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München - Karl Lauterbach zeigt sich für ein Gespräch mit Handball-Boss Bob Hanning bereit. Der SPD-Politiker spricht bei SPORT1 auch über die EM und Olympia. Das Interview.

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Karl Lauterbach macht sich mit seinen Aussagen und Thesen im Spitzensport nicht immer beliebt – doch das ist auch nicht seine Aufgabe.

Zuletzt zog sich der Gesundheitsexperte der SPD den Zorn von DHB-Vizepräsident Bob Hanning zu, nachdem er die Austragung der Handball-Weltmeisterschaft kritisiert hatte.

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Im SPORT1-Interview reicht der 57-Jährige Hanning die Hand, beurteilt die Chancen einer Durchführung von Olympia und Fußball-EM und kritisiert Gladbachs Breel Embolo.

SPORT1: Herr Lauterbach, trotz Ihrer Bemühungen müssen Sie viel Kritik ertragen, besonders in den sozialen Medien. Wie schaffen Sie es trotzdem, weiter offensiv in die Medien zu gehen?

Karl Lauterbach: Ich berichte über die jeweilige Studienlage und mache Vorschläge, wie man erfolgreich die Zahl der Covid-Kranken begrenzen kann. Dabei versuche ich nicht darüber nachzudenken, welche Position populär ist und welche nicht. Ich versuche, die Dinge nicht zu übertreiben und wenn möglich, mit Studien zu belegen, möglichst ohne Menschen zu provozieren. Das führt im Übrigen zu viel mehr Zustimmung als Ablehnung, somit ist die Resonanz für mich mehr als okay. Ich komme selbst zurecht, es geht mir um den Schutz der anderen.

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SPORT1: Zu den Leuten, die sich kritisch geäußert haben, gehört Bob Hanning. Der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes wirft Ihnen Show-Aussagen und Populismus vor und meint, Sie wollen den Spaß am Leben verderben. Was entgegnen Sie ihm?

Lauterbach: Ich bin ein Ballsportfan jeder Art und bewundere die Arbeit, die er für den deutschen Handball gemacht hat. Ich nehme das so hin, das ist eine Kritik, mit der ich leben muss. Ich mache das ja nicht, um mich selbst zu produzieren oder meinen Marktwert zu erhöhen. Für die Talkshow-Auftritte bekomme ich keinen einzigen Cent. Das möchte ich auch nicht. Ich versuche einfach nur, die Bevölkerung über die Lage aufzuklären. Und das mache ich nicht alleine, das machen viele. Die Kritik habe ich gehört, das ist seine Meinung, er kennt mich nicht, ich kenne ihn nicht, aber es ist alles gut (Die wichtigsten Handball-Regeln zur WM 2021).

Lauterbach: Noch kein Gespräch mit Hanning

SPORT1: Aber es hat noch kein Gespräch mit Herrn Hanning gegeben? Er hat ja durchklingen lassen, sich das durchaus zu wünschen.

Lauterbach: Ich kann mir das auch gut vorstellen. Bisher hat er sich aber nicht bei mir gemeldet. Ich wäre an einem Gespräch immer interessiert. Ich vermisse selbst den Sport, ich verstehe seine Ungeduld. Ich verstehe im Prinzip auch, dass er sich zu Unrecht kritisiert gefühlt hat. Das ist ja keine Kritik an ihm gewesen, sondern an der Organisation der Handball-WM. Ich kann Ihnen versichern: Alle, die diese Corona-Situation beschreiben müssen, die Epidemiologen, die Virologen, die Politiker, die diese harten Maßnahmen begründen müssen - niemand von uns macht das gerne.

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SPORT1: Die DHB-Verantwortlichen haben auch davon gesprochen, dass die WM im Prinzip sicherer sei, als zu Hause einzukaufen und vor allem, dass sie eine Blaupause für weitere Turniere und Großveranstaltungen sein könnte. Wie stehen Sie dazu? Immerhin gab es in der Blase offiziell ja nur einen positiven Fall eines Schiedsrichters, die Probleme um Kap Verde wurden ja von außen hereingetragen.

Lauterbach: Das stimmt. Von daher muss man sagen, dass die WM bisher besser gelaufen ist, als ich es aufgrund des Infektionsrisikos erwartet hatte. Das muss man einfach eingestehen. Das Sicherheitskonzept scheint einigermaßen gut zu funktionieren. Darüber bin ich auch froh (SERVICE: Handball-WM 2021: Modus, Spielplan & alle Infos).

Lauterbach findet Bachs Gedanken "problematisch"

SPORT1: Wenn die Handball-WM Ihrer Meinung nach das falsche Signal war, wie stehen Sie dann zu den Olympischen Spielen? IOC-Boss Thomas Bach hat zuletzt verlauten lassen, es sei nicht die Frage, ob sie stattfinden, sondern wie.

