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Köln - Der für Martin Strobel nachnominierte Tim Suton zeigt gegen Spanien keine Nervosität. Mit seiner Torgefahr kann er sogar zur Waffe werden.

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Bereits in der zwölften Minute durfte Tim Suton im letzten WM-Hauptrundenspiel zwischen Deutschland und Spanien auf die Platte.

Soeben hatte sich Paul Drux, der auf Rückraum Mitte begonnen hatte, eine Zeitstrafe eingehandelt.

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Um die Unterzahl im Angriff zu vermeiden, beorderte Christian Prokop wie gewohnt Keeper Andreas Wolff auf die Bank und schickte mit WM-Debütant Suton einen zusätzlichen Mann auf das Feld.

Von einem Beinahe-Fehlpass im ersten Angriff ließ sich der 22-Jährige nicht beirren. In Minute 14 tankte sich Suton durch, feuerte den Ball Richtung Tor und traf.

Drei weitere Treffer und andere mutige Aktionen sollten beim 31:30 folgen – Sutons Premiere als gelungen zu bezeichnen, wäre untertrieben. 

Suton springt für Pechvogel Strobel ein

Zwei Tage vorher hätte Suton wohl kaum damit gerechnet, in diesem Moment die WM-Stimmung in Köln auf dem Feld mitzuerleben.

Der Spielmacher des TBV Lemgo-Lippe weilte zwar bereits in der Lanxess Arena, allerdings als Zuschauer. Dort musste er sehen, wie sich Martin Strobel, der etatmäßige Kopf der Mannschaft, schwer verletzte.

Die anschließende Diagnose – Innenband- und Kreuzbandriss – stellte klar: Für Strobel ist die WM beendet. Suton rückte nach und greift mit dem DHB-Team am Freitag nach dem Final-Einzug (Handball-WM: Halbfinale Deutschland – Norwegen ab 20.30 Uhr im LIVETICKER).

Suton schwärmt von Strobel und Stimmung

"Die Umstände waren etwas schade, aber seit dem Anruf habe ich gedacht: Mach das Beste draus, versuche der Mannschaft irgendwo zu helfen", sagte Suton, der von Strobel noch eine Nachricht bekam ("Eine Riesen-Geste").

Er habe sich "unglaublich auf das Spiel gefreut. Das war ein riesen Gefühl, da jetzt in der Halle zu spielen", sagte Suton. Die Stimmung sei "überragend" gewesen, doch ebenso besonders sei der Zusammenhalt in der Mannschaft.

Von Nervosität oder Aufregung war bei Suton wenig zu spüren. In seinem jungen Alter bei einem Spiel gegen den Europameister vor über 19.000 frenetischen Zuschauern mag das verwundern, doch Suton ist kein "normaler" 22-Jähriger.

Auszeichnung zum besten Nachwuchsspieler

"Er ist, obwohl er noch jung ist, sehr, sehr abgeklärt und macht sich keinen Kopf", berichtete Rechtsaußen Patrick Groetzki.

Suton ist Führungsspieler bei Lemgo und hat bereits mehrere Jahre Erfahrung auf Profi-Level gesammelt. In der Saison 2012/13 gab er sein Zweitliga-Debüt bei der HG Saarlouis. Dort avancierte er zum überragenden Mann, 2014 wurde er mit 18 Jahren bester Torschütze der Liga.

Im Oktober des Jahres folgte die Auszeichnung zum besten Nachwuchsspieler Deutschlands. Nachdem er bei den Rhein-Neckar Löwen sein Potenzial nicht entfalten konnte, machte er sich (mit einer Zwischenstation in Lübbecke 2015/16) in Lemgo in der Bundesliga einen Namen.

Finaler Cut trifft Suton

Sutons Nationalmannschaftsdebüt folgte im Juni 2017 unter Christian Prokop. Dieser holte ihn auch vor der WM in den erweiterten Kader und strich ihn erst kurz vor dem Turnier gemeinsam mit Tobias Reichmann.

"Tim hat mit uns den kompletten Vorbereitungslehrgang absolviert, zum Ende und am Anfang des Jahres. Dann war es eine knappe Entscheidung, die es zu treffen galt", sagte Prokop in der ARD: "Aber er war immer mit dem Gedanken beim Team."

Deswegen sei die Entscheidung pro Suton auch ziemlich schnell gefallen. "Er kennt alle Abläufe und ist vom Charakter her ein starker Typ. Dementsprechend freut es mich, dass er da so nahtlos reinsticht", so Prokop.

Suton: Anderer Spielertyp als Strobel

Den routinierten Strobel kann und will Suton nicht eins zu eins ersetzen. "Wir sind andere Spielertypen. Aber ich versuche, mein Ding reinzubringen", erklärte Suton.

"Er ist ein Spieler, der das Spiel beruhigen kann, es strukturieren kann, aber selbst auch stark im Eins gegen Eins ist", beschrieb Groetzki Sutons "Ding".

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Der Rechtsaußen, der gegen Spanien Sicherheit zurückgewann, sprach von einer "Riesenqualität".

Auch wenn Strobel sich im Turnier erstaunlich torgefährlich zeigte, hat Suton in diesem Bereich deutlich höhere Qualitäten.

Groetzki: Perfekter Wechsel

Kreisläufer Jannik Kohlbacher schwärmte nach dem ersten Auftritt des 22-Jährigen: "Er kommt ins Team und macht direkt vier Tore, zieht viele Eins-gegen-Eins-Situationen auf sich und spielt clever. Genau das brauchen wir."

Suton kann zudem gut auf den Halbpositionen decken. Für Groetzki ist Sutons Nominierung nach Strobels Ausfall deswegen "der perfekte Wechsel", für Kohlbacher ist der Nachrücker die perfekte Ergänzung.

Und auch, dass Suton nicht schon zwei kräftezehrende Wochen in den Knochen hat, kann zum Vorteil werden.

Waffe im Halbfinale gegen Norwegen?

Mit seiner Torgefahr, seiner Unbekümmertheit und seiner Frische ist Suton eher eine hinzugewonnene Waffe als eine Not-Option.

"Heute hat es ganz gut geklappt, aber das harte Spiel kommt am Freitag erst", blieb er bescheiden.

Auch wenn er im Halbfinale womöglich etwas weniger Spielanteile erhalten wird als gegen Spanien, wird auch Suton liefern müssen, soll es mit dem Gold-Traum klappen.

Dass er dazu in der Lage ist, hat er am Mittwoch eindrucksvoll bewiesen.