Anm. d. Red.) sehr gute Arbeit abgeliefert haben und das von den Verantwortlichen des FC Basel erkannt wurde. Das ist ein Kompliment, über das ich mich sehr freue.

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SPORT1: Wie waren die ersten Tage?

Sforza: Sehr schön und mit vielen positiven Emotionen. Da ist eine Mannschaft auf mich zugekommen, die will, die hungrig und talentiert ist. Da ist viel Erfahrung im Team. Der Verein und der Präsident wollen einen sportlichen Neuanfang machen. Sie zählen auf eine neue Saison und auf eine neue Entwicklung. Darauf freue ich mich.

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SPORT1: Ist der FC Basel für Sie der FC Bayern der Schweiz?

Sforza: Ja. Wenn man sieht, was in den vergangenen Jahren in Basel entstanden ist und was der FCB erreicht hat, mit einer tollen Infrastruktur und tollen Fans, dann ist das für Schweizer Verhältnisse absolut top.

"Sie wollen wieder ganz nach oben"

SPORT1: Vor einigen Jahren war der FC Basel noch eine größere Nummer. Wie sehr hatten Sie den Klub all die Jahre im Blick?

Sforza: Egal, ob man in der Schweiz oder im Ausland über den FC Basel spricht, sagt man, dass es ein großer Verein ist. Das ist ein Traditionsklub, und es wurde da etwas Sensationelles aufgebaut. Sie wollen wieder ganz nach oben. Aber man darf nicht vergessen: Viertelfinale in der Europa League, im Endspiel im Pokal und Platz drei in der Liga - das ist doch eine großartige Leistung. Natürlich erwarten die Fans immer, dass der FC Basel Meister wird. Aber auch in der vergangenen Runde hat man in der Meisterschaft überzeugt.

SPORT1: Ihr Präsident Bernhard Burgener sagte, Sie seien der richtige Trainer für den FC Basel. Warum?

Sforza: Ich bin mit dem Herzen dabei, mit Emotionen und der nötigen Leidenschaft. Ich will für den FCB mein Bestes geben, will tollen Fußball spielen lassen und die Zuschauer begeistern. Ich möchte die Truppe aber auch erst mal kennenlernen. Einige Spieler sind bei der Nationalmannschaft und ein paar junge Spieler kommen zu den Profis hoch. Einen konkreten Plan will ich jetzt noch nicht verraten.

SPORT1: Nach Ihrem Engagement in Thun hatten Sie fast vier Jahre keinen Job. Haben Sie da gezweifelt, ob Sie wieder einen attraktiven Trainerposten bekommen?

Sforza: Gezweifelt habe ich nie. Ich habe mir eine Auszeit genommen, weil ich das als Mensch gebraucht habe. Ich wollte mich sortieren und analysieren. Ich wollte noch mal als Trainer arbeiten. Die Pause hat mir geholfen und im Beruf wie auch als Person gut getan. Als Mensch bin ich ruhiger und klarer als früher. 

"Ich bin ein anderer Ciriaco Sforza"

SPORT1: Vor Wil sagten Sie, dass das Ihr zweiter Anlauf in Ihrer Trainerkarriere sei. Wie haben Sie das gemeint?

Sforza: Ich bin in mich gegangen und habe mich gefragt, was ich in Zukunft will und was nicht. Und so klar bin ich in Wil in den Job reingegangen. Ich konnte junge Spieler fußballerisch entwickeln. Und auch ich konnte mich persönlich weiterentwickeln. Ich bin ein anderer Ciriaco Sforza als früher. Wenn man ruhig und konzentriert arbeitet, dann kommt auch eine nächste Chance.

SPORT1: Ist der FC Basel für Sie also ein Sechser im Lotto?

Sforza: Ja, das gilt hoffentlich für beide Seiten. (lacht)

SPORT1: Es gibt Stimmen, die sagen, dass Ciriaco Sforza als Trainer nie so gut werden wird, wie er als Spieler war. Hat Sie das über Jahre belastet?

