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Juri Knorr hat schon eine Corona-Infektion überstanden und soll Deutschlands Weltklasse-Regisseur werden. Bei der Handball-WM steht das Supertalent besonders im Fokus.

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Juri Knorr griff mal wieder zu seinem Handy. Im Telefonat mit seinem Papa, dem langjährigen Nationalspieler Thomas Knorr, ging es natürlich um sein starkes WM-Debüt und die Chancen mit der deutschen Mannschaft - aber auch um Dinge, die den jungen Juri bei seinem ersten großen Turnier abseits des Feldes bedrücken. (Alles zur Handball-WM)

"Es ist natürlich schwierig, wenn man aus dem Bus schaut und sieht, dass wir von ziemlicher Armut umgeben sind. Das nimmt mich persönlich ziemlich mit", sagt Knorr im Gespräch mit dem SID: "Es ist schwierig, wenn man weiß, dass man hier in einer Hotel-Oase ist und alles hinterhergereicht bekommt, und draußen verkaufen Kinder etwas Wasser in den Straßen."

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Knorr ist mit seinen 20 Jahren erstaunlich reflektiert. Der Rückraumspieler weiß genau, was er kann und was er will. Sportlich ist es der Weg nach oben.

"Ein bisschen stolz" sei sein Vater nach den vier Treffern und einem kernigen Auftritt zum WM-Auftakt schon gewesen, berichtet der Spielmacher: "Gucken wir mal, wie es in den schwierigeren Spielen wird." Beim Vorrunden-Finale gegen Ungarn, in dem es um den Gruppensieg und wichtige Punkte für die Hauptrunde geht, wird Knorr wieder im Fokus stehen. (Handball-WM: Deutschland - Ungarn ab 20.30 Uhr im LIVETICKER).

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Knorr bekommt Lob von Wolff und Gislason

Knorr, dessen Länderspiel-Premiere im Herbst im Bohei um das Debüt von Bundestrainer Alfred Gislason ein wenig unterging, gehört die Zukunft im deutschen Handball. (Spielplan und Ergebnisse der Handball-WM 2021)

"Er zeigt Ansätze, um vielleicht dieses Puzzleteil zu sein, das uns in den letzten Jahren teilweise gefehlt hat", sagte Torhüter Andreas Wolff am Montag. Knorrs Spielanlage sei "sehr, sehr gut. Ich habe große Hoffnung, dass er ein wichtiger Baustein für die Nationalmannschaft werden kann."

Gislason betonte bereits vor einigen Wochen, dass man Knorr "eine vielversprechende Zukunft vorhersagen" könne.  (Kader des DHB-Teams bei der Handball-WM 2021)

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Shootingstar Knorr als Prototyp des modernen Regisseurs

Diese Zukunft hat mit dem Turnier in Ägypten begonnen, doch Knorr junior gilt schon seit geraumer Zeit als Shootingstar. Das 94 Kilogramm schwere und 1,90 Meter große Kraftpaket repräsentiert den Prototyp des modernen Spielgestalters. 

Knorr ist schnell auf den Beinen und im Kopf, hat ein feines Gespür für die Situation, einen guten Blick für seine Mitspieler - und ist dabei selbst immer wieder torgefährlich.

Nicht umsonst macht der Youngster von GWD Minden nach der Saison den nächsten Schritt und wechselt zu Top-Team Rhein-Neckar Löwen. (Handball-WM 2021: Die Tabellen)

Legitimer Nachfolger von Markus Baur?

Im DHB herrscht bereits die Hoffnung vor, dass die Nationalmannschaft nach Markus Baur endlich wieder mit einem Spieler vom Format Weltklasse auf der Mittelposition aufwarten kann. Das Potenzial dazu hat der gebürtige Flensburger, wie er in der Bundesliga bereits mehrfach unter Beweis gestellt hat.

Mindes Coach Frank Carsten - seit 15 Jahren Profi-Trainer - schwärmt in höchsten Tönen von seinem Rohdiamanten: "Mit einem größeren Talent als Juri habe ich noch nie gearbeitet. Er hat diese Mischung aus Talent, Ehrgeiz und Arbeitsmoral, die ihn zum perfekten Paket machen."

