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München - Alfred Gislason steht mit der Handball-WM die wohl schwierigste Mission seiner Karriere bevor. Doch er selbst ist der größte Trumpf des DHB-Teams.

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Es war ein Knall, als im Februar 2020 - nur elf Tage nach der EM - bekannt wurde, dass sich der DHB von Christian Prokop trennen würde.

Beinahe noch größer war allerdings der Knall, als Alfred Gislason als Nachfolger vorgestellt wurde. Nach dem jungen Prokop verpflichtete der DHB sicher ganz bewusst den erfahrenen Isländer, quasi den Gegenentwurf zu seinem Vorgänger. Einen, der genau weiß, wie man Titel holt. (Handball-WM 2021 vom 13. bis 31. Januar im LIVETICKER)

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Gislason sollte die Nationalmannschaft auf Vordermann bringen, was für einen der renommiertesten Trainer weltweit auf den ersten Blick kein Unding sein dürfte. Als Vereinstrainer hat der 61-Jährige alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt: Pokal, Meisterschaft, Champions League.

WM für Gislason größte Herausforderung

Doch wie groß die Herausforderung als Handball-Bundestrainer werden würde, konnte Gislason bei seinem Amtsantritt im Februar noch nicht ahnen. (Kader des DHB-Teams bei der Handball-WM 2021)

2020 entwickelte sich zur Geduldsprobe. Sein Debüt sollte er eigentlich schon im März feiern, doch nur wenige Stunden vorher ereilte das DHB-Team die coronabedingte Absage. Auch die Olympia-Quali fiel ins Wasser.

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Erst acht Monate nach seiner ursprünglich geplanten Premiere stand der Isländer schließlich gegen Bosnien und in Estland erstmals an der Seitenlinie – und holte zwei Siege. Doch die Freude hielt nicht lange an. Vier Spieler wurden im Anschluss positiv auf das Coronavirus getestet und mussten in Quarantäne.

Es folgten weitere Hiobsbotschaften: Für die Mega-WM in Ägypten hagelte es Absagen – darunter viele Leistungsträger. Am Ende fehlen insgesamt sieben Stammkräften. Zudem fiel die Vorbereitung kurz aus und aufgrund von Quarantänen haben mehrere Spieler Trainingsrückstände.

Abwehr-Sorgen nach Absagen von Pekeler und Wiencek

Das größte Problem: Deutschlands Prunkstück – die Abwehr – erlitt durch die Absagen von Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Finn Lemke einen großen Bruch. Gislason muss also am Nil improvisieren: Den neuen Mittelblock bilden Johannes Golla und Sebastian Firnhaber. Wenn einer der beiden eine Pause braucht, wird es schon eng. (Spielplan und Ergebnisse der Handball-WM 2021)

Auf SPORT1-Nachfrage, ob die WM seine bislang größte Mission werde, erklärte Gislason: "Das kann ich erst Ende Januar sagen. Ich hatte in meiner Karriere schon einige schwierige Situationen. Diese ist sicherlich ein bisschen komplizierter."

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Trotzdem nimmt er die aktuelle Ausnahme-Situation, wie sie ist, und glaubt an seine Mannschaft: "Ich bin trotzdem zufrieden mit der Situation, mit der Mannschaft und mit der Stimmung. Ich freue mich auf das Turnier mit den Jungs, die da sind. Bisher haben sie einen sehr guten Eindruck gemacht. Es ist eine Herausforderung, aber eine, die mir Spaß macht, weil ich trotz der Absagen an die Mannschaft glaube."

Häfner und Firnhaber adeln Gislason 

Und das Team glaubt genauso an den Coach. "Er ist der absolute Ruhepol bei uns und gibt uns Sicherheit, ein gutes Gefühl. Er weiß genau zu balancieren zwischen Anspannung und Lockerlassen. Er gibt der ganzen Mannschaft ein sehr gutes Gefühl", schwärmte Kai Häfner bei einem digitalen Medientermin auf SPORT1-Nachfrage.

Auch DHB-Frischling Firnhaber pflichtete bei: "Alfred macht es überragend als Bundestrainer. Er bringt die nötige Ruhe rein, aber auch einige neue Dinge", so der 26-Jährige auf SPORT1-Nachfrage. (Handball: Die wichtigsten Regeln)

Und auch für Außenstehende scheint Gislason die richtige Wahl an der Seitenlinie zu sein. "Im Moment macht das einen sehr harmonischen Eindruck und wenn man so liest, was die Spieler über ihn sagen, scheint das sehr gut zu passen", erklärte Christian Schwarzer, WM-Held von 2007, bei SPORT1

Wolff kassiert Rüffel von Gislason

Für ein Ausrufezeichen sorgte Gislason auch bereits neben dem Spielfeld. Mit seiner Verbal-Attacke gegen seine ehemaligen Kieler Mitspieler, die er für ihre WM-Absagen kritisierte, sorgte Andreas Wolff noch vor der Ankunft in Ägypten für Unruhe - und kassierte dafür direkt einen Rüffel von Gislason

"Ich hoffe, dass dieses Thema begraben wird. Es stört uns nur in unserer Vorbereitung hier", sagte der DHB-Coach während einer digitalen Medienrunde. Stammkeeper Wolff ruderte daraufhin zurück: "Absagen sind kein Thema bei dieser Weltmeisterschaft, wir müssen den Blick nach vorne richten. Es war kein Thema und wird auch keins sein", versicherte der 29-Jährige.

Auch Gislason wird nach dem Zwischenfall den Blick schnell wieder nach vorne gerichtet haben. Doch vor seiner großen Mission am Nil schadet auch ein kurzer Rückblick nicht, denn Deutschlands EM-Erfolg von 2016 kann für die diesjährige WM sowohl als Vorbild als auch Hoffnungsschimmer dienen.

Vor fünf Jahren feierte die deutsche Mannschaft in Polen ihren letzten großen Erfolg – und zwar unter einem isländischen Trainer. Dagur Sigurdsson war um seine Aufgabe damals auch nicht zu beneiden. Mit zahlreichen Ausfällen - vor allem auf den Außenpositionen - waren die Vorzeichen damals ähnlich schlecht.

Bei Gislason sind die Voraussetzungen noch um einiges extremer, weshalb seine geschickten Schachzüge mehr gefragt sind denn je. Und vielleicht kommt es dann unter dem nächsten Isländer wieder zu einem deutschen Märchen.