Deutschland muss sich nicht nur im Mittelblock neu aufstellen
Deutschland muss sich nicht nur im Mittelblock neu aufstellen © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago
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München - Die Abwehr ist vor der Handball-WM größte Baustelle im deutschen Team. Ohne Pekeler, Wiencek und Lemke muss Bundestrainer Gislason improvisieren - und hat Optionen.

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Es war ein Sonntag, dieser 31. Januar 2016 - und ein großer Tag in der Geschichte des deutschen Handballs. (Spielplan der Handball-WM 2021)

Das weitgehend unerfahrene Team von Bundestrainer Dagur Sigurdsson krönte sich in Polen sensationell zum Europameister. Im Finale verzweifelten die favorisierten Spanier an der Defensive der DHB-Auswahl.

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Bei 24 erzielten Treffern ließ Deutschland nur 17 Gegentore zu. In der EM-Historie kassierte nie ein Team so wenige in einem Finale. Und auch bei Weltmeisterschaften muss man bis ins Jahr 1974 zurückblicken, bis eine geringere Toreanzahl des Finalverlierers zu entdecken wäre. (Handball-WM 2021 vom 13. bis 31. Januar im LIVETICKER)

Großen Anteil an der bombastischen Defensivleistung vor vier Jahren hatte Torhüter Andreas Wolff, der die spanischen Superstars zur Verzweiflung trieb. Davor räumten Hendrik Pekeler und Finn Lemke im Innenblock ab, was ging.

Pekeler, Lemke und Wiencek fehlen Gislason

Klar also: Spätestens seit diesem Spiel ist die deutsche Abwehr vor allem in der Zentrale im Welthandball gefürchtet. Doch ebendiese Positionen könnten bei der anstehenden WM zum Problem werden. 

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Denn neben Pekeler und Lemke verzichtet wegen des Coronavirus auch der exzellente Abwehrspieler Patrick Wiencek auf das Turnier in Ägypten. "Da ist etwas weggebrochen, was den Gegnern weltweit Respekt eingeflößt hat", brachte DHB-Sportvorstand Axel Kromer die Lage auf den Punkt.

So muss Bundestrainer Alfred Gislason mit nur zwei WM-Härtetests in der EM-Qualifikation gegen Österreich am Mittwoch und Sonntag nun in kürzester Zeit Lösungen finden, um eine Abwehr aufzustellen, die es dann bei der WM mit den besten Spielern der Welt aufnehmen kann.

"Eine funktionierende Abwehr ist das Erste, was wir hinbekommen müssen. Danach werden wir die verbleibenden Tage bis zur WM für einige angriffstaktische Dinge nutzen", betonte Gislason nach Beginn der WM-Vorbereitung.

Und ergänzte auf SPORT1-Nachfrage: "Von daher müssen wir die 6:0 anders spielen als mit Pekeler und Wiencek oder Lemke, die größer und extrem erfahren sind."

Golla und Firnhaber sollen im Zentrum dichtmachen

Improvisation ist gefragt, denn mit Johannes Golla und Neuling Sebastian Firnhaber stehen nur zwei Spieler im Kader, die in der Bundesliga regelmäßig im Innenblock agieren. (Kader des DHB-Teams bei der Handball-WM 2021)

Der Flensburger und der Erlanger sind in der gewohnten 6:0-Formation auch erste Wahl des Isländers, der mit dem DHB sein erstes großes Turnier als Nationaltrainer in Angriff nimmt. Und die jüngsten Trainingseindrücke stimmen ihn positiv.

"Wir haben heute sehr viel mit dem Innenblock Firnhaber und Golla trainiert. Das hat richtig gut funktioniert", sagte Gislason auf SPORT1-Nachfrage und schob den Knackpunkt hinterher: "Es geht vor allem darum, wer die beiden phasenweise ersetzen kann."

Auch dafür hat der 61-Jährige schon Alternativen parat. "Da haben wir mehrere Varianten versucht. Ich war angenehm überrascht. Wir haben es auch mit Fabian Böhm und Marian Michalczik und auch mit Christian Dissinger und Paul Drux probiert", ergänzte der ehemalige Bundesliga-Coach.

Drux und Dissinger als Alternativen im Innenblock

Wie sehr die Qualität unter den Ausfällen der Hünen Pekeler, Lemke und Wiencek leidet, wird sich jedoch erst im Ernstfall zeigen. Denn Firnhaber hat noch kein Länderspiel absolviert und wird nun direkt ins kalte WM-Wasser geworfen.

Golla kam im DHB-Team bislang zumeist nur zu Kurzeinsätzen. Das Quartett, das Gislason zudem noch genannt hat, muss erst in die Rolle hineinwachsen.

Drux etwa ist in der Abwehr flexibel einsetzbar, als absolute Bank gilt er jedoch nicht. Dissinger wiederum füllt die Rolle im Innenblock in seinem Verein Vardar Skopje zwar immer wieder aus, kommt aber gehandicapt zum Nationalteam.

"Christian hat das Problem, dass er mindestens fünf Wochen nicht trainiert hat. Man merkt ihm schon an, dass er einen Rückstand hat", erklärte Gislason. "Er ist einer von vielen, aber er braucht ein bisschen Zeit, um in diese Abwehr reinzukommen."

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Sollte sich die 6:0-Abwehr nicht als der gewohnte Rückhalt erweisen, will der Coach auch eine weitere, offensivere Variante einüben lassen. "Wir versuchen auf die Schnelle eine offensive Abwehr einzuarbeiten. Dafür brauchen wir ein bisschen Zeit. Ich bin sehr optimistisch, dass wir das schaffen", sagte Gislason.

Gensheimer in ungewohnter Rolle gefragt

"Natürlich fehlen uns jetzt drei Spieler mit einem Gardemaß von über zwei Meter für die 6:0-Abwehr. Dann versucht man, die Stärken der Spieler, die hier sind, hervorzuheben und mit einer anderen Taktik voranzugehen", pflichtet ihm Uwe Gensheimer bei.

Dabei wird auch dem Kapitän eine - zumindest im Nationaltrikot - neue Rolle zukommen. Wie er es hin und wieder bei den Rhein-Neckar Löwen erprobt hat, soll der Linksaußen auch auf der Halbposition decken.

"Ich kann es natürlich nicht ganz so lösen wie die Spieler, die sonst dort decken und ein paar mehr Kilos und Zentimeter auf die Platte bringen. Aber ich habe andere Lösungen und kann die Spieler offensiv annehmen und Fehler provozieren", erläuterte der 34-Jährige.

Für Gensheimer "eine reale Option, die ich auch bei den Rhein-Neckar Löwen gespielt habe. Es ist auch eine Rolle, in der ich mich nicht unwohl fühle."

WM als Sprungbrett für Golla und Firnhaber? 

Ungewohntes klaglos anzunehmen, darauf wird es am Nil für das DHB-Team ohnehin ankommen, auch mit Blick auf die Ungewissheit, die ein derartiges Turnier während einer Pandemie aufwirft.

Und dennoch: Wie eine deutsche Mannschaft als Außenseiter über sich hinauswachsen kann, hat die EM 2016 gezeigt. Zumal Pekeler und Lemke im Welthandball zuvor noch keine großen Namen waren.

Einen solchen wollen sich nun auch Golla und Firnhaber machen.