Lauterbach: Ich finde das sehr problematisch. Wir stehen vor der Ausbreitung sehr gefährlicher Mutationen und Varianten. Wir ringen mit der Pandemie. Ich finde einfach, dass solche Wettkämpfe nicht in diese Zeit gehören und dass es besser wäre, sie durchzuführen, wenn die Möglichkeiten wieder sicher sind und sie mit Zuschauer durchgeführt werden können. Dieses sture Durchhalten mit der Einstellung, der Spitzensport sei von der Pandemie quasi ausgenommen, halte ich für sehr schwer vermittelbar und frustriert auch sehr viele Fans. Ich bin gespannt, wie das Konzept am Ende aussehen wird. Aber wie ich höre, gibt es Widerstand von vielen Mitgliedsländern des IOC und auch in Tokio. Also abwarten, ob sich das alles so weit entwickelt, wie Herr Bach sich das wünscht.

SPORT1: Bach sieht auch "keinen Bedarf für einen Plan B" - ist das nicht mehr als leichtsinnig, zumal es in Japan eine dritte Infektionswelle gibt?

Lauterbach: Man hört immer ungern, dass jemand mit Verantwortung ohne Plan B in etwas hineingeht. Das sind rigoristische Positionen - Augen zu und durch. Das kann man sich in der Pandemie nicht leisten. Es kann zu Lasten anderer gehen. Zum Geschäft gehört eine gewisse Demut mit dazu. Die vermisse ich manchmal bei Herrn Bach.

SPORT1: Bis wann glauben Sie, sollte oder wird eine Entscheidung über die Austragung der Fußball-EM fallen?

Lauterbach: Ich denke, die Entscheidung wird im März fallen. Es kann sein, dass dann sehr viele Länder Europas noch mit der zweiten Welle ringen. In einigen Ländern, wie beispielsweise Spanien, könnte die dritte Welle noch laufen. In Portugal ist es nicht ausgeschlossen, dass es sehr viele Probleme mit der Variante P1 aus Brasilien geben wird. Ich glaube, dass die Austragung der EM, die im März entschieden werden muss, verbunden mit dem entsprechenden Konzept, auf keinen Fall sicher ist.

Lauterbach spricht sich für EM im Jahr 2022 aus

SPORT1: Sehen Sie denn überhaupt eine Lösung bzw. Möglichkeit für eine EM-Austragung, womöglich in veränderter Form?

Lauterbach: Ich fände es besser, wenn man die EM auf eine Zeit schiebt, in der auch die Zuschauer entspannt sein können - wenn wir das Ganze hinter uns haben. Eine solche Post-Covid-EM hätte einen umso größeren sportlichen Gewinn.

SPORT1: Das hieße, die EM auf 2022 zu verschieben – und die WM dann ebenfalls um ein Jahr nach hinten?

Lauterbach: Genau. Aber ich bin kein Sportfunktionär. Ich gebe nur zu bedenken, dass es jetzt ein schlechter Zeitpunkt wäre und ein falsches Signal. Wir sind gerade in der schwierigsten Phase der Pandemie. In dieser Phase ist es keine Entlastung, wenn solche Turniere stattfinden, die den Eindruck erwecken können, dass im Spitzensport besondere Regeln gelten – und die die Bereitschaft in der allgemeinen Bevölkerung, die Regeln zu befolgen, herabsetzen könnten.

SPORT1: Auch die Fußball-Bundesliga ist ein solches Aufreger-Thema und genießt einen Sonderstatus. Andere Profiligen machen trotz verschärfter Corona-Regeln und Ausgangsbeschränkungen ebenfalls weiter. Ist das aus Ihrer Sicht weiterhin vertretbar?

Lauterbach: Aus meiner Sicht haben sich die Geisterspiele bewährt, sie funktionieren. Das habe ich am Anfang anders eingeschätzt. Da sie nicht mit Ausgangszeiten einhergehen und das Sicherheitskonzept einigermaßen zu funktionieren scheint, kann man das aus meiner Sicht so laufen lassen.

"Embolo ein Vorbild für niemanden"

SPORT1: Wie sieht es mit Ihrem Verständnis für den FC Bayern aus, der ohnehin eine hohe Belastung hat und nun in dieser Corona-Situation im Februar zur Klub-WM nach Katar reist?

Lauterbach: Das kann ich nicht beurteilen.

SPORT1: Und was geht Ihnen bei Vorfällen wie Breel Embolo durch den Kopf, der das Privileg hat, Fußballprofi zu sein und weiter zu spielen, und das durch nächtliche Ausflüge riskant aufs Spiel setzt?

Lauterbach: Das ist ein Vorbild für niemanden, wenn das passiert. Ich bin froh, dass der Verein klar reagiert und eine entsprechende Strafe verhängt hat.