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München - Nach dem Saisonabbruch in den Niederlanden gehen viele Klub-Verantwortliche auf die Barrikaden. Bei SPORT1 spricht erstmals einer, der von dem Aus profitiert.

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Diese Nachricht hatte es in sich.

Am Samstag vollzog der niederländische Verband nicht nur den Abbruch der aktuellen Saison, sondern sorgte mit der Wertung der Spielzeit für Aufregung.

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Es gibt keinen Meister und keine Auf- und Absteiger, die Teilnehmer für das europäische Geschäft wurden anhand der aktuellen Tabelle bestimmt.

Einer, der mit seinem Verein profitiert, ist Timon Wellenreuther, Torwart von Willem II Tilburg. Der Klub hat durch das vorzeitige Ende der Saison als Fünftplatzierter die Qualifikation für die Europa League geschafft, während Konkurrent Utrecht in die Röhre schaut.

SPORT1 erreichte den 24-Jährigen bei seiner Familie in Karlsruhe und sprach mit ihm über die Entscheidung der Eredivisie, die Bundesliga und die drohende Insolvenz bei zwei seiner deutschen Ex-Klubs.

SPORT1: Herr Wellenreuther, wie fühlen Sie sich?

Timon Wellenreuther: Mir geht es gut, ich bin fit und trotz der Umstände in der Coronakrise gesund. Auch in meiner Familie sind alle wohlauf, das ist das Wichtigste. Ich war noch nie so fit wie im Moment, weil ich mich so oft durch Laufen fit halte. Das liegt natürlich auch daran, weil ich derzeit wenig zu tun habe. Und als Torwart ist das Laufen das Manko. Ich kann meine Sachen machen und muss mich nicht auf ein Spiel vorbereiten. Ich kann zu Hause mein Programm durchziehen, weil ich genügend Sachen daheim habe.

SPORT1: Welche?

Wellenreuther: Gewichte, Springseil, Lang- und Kleinhanteln. Ich habe sogar die Möglichkeit fürs Bankdrücken, das kann ich alles zu Hause bei meiner Familie machen. Das habe ich mir vor Jahren schon besorgt, wohl wissend, dass ich es irgendwann einmal brauche. (lacht). Und jetzt merke ich, dass das wichtig war, mir den Kram zu kaufen. Und so kann ich mich rundum fit halten.

SPORT1: Aber Ihnen fehlt derjenige, der Ihnen die Bälle auf das Tor schießt.

Wellenreuther: Das ist richtig. Aber von der Fitness her und vom Muskelaufbau kann ich mich als Torwart selber vorbereiten. Das geht auch wunderbar ohne Trainer. Wenn es etwas Gutes an der aktuellen Situation gibt, dann, dass ich mich komplett auf mich konzentrieren kann. Ich kann ganz entspannt im Gym mein Programm abspulen und fühle mich damit gerade sehr gut. Ich bin auch froh, dass ich jetzt bei meiner Familie sein kann, in Tilburg wäre es etwas einsam geworden.

SPORT1: Was sagen Sie zum Saisonabbruch in den Niederlanden?

Wellenreuther: Wahnsinn! Ich war richtig schockiert. Aber so ging es jedem bei uns. Keiner hätte wirklich damit gerechnet, dass man sich für einen Abbruch entscheidet. Das war schon krass, ich hätte das nicht gedacht. Ich hätte die Saison gerne zu Ende gespielt. Keiner weiß, wie es weitergehen wird. Es herrscht eine totale Leere. Die Verantwortlichen wollen noch darüber entscheiden, ob wir noch in kleinen Gruppen trainieren sollen oder nicht. Bis jetzt durften wir alle nach Hause, mal schauen, wie es in den nächsten Tagen wird. Es ist schon traurig, was sich gerade abspielt. Ich vermisse den Spiel-Alltag.

SPORT1: Kommt bei Ihnen überhaupt Freude über das Europa-League-Ticket auf?

Wellenreuther: Auf jeden Fall. In der Coronakrise braucht man als Fußballer auch mal einen Grund, um sich zu freuen. Es ist natürlich eine tolle Geschichte, dass der Klub in der nächsten Saison in der Europa League vertreten sein wird. Das hätte sich am Anfang der Saison keiner vorstellen können. Da sind wir schon sehr stolz drauf.

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SPORT1: Können Sie den Frust anderer Klubs verstehen? Vor allem Cambuur Leeurwarden trifft der Saisonabbruch hart, man wäre als derzeit Erster der zweiten Liga klarer Aufstiegskandidat und bekommt nun diese Chance entzogen. Trainer Henk de Jong schimpfte: "Die größte Schande aller Zeiten".

Wellenreuther: In seinen Worten spürt man den ganzen Frust. Ich kann das natürlich ein Stück weit nachvollziehen. Ich weiß nicht, wie der Abbruch letztendlich begründet wurde, aber wenn ich in der Haut von de Jong stecken würde, dann wäre ich auch extrem am Boden. Wenn man das ganze Jahr so gut spielt und vielleicht sogar das beste Jahr in der Vereinsgeschichte hinlegt, dann ist das schon heftig. Die Kollegen tun mir schon leid.

SPORT1: Verstehen Sie nach dem Saisonabbruch in Ihrem Land die vielen negativen Reaktionen?

