Selin Oruz Hockey WM Frauen
Selina Oruz gewann bei Olympia 2016 die Bronzemedaille © SPORT1-Grafik: Getty Images/PATRICK STYRNOL

München - Selin Oruz steht mit den deutschen Hockey-Damen im WM-Viertelfinale. Die Abwehrspielerin spricht bei SPORT1 über die Ziele des Teams und die Rassismus-Debatte.

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Für die deutschen Hockey-Damen wird es am Mittwoch ernst. Ab 19 Uhr (im LIVETICKER) muss das Team von Trainer Xavier Reckinger bei der WM in London im WM-Viertelfinale gegen Spanien antreten.

Bereits in der Gruppenphase trafen beide Teams aufeinander – Deutschland siegte 3:1. Ein wichtiger Baustein im Team ist Abwehrspielerin Selin Oruz. Die Olympiadritte gehört trotz ihrer erst 21 Jahren schon zu den Erfahrenen im Team. (DATENCENTER: Die Tabelle)

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Im SPORT1-Interview spricht die Deutsch-Türkin über die Ziele der deutschen Mannschaft, ihre Rolle als Verteidigerin und die Vereinbarkeit von Sport-Karriere und Medizin-Studium. Außerdem äußert sich Oruz zur Rassismus-Debatte um Mesut Özil.

SPORT1: Was erwarten Sie für das Viertelfinale gegen Spanien?

Oruz: "Wir freuen uns, dass wir noch einmal gegen einen Gegner spielen dürfen, den wir bereits geschlagen haben. Aber im Prinzip war uns unser Gegner ohnehin egal. Das Viertelfinale ist ein K.o.-Spiel und damit ein anderes Kaliber als ein Gruppenspiel, bei dem es um nicht ganz so viel geht. Wir denken nicht, dass das Spiel gegen Spanien ein Selbstläufer wird, nur weil wir sie bereits geschlagen haben. Spanien überzeugt durch gute Defensivarbeit. Natürlich nehmen wir sie so ernst wie jedes andere Team. Für uns ist es dennoch schön zu wissen, dass wir Spanien schlagen können, wenn wir unsere Leistung abrufen."

SPORT1: Wie groß sind die Chancen auf einen Halbfinal-Einzug?

Oruz: "Wir haben uns genügend Selbstvertrauen erspielt, dennoch ist es nicht immer einfach zu sagen: "Wir bringen einfach unsere Leistung". Dafür muss vieles stimmen, jeder muss seinen Job machen. In einem K.o.-Spiel in einem großen Stadion spielen viele andere Faktoren eine Rolle, beispielsweise Aufregung. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir eine große Chance auf das Halbfinale haben, wenn wir an einem Strang ziehen."

Zwischen den Spielen haben die Hockey-Nationalspielerinnen auch Zeit für Entspannung
Zwischen den Spielen haben die Hockey-Nationalspielerinnen auch Zeit für Entspannung © Instagram/selin_oruz

SPORT1: Welches Ziel hat sich Ihr Team bei der WM gesetzt?

Oruz: "Vor dem Turnier haben wir ganz klar gesagt, dass wir so weit wie möglich kommen wollen. Natürlich träumt man immer vom ganz großen Titel, aber intern wollen wir dennoch von Spiel zu Spiel schauen. Für uns ist es ein großes Geschenk gewesen, dass wir durch unseren Gruppensieg das Achtelfinale umgehen konnten. Es ist alles möglich, dennoch sind wir nicht naiv und denken an das Finale, wenn wir noch nicht einmal das Viertelfinale gewonnen haben."

SPORT1: Worauf kommt es im Viertelfinale an?

Oruz: Der Teamspirit ist das Wichtigste, das haben wir bisher auch schon gezeigt. Wir müssen als Team performen, jeder muss für jeden kämpfen. Wir müssen uns über den Defensiv-Kampf in das Spiel arbeiten, um uns dann mit Toren belohnen zu können. Wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, dann macht uns das stark. Auch gegen Spanien wird das entscheidend sein."

SPORT1: Die Vorrunde haben die deutschen Damen ungeschlagen als Gruppensieger beendet. Hat das einen Flow ausgelöst?

Oruz: "Ich denke schon. Besonders nach dem Argentinien-Spiel waren wir schon in einer Art Rausch. Wir waren so froh und erleichtert den vermeintlich Gruppenstärksten geschlagen zu haben. Wir waren im Flow, haben uns total gefreut. Wir sind durch die Erfahrung der letzten Jahre auch nicht mehr naiv. Wir haben uns zwar eine super Ausgangslage erarbeitet, dennoch wissen wir, dass uns mit Beginn des Viertelfinales der Gruppensieg nichts mehr bringt. Wir müssen uns jetzt jeden Sieg wieder erarbeiten. Das bisherige Turnier hat uns dennoch ein gutes Gefühl gegeben."

