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Gizeh und München - Bei der Pleite gegen Ungarn beweisen die deutschen WM-Handballer Moral, zeigen aber auch Schwächen. Ex-Weltmeister Henning Fritz analysiert die Problemfelder.

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Die Nacht war wie erwartet recht kurz für Alfred Gislason. Noch ehe sich die Delegation des Deutschen Handball-Bundes (DHB) von Gizeh aus zum Umzug in ein Hotel im Osten Kairos aufmachte, hatte der Bundestrainer einiges abzuarbeiten.

Ein Videostudium zum ersten Hauptrunden-Gegner Spanien (Handball-WM: Deutschland - Spanien, Do. ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) nahm den Bundestrainer bei dieser Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten am frühen Mittwochmorgen ziemlich in Beschlag - Analyse war angesagt nach der unglücklichen wie dramatischen Niederlage gegen Ungarn (28:29) im Finale um den Gruppensieg. 

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Klar ist für Gislason trotz der starken Moral und Kampfkraft seiner Mannen: Im Duell mit den Iberern muss Deutschlands Nationalmannschaft "weniger Fehler machen und von Anfang an in der Abwehr stehen, sonst werden wir es extrem schwer haben".

Gerade die neuformierte Defensive war gegen Ungarn immer wieder mal ins Schwimmen geraten. Doch auch auf anderen Positionen gibt es deutliches Steigerungspotenzial und manche Baustelle. SPORT1 zeigt gemeinsam mit Ex-Weltmeister Henning Fritz auf, wo es noch hakt.

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TORHÜTER:

Sowohl Andreas Wolff als auch Johannes Bitter kamen gegen Ungarn nicht an ihre Top-Form heran. Ein Problem: Immer wieder kam der Gegner mit seinen hochgewachsenen Akteuren wie Rückraum-Shooter Máté Lékai oder Kreisläufer Bence Banhidi mehr oder weniger frei zum Abschluss.

Für den glücklosen Wolff, eigentlich die Nummer eins zwischen den Pfosten und in seinem ersten WM-Einsatz in Ägypten, kam Bitter, doch auch der mit 38 Jahren letzte Verbliebene der deutschen Weltmeister von 2007 konnte den Magyaren nicht wirklich den Zahn ziehen.

"Es war schwer, sich auszuzeichnen. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass Andi Wolff das Spiel gegen Kap Verde hätte machen können, um sich Rhythmus, Gefühl und Selbstbewusstsein für das Turnier zu holen", sagt bei SPORT1 der frühere Weltklasse-Keeper Fritz.

Der 46-Jährige, beim WM-Coup Bitters Teamkollege, fügt an: "Am Ende ist es auch ein Bauchgefühl, aus dem heraus der Trainer einen Torwart beginnen lassen sollte. Gegen Spanien hat Andi Wolff noch gute Erinnerungen - von daher wäre das meine erste Option für dieses Spiel."

ABWEHR:

Zwischenzeitlich hatte Deutschland bereits mit fünf Toren hintengelegen, vor allem für den ersten Spielabschnitt bemängelte Gislason folgerichtig: "Wir kriegen nicht genug Zugriff in der Abwehr."

Der Mittelblock aus Johannes Golla und Sebastian Firnhaber hatte große Probleme, die Ungarn von den besten Rückraum-Wurfpositionen fernzuhalten. Das änderte sich erst, als von einer 6-0 auf eine 5-1-Formation gewechselt wurde, mit Fabian Böhm an der Spitze. 

"Das 5-1 ist eine Option für das Spanien-Spiel", sagte Co-Trainer Erik Wudtke am Mittwoch: "Wir müssen über verschiedene Varianten nachdenken."

Fritz sieht es bei SPORT1 so: "Da fehlt uns ein bisschen die Erfahrung und auch Physis, wie eben durch Leute wie Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler sonst in der Abwehr beim THW Kiel. Aber trotzdem darf man der Mannschaft da nun keinen Vorwurf machen und muss auch nichts über den Haufen werfen."

RÜCKRAUM UND AUSSEN:

Der deutsche Angriff wirkte gegen Ungarn immer wieder limitiert - und gerade im Rückraum zu eindimensional.

"Julius Kühn ist einer, der mit viel Dampf kommt und draufnagelt, nicht unbedingt das Anspiel an den Kreis sucht. Und auch Kai Häfner sucht eher den Durchbruch oder Würfe gleich am Mann. Da hatte Ungarn eine ganz andere Spielanlage als das deutsche Team", erklärt Fritz.

Nach der Pause kam dank Paul Drux neuer Schwung, wenn auch ebenfalls dadurch, dass sich der Berliner im Rückraum einige Male durchsetzte, mit seinem Treffer zur Führung (24:23) sogar den Sieg erhoffen ließ.

"Wir hatten auch nicht so viele Abschlüsse über Außen", erinnert Fritz. Erst mit der Hereinnahme von Kapitän Uwe Gensheimer, der beim Stand von 22:22 erstmals wieder den Ausgleich besorgte, kamen neue Impulse auf Linksaußen - trotz der sieben Tore (davon vier Siebenmeter) von Marcel Schiller als bestem deutschen Werfer.

KAPITÄN GENSHEIMER:

Apropos Gensheimer: Der 34-Jährige, von Gislason nach dem Auftaktspiel gegen Uruguay kritisiert und überraschend nicht in der Startformation gegen die Ungarn, muss sich weiter steigern.

Der Hochkaräter sucht seine Form - und macht sich womöglich auch selbst zu viel Druck. "Uwe steht natürlich doppelt im Fokus, weil er auch Kapitän ist. Vielleicht hat er manchmal das Gefühl, noch mehr Verantwortung übernehmen zu müssen, das Ruder allein herumzureißen", sagt Fritz: "Er hatte keinen so guten Einstieg ins Turnier, ist aber ein wichtiger Teil dieser Mannschaft."

Zuspruch gibt es auch vom nachnominierten Patrick Groetzki, Gensheimers Teamkollege auch bei den Rhein-Neckar Löwen.

Auf SPORT1-Nachfrage wollte Groetzki die Reservistenrolle des DHB-Kapitäns nicht überbewerten: "Das ist kein Problem. Klar, er hat den Anspruch, jedes Spiel von Anfang an zu spielen. Ich glaube aber, dass das Thema ein wenig hochgekocht wird. Er ist in der Kabine trotzdem das Sprachrohr."