© SPORT1-Grafik/Getty Images/Imago
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München - Virtus Entella weiß während der Saison plötzlich nicht mehr, in welcher Liga der Verein spielt. Bei SPORT1 erklärt Klubchef Antonio Gozzi die Hintergründe.

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Stell dir vor, es ist Fußball-Saison - und du hast keine Ahnung, in welcher Liga du spielst.

Eine absurde Vorstellung? Eigentlich ja. Für Virtus Entella ist sie allerdings absurde Realität geworden.

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Der italienische Klub aus der 27.000-Einwohner-Stadt Chiavari bei Genua geriet völlig unverschuldet zwischen die Fronten der italienischen Sportjustiz - und musste deshalb fast zwei Monate lang den Spielbetrieb einstellen.

Wie es so weit kommen konnte? SPORT1 ist der unglaublichen Geschichte nachgegangen.

Gozzi: "Eine ganz üble Sache"

Ihren Anfang nahm die Posse am Ende der vergangenen Spielzeit der Serie B, der zweithöchsten Liga Italiens. Entella - benannt nach dem dort mündenden Fluss - war zwar sportlich abgestiegen, doch weil drei andere Klubs keine Lizenz für die kommende Saison erhielten, keimte Hoffnung auf, sich ein weiteres Jahr im italienischen Unterhaus beweisen zu dürfen.

"Es ist eine ganz üble Sache, wie man im Sommer mit uns umgegangen ist", klagt Entellas Vereinspräsident Antonio Gozzi im Gespräch mit SPORT1. "Einige Vereine haben durch Steuerkriminalität und Bilanzfälschung die vergangene Meisterschaftssaison erheblich beeinflusst."  

Der Ärger des Präsidenten ist verständlich, zumal die negativsten Folgen für Entella erst weit nach Saisonabschluss folgen sollten. Denn Anspruch auf einen der begehrten Plätze in der Serie B meldeten auch Vereine der drittklassigen Serie C an, woraufhin der italienische Fußballverband FIGC ein Playoff-Turnier unter allen Anwärtern ausrichten wollte.

Weil aber die meisten Ligen in Italien schon in den Startlöchern standen und bereits einige Klagen und Streikdrohungen in der Verbandszentrale eingegangen waren, wurde der Plan schließlich fallen gelassen. Also entschied die FIGC, die Serie B mit 19 statt 22 Mannschaften auszutragen - und Entella für die dritte Liga, die Serie C, anzumelden.

Ärgerlich für Virtus, doch man respektierte die Entscheidung, machte sich für die Serie C startklar und absolvierte das erste Saisonspiel. Und dann? Ging der Irrsinn erst richtig los. 

Aus dem Happy End wird der Super-GAU

Kurz nach den ersten Wirren entschied das Nationale Olympische Komitee CONI eine rückwirkende 15-Punkte-Strafe für den AC Cesena, wodurch Entella in der Abschlusstabelle der Serie B auf einmal doch noch sportlich gerettet war.

Was nach einem Happy End klang, wurde schließlich zum Super-GAU für den Klub. Im Kompetenzgerangel zwischen den beiden Verbänden FIGC und CONI musste Entella den Spielbetrieb komplett einstellen und darauf warten, wie man sich einigen würde. 

Die Wartezeit betrug sage und schreibe sieben Wochen, in denen Entella kein einziges Pflichtspiel bestritt und zwischen den Ligen schwebte. Ein Verwaltungsgericht in Rom entschied am 2. November schließlich, dass der gebeutelte Klub in der Serie C anzutreten habe. "Ich ordne das, was passiert ist, in die größten Krisen des italienischen Fußballs ein", sagt Gozzi heute. 

Mit neun nachzuholenden Partien machte sich Entella also am 4. November auf, sein zweites Saisonspiel zu bestreiten - und trotz des gewaltigen Klotzes am Bein, das Feld von hinten aufzurollen. "Der Stress ist enorm, aber unser Trainer Roberto Boscaglia bereitet jedes einzelne Spiel mit wahnsinnigem Einsatz vor", erklärt Gozzi, dem vor allem die entgangenen Einnahmen im Magen liegen.

"Der wirtschaftliche Schaden ist immens", erklärt Gozzi die Folgen des Schildbürgerstreichs der Behörden. "Uns brachen die TV-Einnahmen ein, wir mussten Spieler verkaufen und der gesamte Kader wurde durch den Abstieg entwertet."

Und dann? Tauchte auf einmal Ex-Nationalspieler und Skandalnudel Antonio Cassano zum Probetraining auf und bescherte dem gebeutelten Klub weitere mediale Aufmerksamkeit. Kurze Zeit später winkte "Fantantonio" aber ab und beendete (zum wiederholten Mal) seine Karriere.

Virtus Entella startet Aufholjagd

"Unsere Zwangspause hat zumindest dafür gesorgt, dass wir sogar über die Landesgrenzen hinaus eine gewisse Aufmerksamkeit erlangt haben", sagt Gozzi: "Es gab sogar Anfragen aus Australien und Amerika. Denn keiner wollte glauben, was uns widerfahren ist."

Dennoch: Seinen Groll auf die italienische Sportjustiz kann der Präsident auch zwei Monate nach dem Urteil nicht verbergen. "Der Fußball in Italien muss seine Probleme von Grund auf lösen und sich dabei an anderen europäischen Ligen orientieren", fordert Gozzi. 

Immerhin ließen sich die Virtus-Spieler trotz der prekären Ausgangslage nicht den Mut nehmen und starteten die Aufholjagd. Nach dem 0:0 gegen AC Gozzano am 30. Dezember liegt man zwar sechs Zähler hinter Tabellenführer Piacenza - hat aber noch fünf Nachholspiele in der Hinterhand, Entella bestritt zuletzt alle vier Tage ein Spiel.

"Aus Schwierigkeiten geht man oft gestärkt hervor, indem man gemeinsam den Weg bestreitet", sagt Gozzi, der ungeachtet der Zwangspause das große Ziel vorgibt: "Wir wollen jetzt auf sportlichem Weg zurück in die Serie B, daneben aber auch mit unserer Jugendarbeit und dem neuen Stadion eine Ausnahme im italienischen Fußball bleiben."

Die gute Nachricht: Nach dem Spiel gegen Gozzano dürfen auch die Spieler von Virtus Entella durchschnaufen. Das nächste Spiel ist erst wieder am 14. Januar angesetzt, dann geht es im Pokal zu AS Rom. (Ergebnisse und Spielplan der Coppa Italia)

Es ist das größte Spiel in der jüngeren Geschichte des kleinen Klubs - und nicht nur rund um Chiavari dürfte klar sein, wem man die Daumen drückt.