Knorr selbst sein größter Kritiker

Vor allem die Arbeitsmoral hat es auch GWD-Sport-Geschäftsführer Frank von Behren angetan. "Es ist die Motivation von Juri, die beste Version von Juri Knorr zu sein. Das treibt ihn an", zeigt sich der ehemalige Nationalspieler begeistert von der Einstellung des Youngster, der seinem Ziel alles unterordne. (So läuft die Handball-WM 2021)

So führt der Rechtshänder eine Tabelle, in der er sich selbst in Bezug auf Taktik, Technik oder Wurfvarianten bewertet. So will er seine Schwächen ausmerzen, beispielsweise brachte er sich selbst den Unterarmwurf bei.

Nur mit einem breiten Repertoire könne er sich in der Weltklasse etablieren, denn "der mittlere Rückraum ist neben dem Tor die anspruchsvollste Position im Handball."

Knorr mit Trainigsfleiß und Bodenhaftung

Auch in Minden gehört er zu den Trainingsfleißigsten, wie Carsten auf der Homepage der Liquimoly HBL verriet. "Er legt immer, absolut immer eine Extraschicht von Würfen ein. Egal, ob mit oder ohne Torwart."

Dennoch läuft der 20-Jährige, der bereits bei der U18-EM 2018 zum All Star gewählt wurde, nicht Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren. Bei der GWD Minden ist er der Wasserwart und damit für die Getränkelage in der Kabine der Profis zuständig - also Kistenschleppen statt Social Media.

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2018 ein Jahr Lehre beim FC Barcelona

Knorrs Weg in die Bundesliga zu GWD Minden, wo er seit 2019 Taktgeber und Leistungsträger ist, verlief ebenfalls untypisch - und das kommt ihm zugute. Beim FC Barcelona, einem der erfolgreichsten Klubs im Welthandball, ging er 2018 für ein Jahr in die Lehre und kam als 18-Jähriger zu ersten Erstligaeinsätzen. 

"Ich bin komplett raus aus meiner Komfortzone. Ich musste mich komplett neu einstellen auf andere Menschen, eine andere Kultur", erzählt Knorr. Es habe ihm sehr geholfen in seiner Entwicklung, "davon zehre ich noch heute".

Palmarsson als Vorbild

Damit setzte er konsequent seinen eigenen Weg fort, den er bereits in frühester Jugend eingeschlagen hatte. Ein Leistungszentrum hat er nie besucht. Vielmehr spielte er als 17-Jähriger beim Oberligisten HSG Ostsee, der von seinem Vater traininert wurde.

Doch trotz dieser Nähe, lehnt er Vergleiche zu seinem Papa, der in den 90er Jahren unter anderem vier Meistertitel mit dem THW Kiel holte, ab. Natürlich habe er als "Trainer und Ratgeber" viel Einfluss genommen und seine Entwicklung geprägt, aber er ähnele ihm "gar nicht so sehr. Er hat mehr abgeschlossen, ich initiiere mehr die Szenen."

Wenn er sich für ein Vorbild entscheiden müsste, wäre es Aron Palmarsson. "Palmarsson ist vielleicht nicht der beste, aber der eleganteste und talentierteste Spieler der Welt", beschreibt er die Faszination, die von dem Isländer ausgeht. Beim FC Barcelona durfte er ihn live erleben und war begeistert.

Knorr üerstand Corona-Infektion mit ernstem Verlauf

In Ägypten erlebt Knorr derzeit turbulente Tage. Auch das Thema Corona geht ihm nah, er selbst durchlitt nach den Länderspielen im Herbst eine COVID-19-Erkrankung mit ernstem Verlauf.

"Ich weiß, dass es kein Zuckerschlecken sein muss. Es können auch Langzeitschäden auftreten, auch für uns Sportler", sagt Knorr.

Es sei ein "schwieriges Thema", er gibt sich mit dem Blick auf den weiteren Turnierverlauf aber pragmatisch: "Jeder hat sich dazu entschlossen, dass er das Risiko in Kauf nimmt."

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