Florian Plettenberg, neben ihm das leere Prinzenpark-Stadion in Paris
Florian Plettenberg ist Chefreporter bei SPORT1 und berichtet über den FC Bayern und die Nationalmannschaft © SPORT1-Grafik/Imago
Lesedauer: 4 Minuten

München - In Frankreich ist die Saison wohl beendet, andere Länder kämpfen um die Fortsetzung, eine Wettbewerbsverzerrung droht. Kommentar von SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg.

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Es ist wie in Action- oder Science-Fiction-Filmen: Die Protagonisten sehen, wie sich eine Tür langsam schließt, stehen aber eigentlich zu weit weg, um es noch durch den kleiner werdenden Spalt nach draußen zu schaffen.

So geht es der UEFA und den verschiedenen europäischen Top-Ligen im Fußball im Moment beim Versuch, ihre Spielzeiten trotz Corona-Pandemie doch noch irgendwie im immer kleiner werdenden Zeitfenster durchzubringen – bis zum geplanten Start der kommenden Saison Ende August.

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Während sich die Helden in den meisten Hollywoodstreifen noch irgendwie durch die Tür quetschen, sorgt der Zeitdruck im Fußballbusiness für zunehmenden Wildwuchs: Europas Fußball versinkt im Chaos!

Donnerstag im LIVESTREAM: SPORT1-Talk "2 nach 10" - gibt Merkel dem Fußball grünes Licht?

In Holland wurde die Saison abgebrochen, Meister, Aufsteiger und Absteiger gibt es nicht - eine Klagewelle droht. In Belgien wollte man auch abbrechen und Brügge zum Meister erklären. Eine endgültige Entscheidung folgt jetzt aber doch erst am 4. Mai.

Mit der französischen Ligue 1 wird jetzt erstmals eine der Top-5-Ligen die Saison nicht beenden. Die Politik hat der geplanten Fortsetzung ab Mitte Juni einen Riegel vorgeschoben. Paris St. Germain wird womöglich zum Meister erklärt. In Deutschland, England, Italien und Spanien kämpft man derweil noch um die Fortsetzung. Ein europäischer Flickenteppich vom Allerfeinsten droht.

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Ungleichheit im Europapokal

Das ist vor allem deshalb aberwitzig, da ja auch die Champions- und Europa League durch den oben beschriebenen Spalt geschoben werden sollen.

Aber wie kann sportliche Fairness gewährleistet sein, wenn Olympique Lyon trotz der Hypothek eines Saisonabbruchs im Rückspiel des Achtelfinals in der Königsklasse bei Juventus Turin antreten soll? Kann PSG Anfang August nach fast fünf Monaten ohne Wettkampfpraxis aus dem Nichts in der Königsklasse auflaufen? Möglicherweise mit "Heimspielen" in einem anderen Land, weil bis einschließlich August Sport-Großveranstaltungen in Frankreich untersagt sind?

Auch die Europa League wird von einer möglichen Wettbewerbsverzerrung betroffen sein. Vertreter aus Deutschland, England, Italien, Spanien, Griechenland, Schottland, Ukraine, Dänemark, Türkei, Schweiz und Österreich kämpfen dort um das Viertelfinale.

Dass Chancengleichheit unter den jetzigen Voraussetzungen und Prognosen nicht gewährleistet werden kann, darüber ist man sich UEFA-intern einig. Aber es geht um Millionen, gar Milliarden an Verlusten, wenn der Ball nicht weiterrollt. Deshalb versucht der Fußball, das Worst-Case-Szenario Tag für Tag hinauszuzögern.

Was ist ein Titel noch wert?

Es stellt sich auch die Frage, was ein Titel in Zeiten von Corona überhaupt wert ist?

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Werden die nationalen Ligen fortgeführt, an deren Ende ein Meister gekürt wird, hat der Titel Bedeutung. Die Voraussetzungen für alle Vereine wären dann gleich gut oder gleich schlecht gewesen. Zudem wäre sportlich fair klar geregelt, wer auf- und absteigt und sich für das internationale Geschäft qualifiziert.  

Ein Triumph in den Europapokalwettbewerben mag sich finanziell lohnen. Aber werden sich Spieler und Fans freuen können, wenn die Kräfteverhältnisse coronabedingt verändert wurden? Wenn das Finale vor leeren Rängen steigt? Können sie in 30 Jahren voller Stolz auf den Champions-League-Sieg im Jahr 2020 zurückblicken? Verleiht ein internationaler Titel im Corona-Jahr den Vereinen Ruhm und Ehre? Noch dazu, wenn Spieler, egal ob Stammkraft oder Reservist, aufgrund einer möglichen Corona-Erkrankung gar nicht mitwirken können? Oder geht es allein darum, die Millionen überwiesen zu bekommen, indem die Saison auf Biegen und Brechen beendet wird?

Am 27. Mai tagt das UEFA-Exekutivkomitee, auch um über die Fortführung der Champions- und Europa League zu sprechen. Vielleicht sollte man zumindest diese Türen in dieser Saison einfach zugehen lassen.