Sforza: Nein. Es gibt nicht nur Schulterklopfer, sondern auch Kritiker. Auch mit denen musst du umgehen können. Aber das Wichtigste ist, dass du weiter bei dir bleibst und konzentriert arbeitest.

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"Ich will keine Schnellschüsse mehr"

SPORT1: 2012 hatten Sie eine Art Sinnkrise. Sie wirkten früher für viele Menschen unnahbar und etwas arrogant. Wie ordnen Sie diese Zeit ein?

Sforza: Es war eine sehr wertvolle Zeit. Und zwar nicht zu 100 Prozent, sondern zu 200 Prozent. Ich musste klar mit mir selbst werden, habe einige Dinge und Verhaltensmuster aussortiert. Ich musste ehrlich zu mir selbst sein. Das kann ich heute. Ich musste lernen, nein zu sagen. Ich wusste früher nicht immer, was ich will und was nicht. Ich konnte auch mit Kritik weniger gut umgehen.

SPORT1: Fühlten Sie sich früher öfter missverstanden?

Sforza: Definitiv, aber ich musste da bei mir anfangen. Früher gab es bei mir Situationen, in denen ich unsicherer war. Heute weiß ich genau, was ich machen will und stehe dahinter - das gilt für den Menschen wie auch für den Trainer Sforza. In der Vergangenheit wollte ich zu viel und manches zu schnell auf einmal. Ich musste für mich lernen, ruhig und konzentriert zu bleiben. Ich will keine Schnellschüsse mehr machen. Es wird alles gut, wenn man daran glaubt, was man tut.

"Ich war immer glücklich, aber..."

SPORT1: Sie sagten mal, dass Sie heute mit weniger zufrieden sind. Haben Sie zudem aufgehört, Ihre sensible Seite zu unterdrücken?

Sforza: Ja, das war so. Ich bin zufrieden und glücklich mit dem, was ich heute habe. Ich will meinen Mitmenschen das Beste von mir geben. Das ist meine neue Philosophie. Damit das nicht falsch rüberkommt: Ich war immer glücklich, aber jetzt ist mir viel klarer, was das bedeutet. Mir war auch in der Vergangenheit wichtig, dass ich weiß, was ich will und was ich kann. Dann kommt auch der Moment, in dem du eine Chance bekommst.

SPORT1: Ihr Traum war immer, Trainer in Deutschland zu werden. Wie sehr wünschen Sie sich, dass dieser noch in Erfüllung geht?

Sforza: Träumen darf jeder. Auch ich. Aber mein Traum ging vergangene Woche in Erfüllung, als ich beim FC Basel unterschrieben habe. Wenn ich sehe, was hier im Verein abgeht, dann muss ich sagen: Mehr kann ich mir nicht wünschen. Mein Ziel ist es, hier Erfolg zu haben.

"Ich muss meinen Kritikern nichts beweisen"

SPORT1: Und es Ihren Kritikern zu zeigen?

Sforza: Ich muss meinen Kritikern nichts beweisen. Ich will einfach erfolgreich sein und die Mannschaft weiterentwickeln. Ich will auch als Trainer auf die Spieler und die Fans zugehen. Aber wichtig ist mir der Mensch. Wir müssen zusammen ehrlich und offen kommunizieren. Wenn man ein Ziel hat, dann erreicht man das nur mit ehrlicher Kommunikation.

SPORT1: An welchen Trainern orientieren Sie sich?

Sforza: Ich habe mich immer an den Trainern orientiert, unter denen ich gearbeitet habe. Ich hatte sehr gute Trainer wie Ottmar Hitzfeld, Otto Rehhagel, Roy Hodgson, Eric Gerets und Leo Beenhakker. Von jedem habe ich menschlich und taktisch etwas mitgenommen. Ich bin jetzt der, der ich sein will. Ich bin der Trainer Sforza, der hinter seiner Philosophie steht.

SPORT1: Welchen Fehler möchte der Mensch Ciriaco Sforza nie wieder machen?

Sforza: Zu schnelle Entscheidungen zu treffen. Früher als Profi habe ich vieles am nächsten Tag bereut. Heute bin ich besonnener. Das wird mir nicht mehr passieren.