Christian Schwarzer analysiert Stärken und Schwächen der norwegischen Handballer
Christian Schwarzer analysiert Stärken und Schwächen der norwegischen Handballer © SPORT1-Grafik: Getty Images
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München - Nach der Hauptrunde blickt Christian Schwarzer, Weltmeister von 2007, auf die Leistung des DHB-Teams und erklärt, worauf es im Halbfinale gegen Norwegen ankommt.

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Hallo Handball-Fans,

das zweite Ziel nach dem Einzug in die Hauptrunde ist erreicht. Wir stehen im Halbfinale! Die Art und Weise wie die Jungs das gemacht haben, nötigt einem wirklich viel Respekt ab. (Alle Infos zur Handball-WM 2019)

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Das war auch beim Spiel gegen Spanien der Fall. Tim Suton kommt für den verletzten Martin Strobel dazu und zeigt direkt ein gutes Spiel, als wenn er von Anfang an dabei gewesen wäre.

Das ist unsere große Stärke: Eine sehr gute Defensive mit starken Torhütern im Kasten und diese mannschaftliche Ausgeglichenheit, die uns so unberechenbar macht.

Der Sieg war wichtig für das Selbstvertrauen und um im Rhythmus zu bleiben. Christian Prokop hat viel gewechselt und trotzdem schlagen wir den Europameister mit 31:30. Das zeigt, wie viel Qualität in diesem Kader steckt.

Es ist schwer für die Jungs, wenn es wie gegen Spanien um die Goldene Ananas geht. Klar haben sie mit einer anderen Intensität verteidigt, als es sonst der Fall war. Auch im Angriff ist man – gerade was das Tempospiel angeht – ein höheres Risiko gegangen. Ich denke, im Halbfinale wird man es wieder etwas runterschrauben, wobei durch hohes Tempo einfache und schnelle Tore erzielt werden können.

Wenn wir weiterhin mit diesen Attributen spielen, eine Einheit bilden und mit Spaß und Begeisterung ans Werk gehen, möchte keiner gerne gegen diese deutsche Mannschaft antreten.

Mit Norwegen wartet im Halbfinale eine sehr starke und gefährliche Mannschaft auf uns (Handball-WM: Deutschland - Norwegen am Freitag ab 20.30 Uhr im LIVETICKER). Das Team von Trainer Christian Berge zeichnet ähnliche Attribute aus wie das DHB-Team. Aber die deutschen Jungs haben sich im Laufe des Turniers gesteigert und in der Hauptrunde gezeigt, dass sie alle Gegner beherrschen können.

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Einen großen Unterschied zwischen Deutschland und Norwegen gibt es: Die Nordlichter haben mit Sander Sagosen einen Spieler, der versucht, alles zu regeln und das Spiel an sich reißt. Die Dänen haben dagegen ein gutes Mittel gefunden. Sie haben ihn fast komplett aus dem Spiel genommen, konnten sich zwischenzeitlich sogar eine Neun-Tore-Führung erarbeiten.

Das zeigt, wie wichtig dieser Spieler für Norwegen ist. Daher wird es für uns wichtig sein, Sagosen gar nicht erst ins Spiel kommen zu lassen und ihm über die Defensive seine Lieblingshandlungen wegzunehmen. Damit können wir der gesamten Mannschaft den Zahn ziehen.

Im Angriffspiel haben wir sicherlich noch Luft nach oben. Tim Suton bietet eine neue Option. Aber um erfolgreich gegen die drei besten Mannschaften der Welt zu sein, müssen wir in der Offensive noch stabiler werden.

Mein Finaltipp war Deutschland gegen Dänemark, was nach wie vor möglich ist. Allerdings tendiere ich nun eher auf ein Endspiel zwischen Deutschland und Frankreich. Der Weltmeister hat gefühlt mit angezogener Handbremse gegen Kroatien agiert. Vielleicht haben sie schon damit geliebäugelt, auf Dänemark in Deutschland zu treffen – also bereits im Halbfinale – und nicht erst im Finale vor dänischem Publikum.

Wir haben es während der Vorrunde in Berlin und der Hauptrunde in Köln gesehen, was der Heimvorteil bewirken kann. Gerade in der schwierigen Phase gegen Kroatien, als wir nach einem Drei-Tore-Vorsprung plötzlich mit einem Treffer zurück lagen – so ein Spiel verlierst du auswärts schon mal. Diesen Vorteil kann man gar nicht in Zahlen belegen, dass muss man schlicht miterleben. Es ist ein unschätzbarer Vorteil, vor den eigenen Fans zu spielen.

Bei einem Endspiel zwischen Deutschland und den Dänen ist sicherlich Dänemark der Favorit, aber ich bin überzeugt: Wir könnten auch mit der Rolle des Underdogs gut klar kommen.

Aber einen Schritt nach dem anderen – jetzt gilt es erst einmal das Halbfinale zu überstehen. (Spielplan der Handball-WM 2019)

Euer Christian Schwarzer

Christian "Blacky" Schwarzer, 49, hat 318 Länderspiele für Deutschland absolviert und erzielte dabei 965 Tore. Mit dem TBV Lemgo gewann der Kreisläufer den DHB-Pokal (2002) und die Deutsche Meisterschaft (2003). 2006 fügte er mit Lemgo noch den EHF-Cup seiner Titelsammlung hinzu. Bereits zuvor holte er mit dem FC Barcelona in Spanien das Triple aus Meisterschaft und Pokal sowie der Champions League (2000). Mit der Nationalmannschaft holte er 2004 Silber bei den Olympischen Spielen in Athen und wurde im gleichen Jahr Europameister. Beim Wintermärchen 2007 gewann er mit dem DHB-Team den WM-Titel im eigenen Land.