SPORT1: Welches Team ist bei der WM die größte Hürde?

Oruz: Unser Halbfinal-Gegner kann nicht Holland sein, das ist ein großer Vorteil. Wir haben aber keinen Lieblingsgegner. (SERVICE: Der Spielplan der Hockey-WM)

Auch an der Tower Bridge haben Selin Oruz und ihre Kolleginnen schon vorbeigeschaut
Auch an der Tower Bridge haben Selin Oruz und ihre Kolleginnen schon vorbeigeschaut © Instagram/selin_oruz

SPORT1: In einem Interview haben Sie sich selbst als "garstige Verteidigerin" bezeichnet. Warum?

Oruz: "Der Ausdruck ist von meinen Mitspielerinnen gekommen, ich würde das aber unterstreichen. Ich versuche immer sehr präsent in den Zweikämpfen zu sein. Ich bin und will für die Gegner unangenehm sein. Wenn man gegen mich spielt, dann soll man einen kleinen Ellenbogen in der Seite spüren oder zumindest merken, dass ich gerade am ackern und arbeiten bin."

SPORT1: Sie studieren neben der Karriere als Hockey-Spielerin Medizin. Wie lässt sich beides vereinbaren?

Oruz: "Das ist überhaupt nicht einfach. Ich merke in der Uni und beim Studium selbst, dass relativ wenig Rücksicht darauf genommen wird, ob ich bei Olympia dabei war oder eine Medaille gewonnen habe. Manche Dozenten haben zwar durchaus Verständnis, aber das ist eine Rarität. Es ist zwar alles nicht einfach, aber es macht dennoch viel Spaß. Dafür nimmt man die Strapazen gerne auf sich. Ein Studium in Regelstudienzeit ist dennoch unmöglich. Alleine bei Olympia war ich mehrere Wochen weg, da verpasst man viel zu viel. Die Sporthilfe und das Deutsche-Bank-Stipendium sind mir aber eine große Hilfe. Ich persönlich möchte so schnell wie möglich weiterkommen und mein Studium beenden. Wenn man aber große Turniere spielen möchte und seinen Trainingsalltag normal gestalten will, dann ist es unmöglich, schnell fertig zu werden."

SPORT1: Haben Sie neben Sport und Studium Zeit für Hobbys?

Oruz: "In diesem Sinne nicht. Für mich ist die Zeit mit Freunden und Familie besonders. Es ist enorm wichtig zu wissen, dass es einen Tag in der Woche gibt, an dem ich diese Menschen sehen kann. Das würde ich als mein Hobby bezeichnen. Ansonsten bleibt kaum Zeit."

SPORT1: Sie sind 21, haben Olympia-Bronze gewonnen und spielen bei der WM. Welche Ziele haben Sie noch in Ihrer sportlichen Karriere?

Oruz: "Für mich ist es einfach spannend zu sehen, wie man sich von Turnier zu Turnier, bzw. von Jahr zu Jahr persönlich weiterentwickelt. Olympia war für mich das größte sportliche Event überhaupt, aber da war ich noch sehr jung und alles war neu. Mit jedem Jahr erlebt und erfährt man sich selbst anders. Ich habe kein direktes Ziel, ich lebe von Lehrgang zu Lehrgang, mir macht das Spiel einfach Spaß und ich sehe gerne meine Fortschritte. Ich persönlich will bis Tokio 2020 voll in der Nationalmannschaft spielen."

Ihre Familie unterstützt Selin Oruz bei der WM
Ihre Familie unterstützt Selin Oruz bei der WM © Instagram/selin_oruz

SPORT1: In den letzten Wochen hat die Debatte um Mesut Özil viel Wirbel verursacht. Sie sind Deutsch-Türkin, sprechen aber nicht fließend türkisch. Wie stehen Sie zu der Thematik?

Oruz: "Um diese Debatte kam man kaum herum, ich habe aber keine explizite Meinung dazu. Mein Papa ist türkischer Abstammung, mein Bruder und ich sind aber sehr deutsch aufgewachsen, deswegen habe ich da kaum Überschneidungspunkte. Weder mein Bruder (Timur Oruz, Hockey-Nationalspieler, Anm. d. Red.) noch ich haben irgendwelche negativen Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Bei uns zuhause ist es kaum Thema. Ich habe mich nie falsch behandelt gefühlt und hatte auch nie einen Konflikt mit meiner deutsch-türkischen Abstammung oder anderen rassistischen Themen."