Daniel Stendel ist seit Dezember 2019 Trainer beim schottischen Erstligisten Heart of Midlothian
Daniel Stendel ist seit Dezember 2019 Trainer beim schottischen Erstligisten Heart of Midlothian © Getty Images
Lesedauer: 6 Minuten

München - Ex-Hannover-Coach Daniel Stendel verzichtet in Schottland als erster Trainer auf sein gesamtes Gehalt. Bei SPORT1 erklärt er die außergewöhnliche Entscheidung.

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Das Coronavirus bringt die ganze Welt zum Stillstand. Auch in Schottland findet kein geregelter Alltag mehr statt.

Daniel Stendel, der von 2007 bis 2017 bei Hannover 96 verschiedene Trainerjobs hatte, arbeitet seit Dezember 2019 als Chefcoach beim schottischen Erstligisten Heart of Midlothian.

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Jetzt wurde bekannt, dass der 45-Jährige als erster Profitrainer auf sein gesamtes Gehalt verzichtet, um seinem Klub in der Coronakrise zu helfen. 

Im SPORT1-Interview spricht Stendel über die aktuell bedrückende Lage durch das Virus und die Gründe für seine Entscheidung.

SPORT1: Herr Stendel, wie sehen Sie die aktuelle Lage in Schottland im Vergleich zu Deutschland? 

Daniel Stendel: Ich hatte im Gegensatz zu den anderen im Verein am meisten Kontakt nach Deutschland. Insgesamt hatte man bisher das Gefühl, dass Deutschland eine Woche Vorsprung hat, nur, dass die Maßnahmen in Schottland dann schneller erfolgten. Das galt zum Beispiel für die Schulschließung, das hat nur zwei, drei Tage gedauert. Nach den Einschränkungen in den großen Ländern war ich überrascht, dass in Großbritanien die Schulen, Restaurants und auch die Geschäfte noch geöffnet hatten. Ich habe mich auch gewundert.

Stendel: "Es war echt gespenstisch"

SPORT1: Worüber?

Stendel: Warum nicht härter durchgegriffen wurde wie in den anderen Ländern. Keiner weiß, was weiter passieren wird. Stück für Stück wurde auch im Verein alles dicht gemacht. Das normale Leben findet nicht mehr statt. Ich bin nach Deutschland geflogen, weil ich einfach bei meiner Familie sein wollte, Training in Schottland im Moment nicht möglich ist, und ich Homeoffice-Tätigkeiten auch tatsächlich zu Hause erledigen kann. 

Mit der U19 von Hannover 96 gewann Daniel Stendel (o.) 2016 den DFB-Juniorenpokal
Mit der U19 von Hannover 96 gewann Daniel Stendel (o.) 2016 den DFB-Juniorenpokal © Getty Images

SPORT1: Wie verhalten Sie sich in der aktuellen Krise? 

Stendel: Ich versuche, mich weitestgehend zu Hause aufzuhalten oder dort, wo wenig Menschen sind. Als ich am Donnerstag in Berlin ankam, war der Hauptbahnhof fast menschenleer. Es war echt gespenstisch.

SPORT1: Sie haben als erster Profitrainer auf Ihr ganzes Gehalt verzichtet. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Stendel: Dass ich auf mein Gehalt verzichte, habe ich nicht gemacht, um großzügig dazustehen oder eine klasse PR-Meldung zu haben. Aber ich erhoffe mir davon natürlich schon, den einen oder anderen auch zum Nachdenken zu bringen. Ich habe in der kurzen Zeit, in der ich da bin, gemerkt, dass die Besitzerin alles für den Klub gibt. Sie hat den Verein vor sechs Jahren vor dem Bankrott bewahrt und hat versucht, alles am Leben zu halten, weil Fußball für die Menschen in Schottland ein sehr, sehr wichtiger Teil ist. 

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SPORT1: Wie hat sie auf Ihren Gehaltsverzicht reagiert?

Stendel: Sie hat das sehr zu schätzen gewusst, sagte, dass die Situation kritisch sei, und Geld eingespart werden müsse. Sie wusste nicht, wie das Geld hätte anders eingespart werden können. Wie in jedem anderen Arbeitsvertrag gibt es nämlich keine Klausel über Gehaltsfortzahlung, wenn du zu Hause bleiben musst. Ich habe eine Nacht darüber geschlafen und dann stand meine Entscheidung fest.

