Lesedauer: 5 Minuten

Berlin - Deutschland verspielt bei der Handball-WM gegen Russland den Sieg und verpasst den vorzeitigen Einzug in die Hauptrunde. Bundestrainer Christian Prokop gibt sich trotzig.

Anzeige

Als Steffen Fäth den letzten Freiwurf in die russische Abwehrmauer donnerte, war es mit der Partystimmung erst einmal vorbei. Kapitän Uwe Gensheimer starrte auf den Boden, Bundestrainer Christian Prokop nahm nach einem Handball-Krimi tief enttäuscht einen Schluck aus seiner Wasserflasche. In der Halle am Berliner Ostbahnhof herrschte nach dem leichtfertig verschenkten Sieg beim 22:22 (12:10) gegen Russland Totenstille.

"Es ist enttäuschend, weil wir den Sack nicht zugemacht haben. Das ist ein bisschen ärgerlich", sagte Prokop nach dem ersten Dämpfer bei der Heim-WM. 20:17 hatte die Auswahl des Deutschen Handballbundes acht Minuten vor dem Ende noch geführt, die Hauptrunde war greifbar nahe. Doch einfache Fehler und Schwächen im Abschluss erlaubten den Russen neun Sekunden vor dem Ende den Ausgleich.

Anzeige

Prokop reagiert nach Deutschland-Remis trotzig

"Wir waren nicht cool genug, die richtigen Entscheidungen zu treffen", kritisierte Prokop in der ARD. Daran änderten auch die acht Tore von Kapitän Uwe Gensheimer nichts. Paul Drux gab sich nach seinem kapitalen Fehlpass kurz vor dem Ende selbstkritisch: "Der hat uns das Genick gebrochen", sagte der Rückraumspieler.

Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel schlug Prokops Trauer dann jedoch in Trotz um: "Wir werden uns kurz zusammensetzen, das Spiel verdauen. Das hat auch mit ärgern zu tun. Aber vor allem wollen wir den Blick nach vorne richten und taktisch unsere Stärken gegen die Franzosen reinbringen. Das ist garantiert eine tolle Mannschaft, aber wir haben uns auch schon ein bisschen was aufgebaut und das will ich nicht kaputt geredet haben nach einem Unentschieden - keiner Niederlage."

ANZEIGE: Jetzt aktuelle Handball-Trikots kaufen - hier geht es zum Shop

DHB-Team zwischen Trotz und Ärger

Auf seiner Medaillen-Mission steht der dreimalige Weltmeister vor dem wegweisenden Duell gegen Frankreich am Dienstag unter Druck (Handball-WM: Deutschland - Frankreich ab 20.30 Uhr im LIVETICKER).

"Wir haben uns über 60 Minuten komplett reingehaun und gekämpft. Dass wir am Ende den Ausgleich kriegen, ist natürlich besonders bitter", meinte Jannik Kohlbacher in der Mixed Zone. "Trotzdem ist das kein Dämpfer. Wir müssen in 26 Stunden wieder auf dem Spielfeld stehen und dann wieder alles geben. Wenn wir morgen das Spiel gewinnen, sieht das auch wieder ganz anders aus."

Teamkollege Fabian Wiede meinte: "Ich denke schon, dass wir das ganze Spiel über dominiert haben und alles im Griff hatten. Aber wir haben es nicht geschafft, den Deckel drauf zu machen."  (WM-Tabellen)

Bei einem Unentschieden gegen Titelverteidiger Frankreich würde das DHB-Team die Hauptrunde erreichen, bei einer Niederlage wäre das angestrebte Halbfinale aber schon in Gefahr. "Wir sind gefestigt. Wir müssen jetzt runterkommen", sagte Drux.

Russland leistet heftige Gegenwehr

Nach den lockeren Erfolgen gegen Korea (30:19) und Brasilien (34:21) stieß der Gastgeber von Beginn an auf deutlich mehr Gegenwehr. Das bisher so starke Abwehr-Bollwerk um den Mittelblock mit Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek hatte mit den beweglichen Russen einige Mühe. Die DHB-Auswahl ging daher erst durch Steffen Weinhold beim 4:3 erstmals in Führung (7.).

Das Duell der Ex-Weltmeister blieb aber hart umkämpft, die Russen ließen sich nicht abschütteln. Prokop richtete daher in der ersten Auszeit eine klare Forderung an seine Defensive: "Das muss aggressiver sein." Seine Spieler gehorchten und griffen in der Deckung in der Folge etwas beherzter zu. 

Gensheimer: "Fühlt sich wie Niederlage an"

Dafür leistete sich das deutsche Team nun im Angriff einige überhastete Aktionen. Die russische 5:1-Deckung bereitete dem EM-Neunten einige Probleme. Für die Zwei-Tore-Führung zur Pause musste der Favorit daher in die Trickkiste greifen. Nach einem sehenswerten Rückhandanspiel des Berliners Fabian Wiede traf Kreisläufer Pekeler zum 12:10. (WM-Spielplan)

Steffen Weinhold meinte: "Wir haben ein bis zwei Fehler zuviel gemacht. Wir müssen uns in der 2. Hälfte absetzen, sonst wird es am Ende eben noch eng." Gensheimer ergänzte: "Es fühlt sich wie eine Niederlage an, weil wir die ganze Zeit geführt haben. Wir haben die ganze Zeit geführt in der zweiten Hälfte und haben es dann nicht geschafft, den Sack zuzumachen und das Spiel frühzeitig für uns zu entscheiden. Deswegen haben wir den Russen leider noch die Chance auf das Unentschieden gegeben."

Drux mit verhängnisvollem Fehplass

Der Start in die zweite Halbzeit war vielversprechend. Weinhold hämmerte den Ball nach einer kraftvollen Einzelaktion zum 15:11 unter die Latte (35.). Die einstige Handball-Großmacht Russland blieb aber in Schlagdistanz, auch weil sich die DHB-Auswahl im Positionsspiel in der Offensive immer schwerer tat.

Der Einsatz stimmte aber und in der kritischen Phase Mitte des zweiten Durchgangs war auf die deutschen Topstars Wolff und Gensheimer Verlass. Der Kieler Schlussmann kam immer mehr auf Betriebstemperatur, der Linksaußen traf mit einem sehenswerten Dreher zum 17:14 (46.).

Die Partie blieb aber packend. Als die Russen auf ein Tor herangekommen waren, behielt Gensheimer beim Siebenmeter die Nerven und traf per Heber zum 21:19 (58.). Nach einem Fehlpass des Berliners Drux glichen die Russen zum 21:21 aus (59.). Fabian Böhm brachte die deutsche Auswahl noch einmal in Front, doch neun Sekunden vor dem Abpfiff wurde der Gastgeber aus seinen Siegträumen gerissen. Daran änderte auch Fäth nichts mehr.