Wellenreuther: Schon. Die Mannschaften, die nicht aufsteigen können oder nicht in die Europa League oder in die Champions League kommen können, fühlen sich natürlich benachteiligt. Aber im Endeffekt musste eine Entscheidung getroffen werden. Und es ist klar, dass in so einer chaotischen Situation nicht jeder zufrieden sein kann. Ich finde, die Entscheidung musste so getroffen werden, dass die Vereine, die es am besten gemacht haben, nicht bestraft werden. Es kann gerade nicht nur Gewinner geben.

SPORT1: Auch Utrecht hat es hart getroffen. Man war Sechster und stand im Pokalfinale.

Wellenreuther: Moment. Auf Platz sechs gibt es schon mal keine Europa-League- Qualifikation. Und Utrecht hatte drei Punkte weniger als wir auf dem Konto und ein Spiel weniger. Und die fehlende Partie gegen Ajax Amsterdam hätte Utrecht auch erstmal gewinnen müssen. Natürlich hätten sie eine Chance im Pokalfinale gehabt, aber auch da wäre ein Erfolg gegen Feyenoord nicht automatisch drin gewesen. Ich verstehe die Enttäuschung in Utrecht, aber in der derzeitigen Situation ist es nicht möglich, eine Entscheidung zu treffen, mit der alle happy sind. Bei einer anderen Entscheidung wären wir vielleicht die Dummen gewesen.

SPORT1: Glauben Sie, dass sich der Fußball durch Corona verändern wird?

Wellenreuther: Ja. Wenn auch nicht komplett. Ich denke, diese riesigen Gehälter und Ablösesummen werden in den nächsten zwei, drei Jahren eher nicht mehr gezahlt. Das war zuletzt schon sehr krass. Ansonsten wird der Fußball hoffentlich demnächst wieder zurückkehren in die Normalität.

SPORT1: Wird es die Bundesliga anders hinbekommen als die Niederlande?

Wellenreuther: Ich hoffe es. Eigentlich müsste es anders ablaufen, weil das Geld dort gebraucht wird. Ich hoffe auch, dass die Mannschaften bald wieder komplett trainieren und in den Spielalltag zurückkönnen. Und wenn es erstmal nur über Geisterspiele gehen wird, das wäre der Wunsch von vielen Leuten. Ein Abbruch würde die Bundesliga bis ins Mark treffen. Das wäre wirklich hart.

SPORT1: Die Ultras haben keine Lust auf Geisterspiele. Da dürfte es Protest-Aktionen geben. Können Sie das verstehen?

Wellenreuther: Die Spieler haben auch keine Lust auf Geisterspiele, aber darüber muss jetzt hinweg gesehen werden. Die Fans müssen sich jetzt in ihren Klub reinfühlen und einsehen, dass ohne Geisterspiele ihr Klub möglicherweise bankrott geht. Lieber zehn Geisterspiele und die ganze Nummer schnell durchziehen als am Ende pleite sein.

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SPORT1: Ihre früheren Vereine haben große finanzielle Probleme, da geht es um die Existenz. Wie sehr haben Sie den Karlsruher SC und Schalke 04 noch im Blick?

Wellenreuther: Ich schaue gerne und oft zu beiden Klubs und da blutet mein Herz schon. Das wäre unvorstellbar, zumal ich aus Karlsruhe komme. Es ist tragisch, welche Probleme es dort gibt. Aber das betrifft ja nicht nur diese beiden Vereine, auch bei vielen anderen Vereinen wird gerade auf Ticket- und Fernsehgehälter verzichtet. Bei uns in den Niederlanden ist es zum Glück nicht so schwer, weil die Klubs die TV-Gehälter schon bezahlt bekommen haben. Und es sind auch nicht so viele wie in Deutschland oder England. Wir in den Niederlanden können die Coronakrise besser verkraften als in den anderen großen Ligen. Die nächsten Wochen werden richtig hart für alle Mannschaften. Ich wünsche jedem, dass die Deutsche Fußball Liga (DFL) den Vereinen da unter die Arme greift.

SPORT1: Ihr Vertrag läuft diesen Sommer aus. Gibt es eine Rückkehr in die Bundesliga?

Wellenreuther: Ich muss erstmal abwarten, was passiert, ob wir noch mal trainieren oder nicht? Dann muss ich schauen, was für Angebote reinkommen. Dann werde ich die bestmögliche Entscheidung für meine Zukunft treffen. Eine Rückkehr in die Bundesliga könnte ich mir durchaus vorstellen. Aber ich habe keinen Druck, unbedingt nach Deutschland zu wechseln, ich fühle mich auch in den Niederlanden sehr wohl. Darüber hinaus gibt es auch noch weitere spannende Länder, zum Beispiel Spanien, wo ich auch schon gespielt habe.

SPORT1: Ist es ein Nachteil, dass Ihr Vertrag mitten in dieser Krise ausläuft?

Wellenreuther: Ich denke, es ist so oder so ein Vorteil für mich. Ich habe mich diese Saison sehr gut gefühlt und habe gemeinsam mit der Mannschaft eine starke Saison gespielt. Entsprechend ist meine Situation trotz der Coronakrise nicht die schlechteste. Die Leistungen in dieser Saison kann mir auf jeden Fall keiner mehr nehmen.