Leidenszeit: Yoann Gourcuff im Trikot des AC Mailand (2006 bis 2008). © Imago

München - Yoann Gourcuff wurde einst als neuer Zinedine Zidane gefeiert. Schlechte Entscheidungen und falscher Ehrgeiz ließen ihn scheitern, jetzt hat er einen neuen Klub.

von Reinhard Franke

"So, wie ich es damals bei Cristiano wusste, dass er ein Großer werden würde, war ich mir bei Yoann sicher. Er war einer der besten Spielmacher, die ich in diesem Alter jemals gesehen habe."

Diese zwei Sätze stammen von Laszlo Bölöni, dem einstigen Förderer Cristiano Ronaldos bei Sporting Lissabon. Der rumänische Coach war sich sicher gewesen, Jahre später einen neuen Weltstar hervorzubringen. Damals, als dieser Yoann Gourcuff mit 17 bei Stade Rennes in der Ligue 1 debütierte.

Bölöni hatte eigentlich immer einen Blick für Top-Talente. Bei Gourcuff lag er daneben. Dabei schien der Weg des Franzosen in die Weltspitze vorgezeichnet.

2009 gelang ihm gegen Paris Saint-Germain ein Tor, wie man es nur ganz selten zu sehen bekommt. Mit dem Rücken zum Tor nahm Gourcuff den Ball an, ließ ihn in der Drehung zwischen den Beinen pendeln, wodurch er gleich zwei Gegenspieler zu Statisten degradierte. Es folgten zwei Körpertäuschungen, ehe er den Ball mit dem rechten Außenrist ins Netz schlenzte.

"Ich kann nicht wirklich erklären, wie ich es gemacht habe", sagte Gourcuff hinterher. "Es war reiner Instinkt."

Gourcuff der neue Zidane

Frankreichs Zeitungen überschlugen sich mit Lobeshymnen, schrieben von einem magischen Zidane-Moment.

Einige der besten Fußball-Kolumnisten und -Kommentatoren Frankreichs sahen in ihm bereits den Nachfolger des genialen Mittelfeld-Strategen. Gourcuff wurde zum spannendsten Fußballer Frankreichs.

Heute ist nicht viel von diesem Ruhm geblieben. Ein folgenschwerer Wechsel wurde dem Megatalent zum Verhängnis.

Im Sommer 2006 wagte Gourcuff den ersten großen Schritt in seiner Karriere und wechselte für 4,5 Millionen Euro Ablöse in die Serie A zum AC Milan. Der Wendepunkt in seiner Karriere. 

Absturz beim AC Mailand

Gleich im ersten Spiel für seinen neuen Klub erzielte er zwar gegen AEK Athen ein Tor. Glücklich wurde Gourcuff in Italien aber nie. Er hielt dem Druck, für einen Weltklub zu spielen, nicht stand.

Unter Superstars wie Maldini, Nesta, Pirlo, Seedorf, Ronaldo und Kaka ging Gourcuff völlig unter.

"Yoann tat genau das Falsche", sagt Mentor Bölön heute. "Er versuchte nicht, sich etwas von Kaka abzuschauen, sondern maß sich mit ihm. Das ist verrückt. Er war so jung und verglich sich in jedem Training, jedem Spiel, mit dem besten Spieler der Welt. Er verkrampfte." 

Milan-Legende Paolo Maldini formulierte es einst sogar noch drastischer: "Gourcuff war in Mailand zu 100 Prozent falsch."

Nach zwei Jahren zog der Spieler die Notbremse. Gourcuff wechselte zurück in die französische Heimat und unterschrieb bei Girondins Bordeaux.

Die Karriere nahm zeitweise wieder Fahrt auf, mit teilweise überragenden Leistungen führte er Bordeaux 2009 zum Meistertitel. Gourcuff war wieder obenauf - und fiel anschließend erneut tief.

Lyon als nächster Karriereknick

Nach dem Titelgewinn folgte er dem Ruf von Olympique Lyon. Der nächste Fehler in der Karriereplanung. Verletzungen und Formschwäche prägten die Zeit beim damaligen Vorzeigeklub Frankreichs.

Lyons Kapitän Maxime Gonalons warf ihm öffentlich vor, nur widerwillig gespielt zu haben. Gourcuff wurde schnell zum 22-Millionen-Euro-Missverständnis. Gefrustet kehrte er 2015 zu seinem Heimatklub Rennes zurück, sein früheres Top-Niveau sollte er aber nicht mehr erreichen.

Zur neuen Saison hat er in Dijon unterschrieben, an den ersten vier Spieltagen wurde er drei Mal eingewechselt. Drei Minuten in Montpellier, sieben Minuten gegen Nantes, fünf Minuten gegen Caen. In Nizza blieb Gourcuff komplett auf der Bank. 15 Minuten in vier Spielen. Nicht gerade die Statistiken eines neuen Zidane.

Am Freitag gab Gourcuff seine erste Pressekonferenz bei seinem neuen Verein. "Hier fühle ich mich wohl", sagte Gourcuff. "Dieses Team versucht, Fußball zu spielen. Immer wenn ich Spiele von Dijon gesehen habe, hatte ich Spaß." 

Genau der kam ihm in seiner Karriere bislang zu oft abhanden.