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"Ich muss nicht auf Millionen verzichten"

SPORT1: Leicht fällt es Ihnen nicht, oder?

Stendel: Ich muss nicht auf Millionen verzichten, weil die Gehaltsstruktur in Schottland eine ganz andere ist als in Deutschland. Für unseren Klub geht es einfach um viel, es entstehen gerade enorme Verluste, weil die Zuschauereinnahmen wegfallen. Und es gibt wenig Reserven, weil vor zwei Jahren erst eine neue Tribüne gebaut wurde. Da ist kein Geld auf der hohen Kante und das Tagesgeschäft muss weiterlaufen.

Ende Februar kegelten Stendel und Co. die Glasgow Rangers von Trainer Steven Gerrard (r.) aus dem schottischen Pokal
Ende Februar kegelten Stendel und Co. die Glasgow Rangers von Trainer Steven Gerrard (r.) aus dem schottischen Pokal © Getty Images

SPORT1: Was war Ihr Antrieb für Ihren Entschluss?

Stendel: Ich habe einfach daran gedacht, wie man den Klub am Leben halten kann. Wenn mein Arbeitgeber in drei Monaten pleite ist, dann ist uns allen nicht geholfen. Und ich hatte jetzt die Möglichkeit, meinen Teil dazu beizutragen, dass das ganze Gehalt nicht ausbezahlt werden muss.

SPORT1: Die Hearts sind nicht auf Rosen gebettet. Wie bewerten Sie die Situation? 

Stendel: Wenn keine Einnahmen erzielt werden, würde der Klub vor dem Aus stehen. Das hätte für die Mitarbeiter und die Anhänger dramatische Folgen. Außerdem spüre ich eine Verantwortung gegenüber meinen Trainerkollegen, die teilweise nur meinetwegen nach Schottland gekommen sind. Ich habe die Situation mit meiner Familie besprochen. Ich bin kein Millionär und muss noch viele Jahre arbeiten. Aber es ist ein Unterschied, das Gehalt von einem Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle einzusparen, oder von mir oder einem Spieler.

Stendel hofft auf Nachahmer

SPORT1: Markus Babbel findet die Diskussion um Gehaltsverzicht momentan unsinnig. Was entgegnen Sie dem?

Stendel: Es gibt viel mehr Menschen, die schwere Zeiten durchmachen müssen als Fußballer und Trainer. Ich finde es gut, dass ich das gemacht habe. Ganz egal, ob andere das auch machen würden oder nicht. Ich halte es einfach nur für fair, das anzubieten. Und ich werde das ja nicht 24 Monate machen, weil wir hoffen, irgendwann wieder in die Normalität zurückzukommen.

SPORT1: Werden auch Ihre Spieler auf Gehalt verzichten? 

Stendel: Viele Mitarbeiter haben sich wie ich entschieden. Das große Ziel der Eigentümerin war, dass sie keine Entlassungen aussprechen muss. Sie wollte eine Lösung für alle - und natürlich wäre es klasse, wenn auch die Spieler ihren Anteil leisten und auf ihr Gehalt komplett oder in Teilen verzichten würden. Am Ende muss das aber jeder für sich selbst entscheiden. Es gibt keine Lösung für alle, weil jeder sich unterschiedlichen Situationen stellen muss. Wenn wir die Ligen erhalten wollen, müssen wir alle Abstriche machen.

SPORT1: In Deutschland gab es in den vergangenen Tagen aber immer noch Jugendliche, die Corona-Partys veranstaltet haben ...

Stendel: Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn Jugendliche in Parks weiter Partys feiern. In meinem Umfeld passiert das nicht. Wir sollten uns alle an die Vorgaben der Politiker halten und müssen alle unseren Teil dazu beitragen. Das Positive an der ganzen Geschichte ist, dass man mal wieder zur Ruhe kommt und sich ganz auf die Familie konzentrieren kann. Am Ende wird mir Geld nicht helfen, gesund zu bleiben.