Marcio Araujo und seine Teamkollegen von Chapecoense wehren sich verzweifelt gegen den Abstieg
Marcio Araujo und seine Teamkollegen von Chapecoense wehren sich verzweifelt gegen den Abstieg © Getty Images

Ausgerechnet in der Woche, in der sich das Chapecoense-Unglück mit 71 Toten jährt, entscheidet sich beim Abstiegs-"Finale" die sportliche Zukunft des Klubs.

von Sportinformationsdienst

Einziges Provinznest im Konzert der Großstadtklubs, Zement-Ränge statt Komfort in der nostalgisch anmutenden Arena Conda, aktuell gerade einmal drei Profis mit geschätztem Marktwert von über einer Million Euro im Kader: Eigentlich logisch, dass der Associacao Chapecoense de Futebol in Brasiliens erster Liga irgendwann die Luft ausgeht. Doch es soll nicht in dieser Woche passieren!

Am Mittwoch jährt sich zum zweiten Mal das traurigste Kapitel der Klubhistorie, eine der größten Katastrophen im Weltsport, der Absturz des LaMia-Flugs 2933 am 28. November 2016 gegen 22 Uhr Ortszeit kurz vor der kolumbianischen Stadt Medellin - mit der "Chape"-Delegation auf dem Weg zum Final-Hinspiel in der Copa Sudamericana gegen Atletico Nacional.

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Wie ein Wunder wurden damals sechs der 77 Insassen lebend aus der an einem Berghang zerschellten Maschine gezogen, darunter drei Spieler. Alan Ruschel ist einer von ihnen, und er kämpft nun am Sonntag beim Saisonfinale gegen den FC Sao Paulo um die sportliche Zukunft des Klubs mit. Es gilt, den einen Punkt Vorsprung auf die Abstiegszone zu verteidigen.

Betroffene sind wieder im Alltag angekommen

"Nach allem, was wir durchgemacht haben, wäre es nicht ehrenhaft, uns einfach mit der Serie B abzufinden", sagte der 29-Jährige jüngst nach dem vitalen 2:1-Heimsieg gegen Mitkonkurrent Sport Recife. Für den Linksverteidiger, in jener Unglücksnacht als Erster aus dem Wrack geborgen, war es der sechste Saison-Einsatz.

Immerhin: Ruschel konnte seine Karriere fortsetzen, hat mittlerweile seine langjährige Freundin Marina geheiratet, die ihm bald Sohn Luca schenken wird. Die Betroffenen sind längst wieder im Alltag angekommen.

Für Helio Neto heißt das, trainieren bis die Schmerzen endlich aufhören. Der 33 Jahre alte Innenverteidiger, der damals im Albtraum das Unglück vorausahnte, kämpft nach zahlreichen Knie-Operationen noch verbissen um sein Comeback. Auch dieses Jahr wird es nichts damit.

Follman betreibt Zentrum für Amputationsnachsorge

Ersatztorhüter Jakson Follman (26) wechselte nach der Teilamputation seines rechten Unterschenkels die Seiten, strebt nun mit Diplom in der Tasche eine Manager-Karriere im Fußball an und betreibt nebenbei in Chapeco mit seinen gut 220.000 Einwohnern ein Zentrum für Amputations-Nachsorge.

"Es ist die Stunde gekommen, deine Geschichte bei unserer Chape zu schreiben", motiviert in großen Lettern eine Aufschrift in der Kabine. Nach den Aufstiegen in die Serie C (2009) und B (2012) sind die "Grünen des Westens" (des Bundeslandes Santa Catarina) immerhin schon seit 2014 erstklassig.

Doch ein Abstieg wäre mit niedrigen Einnahmen verbunden. Geld, das gebraucht wird, um Verpflichtungen gegenüber den Angehörigen der Opfer nachzukommen.

Angehörige kämpfen um Entschädigungszahlungen

Denn diese kämpfen trotz bewiesener Ursache für den Absturz (Treibstoffmangel) und Hauptschuld beim bolivianischen Privatflieger (aus Kostengründen zu knapp kalkuliert) sowie den dortigen Flug-Behörden (Mängel bei der Startzulassung) noch um Entschädigungszahlungen.

Die Haftpflicht-Versicherung der LaMia spielt auf Zeit, stellt den betroffenen Familien angeblich 225.000 US-Dollar als Sofort-Zahlung statt eines jahrelangen Prozesses in Aussicht. Mit der Aufhebung der Klage im Gegenzug dafür. Dennoch: Nicht wenige wollen lieber einen Schlussstrich unter das schmerzvollste Kapitel ihres Lebens ziehen.

Und so wird der 28. November langsam wieder ein normaler Tag für die Chapecoenses. Ein Fußballspiel in der Arena Conda bleibt aber etwas Besonderes. Vor allem die 71. Minute eines jeden Heimspiels, wenn zum Gedenken an die Opfer das "Vamos, vamos, Chape" ertönt. Auch am Sonntag.

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