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München - Für Christian Schwarzer ist Deutschland bei der Handball-WM ein Kandidat für das Halbfinale. In seiner Kolumne analysiert der Weltmeister Stärken und Schwächen.

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Liebe Handball-Fans,

die Vorbereitung auf die Handball-WM war für die deutsche Mannschaft auch aufgrund der Absagen einiger Spieler nicht einfach. Dennoch traue ich ihr den Einzug ins Halbfinale zu. Natürlich fehlen ein paar Leistungsträger, nichtsdestotrotz steckt so viel Qualität im Kader. Alle Jungs, die dabei sind, zeigen Woche für Woche in der stärksten Liga der Welt, der Bundesliga, und auch im Europapokal ganz tolle Leistungen.

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Erfahrene Spieler wie Wolff, Bitter, Gensheimer, Reichmann, Weber oder Drux müssen nun vorangehen und anderen, neueren Gesichtern wie beispielsweise Knorr oder Metzner den Weg vorgeben. (Handball-WM 2021 vom 13. bis 31. Januar im LIVETICKER)

Für diese Konstellation hat der DHB aber mit Alfred Gislason einen Fachmann, der seinesgleichen sucht. Er hat zum einen schon als Spieler alles mitgemacht und hat außerdem als Trainer so viel Erfahrung, dass er gerade den jungen Spieler unheimlich helfen kann.

Teamgeist muss Trumpf im DHB-Team sein

Ein Manko könnte sein, dass die Mannschaft noch nicht so eingespielt ist, wie zu dem Zeitpunkt, als noch alle Jungs dabei waren. 

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Vor allem vor diesem Hintergrund muss der Teamgeist das große Plus sein. Man sollte von niemandem verlangen, dass er mit einer großartigen Einzelleistung herausstechen muss. Gegen Österreich waren das mit Schiller im ersten und Metzner im zweiten Spiel jeweils Akteure, die man davor für solch eine Rolle nicht unbedingt auf der Rechnung hatte. Bei der WM könnten das zum Beispiel auch mal Gensheimer, Kastening oder Kühn sein, eigentlich aber jeder!

Super ist, wenn eine Mannschaft sehr ausgeglichen und nicht so ausrechenbar für die Gegner ist. Deutschland muss als Mannschaft glänzen und überzeugen. Im Zuge dessen wird es immer einzelne Spieler geben, die eine Partie entscheidend prägen. Aber schlussendlich ist es das Wichtigste, dass Deutschland als Team aufs Spielfeld geht und dem Gegner zeigt: 'Hier kommt Deutschland und gegen uns ist kein Kraut gewachsen.'

Wolff, Bitter und Heinevetter eine Macht

Die sportlichen Grundlagen sind ohnehin gelegt. Im Tor hat Gislason ein Luxusproblem. Er hat sich auf Wolff als Nummer eins vor Bitter und Heinevetter festgelegt. Für mich sind alle drei Torhüter Nummer-1-Torhüter. Er kann morgens aufstehen und sagen, heute darf dieser Keeper ran und kann da eigentlich nicht viel falsch machen.

Wenn man auf beide Außenposition schaut, sind wir hervorragend besetzt. Auch im Rückraum sind wir gut aufgestellt, wobei man auf der Linkshänder-Position abwarten muss. Häfner ist als erfahrenster Spieler gesetzt, dahinter hat man aber mit Schmidt und Metzner zwei etwas jüngere Spieler, die noch nicht die internationale Erfahrung haben. Das muss aber nicht von Nachteil sein, die beiden können unbekümmert aufspielen und vielleicht für Überraschungen sorgen. 

Golla am Kreis muss man hervorheben. Was er Woche für Woche in Flensburg und auch gegen Österreich gezeigt hat, ist bemerkenswert. Er macht im Angriff gute Aktionen und steht in der 6-0-Deckung neben Firnhaber im Stamm-Innenblock seinen Mann. (Handball: Die wichtigsten Regeln)

Stratege wie Strobel oder Baur fehlen

Der einzige Spielertyp, der im Kader ein bisschen fehlen könnte, wäre ein Stratege wie Strobel oder früher Baur - Spieler, die auf der Rückraummitte gerade in wichtigen und entscheidenden Phasen genau wissen, was zu tun ist. In der Mitte sind Weber, Drux und Böhm die Optionen. Wen ich in Zukunft ganz weit vorne sehe, ist Knorr. Nur kann man von ihm bei seiner ersten WM mit 20 Jahren einfach nicht verlangen, dass er schon Leistungsträger ist. Perspektivisch gesehen ist er aber der Rückraummitte-Spieler, der genau diese Dinge, die Gislason möchte, umsetzen kann. 

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Was die Abwehr betrifft, setzt das Team schon Dinge um, die sich der Isländer vorstellt. Die 5-1-Variante mit einem vorgezogenen Spieler hat gegen Österreich phasenweise schon sehr gut funktioniert. Böhm oder Michalczik können diese Rolle ausführen. Natürlich gibt es bisweilen noch Abstimmungsprobleme, aber nach so wenigen Trainingseinheiten, die Gislason mit seiner Mannschaft hatte, ist das auch zu erwarten. Einige Spieler haben so noch nie zusammengespielt.

Da kommt es Deutschland zugute, dass bis zum ersten starken Gegner noch ein wenig Zeit ist. Ohne despektierlich zu sein: Uruguay und die Kapverdischen Inseln sind jetzt nicht der Nabel der Handballwelt. Gegen diese Teams kann noch einiges ausprobiert werden, sozusagen Training unter Wettkampfbedingungen. In diesen Spielen kann sich die deutsche Mannschaft Selbstvertrauen holen und dementsprechend gut ins Turnier starten. (Spielplan und Ergebnisse der Handball-WM 2021)

Bislang macht der Auftritt des DHB-Teams einen sehr harmonischen Eindruck. Wenn man so liest, was die Spieler über Gislason sagen, scheint das sehr gut zu passen. Man spricht ja immer von diesem Teamspirit, der da entstehen kann und muss - und da sind sie momentan auf einem sehr guten Weg.

Euer Christian Schwarzer

Christian "Blacky" Schwarzer, 51, hat 318 Länderspiele für Deutschland absolviert und erzielte dabei 965 Tore. Mit dem TBV Lemgo gewann der Kreisläufer den DHB-Pokal (2002) und die Deutsche Meisterschaft (2003). 2006 fügte er mit Lemgo noch den EHF-Cup seiner Titelsammlung hinzu. Bereits zuvor holte er mit dem FC Barcelona in Spanien das Triple aus Meisterschaft und Pokal sowie der Champions League (2000). Mit der Nationalmannschaft holte er 2004 Silber bei den Olympischen Spielen in Athen und wurde im gleichen Jahr Europameister. Beim Wintermärchen 2007 gewann er mit dem DHB-Team den WM-Titel im eigenen Land.