Martin Schwalb hat nach seinem Wechsel von den Rhein-Neckar Löwen mit dem HSV Hamburg viel vor
Martin Schwalb hat nach seinem Wechsel von den Rhein-Neckar Löwen mit dem HSV Hamburg viel vor © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago
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München - Nach nur gut einem Jahr verlässt Martin Schwalb die Rhein-Neckar Löwen wieder, um sich seinem Herzensverein HSV Hamburg zu widmen. Bei SPORT1 erklärt er seine Vision.

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Martin Schwalb hat sich nicht gegen die Rhein-Neckar Löwen entschieden. Das zu betonen ist dem scheidenden Trainer wichtig zu betonen.

Vielmehr hat er sich gemeinsam mit seiner Familie entschlossen, sich wieder in Hamburg niederzulassen, wo sie eine Heimat gefunden haben.

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Und da wäre natürlich auch noch Schwalbs Herzensangelegenheit, der HSV Hamburg, sein "Baby", wie er es gerne nennt. Der Nachfolger-Klub der einstigen Handball-Macht spielt kommende Saison möglicherweise wieder erstklassig. (Tabelle der Handball-Bundesliga)

Schwalb wird sich wieder dem Verein widmen, den er zwischen 2005 und 2014 lange trainiert hat. In welcher Rolle der 57-Jährige genau zurückkommt, gilt es noch zu klären.

Im SPORT1-Interview spricht Schwalb über seine letzten Monate bei den Rhein-Neckar Löwen, die Mission mit dem HSV Hamburg und die Rolle von Johannes Bitter.

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SPORT1: Herr Schwalb, Andy Schmid hat nach dem Sieg gegen die Füchse von einem "richtig geilen Handball" gesprochen, den die Löwen gegen die Füchse gezeigt haben, aber auch dass er und seine Teamkollegen "Idioten sind, dass wir das zu wenig zeigen". Hat er Recht? 

Martin Schwalb: Nein (lacht), meine Spieler sind definitiv keine Idioten. Es gehört schon viel dazu, so eine Leistung hinzubekommen. Das meint Andy, dass alle bereit sein müssen, das Glück zu erzwingen. Aber wir sind alle Menschen, wir haben gute und schlechte Tage. Wenn man einen schlechten Tag erwischt, wirst du so ein Spiel nicht machen. Am Sonntag war das schon außergewöhnlich, weil viele einen guten Tag hatten. Ich verstehe Andys Ansatz: Wir haben ein System, wir haben gute Spieler und wir haben einen Anspruch, und den hat er damit auch formuliert und der lautet: Wir wollen immer so gut wie möglich spielen. Immer schaffen wir das aber noch nicht. (Spielplan und Ergebnisse der Handball-Bundesliga)

Schwalb vermisst Emotionen durch Zuschauer in der Halle

SPORT1: Manchmal verändert sich in einer Mannschaft oder einem Verein etwas bei einem bevorstehenden Trainerwechsel. Bei den Löwen hat man nicht den Eindruck...

Schwalb: Es hat sich absolut nichts verändert, vor allen Dingen in unserer täglichen Arbeit nicht. Ich mache das unheimlich gerne mit den Jungs. Wir haben einfach ein gutes Miteinander. Ich schätze sie als Menschen und ich glaube, dass sie auch ein großes Vertrauen zu mir haben. Das ist nicht durch irgendwelche Sachen zu erschüttern. Im Gegenteil: Wir haben gesagt, dass wir in der Zeit gemeinsam das Maximale erreichen wollen.

Martin Schwalb (l.) gewann mit den Rhein-Neckar Löwen bei den Füchsen Berlin
Martin Schwalb (l.) gewann mit den Rhein-Neckar Löwen bei den Füchsen Berlin © Imago

SPORT1: Eine These, die zuletzt zu lesen war: Wären Sie ohne die Pandemie bei den Löwen geblieben? Sie haben betont, wie sehr Ihnen die Emotionen fehlen. 

Schwalb: Es gibt viele Argumente, bei den Rhein-Neckar Löwen zu bleiben, es gibt aber auch viele Argumente, sich für die andere Seite zu entscheiden. Diese Sache haben wir einfach im Familienkreis beschlossen. Ich möchte auch nicht auf jeden einzelnen Grund genau eingehen. Die Löwen sind ein ganz wichtiger Teil für mich und es macht großen Spaß, mit der Mannschaft zusammen zu arbeiten. Aber man muss manchmal im Leben Entscheidungen treffen und die ist nun so gefallen. Natürlich hätte ich gerne mit der Mannschaft und den Fans zusammen in der SAP Arena ein paar gute Handball-Spiele gefeiert. Das brauche ich einfach genauso sehr wie meine Mannschaft oder generell Leistungssportler, die ihre Zuschauer begeistern wollen.

Bitter kehrt als Aushängeschild nach Hamburg zurück

SPORT1: Wie soll denn Ihre künftige Rolle beim HSV Handball konkret aussehen?

Schwalb: Das wird noch in Ruhe besprochen, was wir wie machen. Grundsätzlich ist es so, dass mein Amt als Vizepräsident ruht. Wir werden uns überlegen, wie wir uns in Zukunft aufstellen. Ich bin in engem Austausch mit den Leuten. Zu gegebener Zeit werden wir dazu Stellung nehmen.

SPORT1: Mit Jogi Bitter kommt Deutschlands derzeit bester Torhüter nach Hamburg. Was soll er zur Entwicklung des Klubs beitragen, vor und hinter den Kulissen?

Schwalb: Zunächst einmal ist ausgemacht, dass er sich aufs Sportliche konzentriert. Aber natürlich ist er wie der ein oder andere auch ein wichtiges Aushängeschild. Er wird in der Stadt Hamburg präsent sein. Das ist ganz wichtig für einen Verein, dass es Aushängeschilder gibt, die für den Verein sprechen und ihn als ihre Heimat ansehen. Er wird mit auf Veranstaltungen gehen. Jogi versteht seine Aufgabe nicht nur so, dass er als Spieler spielt und seinen Lohn abholt, sondern er wirkt an der Entwicklung des Vereins mit. Das macht er erstmal als Spieler und mit ein paar anderen Aufgaben, aber perspektivisch wird er in die Funktionärsebene wechseln. Dann muss man sich unterhalten, wenn es so weit ist. Jetzt ist er erstmal als toller Torwart und Vorbild für die Mannschaft wichtig.

Torhüter Johannes Bitter (l.) und Martin Schwalb arbeiteten schon früher gemeinsam in Hamburg
Torhüter Johannes Bitter (l.) und Martin Schwalb arbeiteten schon früher gemeinsam in Hamburg © Imago

SPORT1: Wie groß ist der Balanceakt zwischen der Ambition, die Namen wie Ihrer, der von Jogi Bitter und von Toto Jansen verkörpern und der wirtschaftlichen Vorsicht, die man sich verordnen muss, gerade auch bei der Insolvenz-Vorgeschichte des Vorgänger-Klubs? 

Schwalb: Die wirtschaftliche Vorsicht steht über allem. Die Namen, die Sie genannt haben, werden diese Vorsicht auch berücksichtigen. Alles andere darf und wird nicht passieren. Eher gehen wir nochmal drei Schritte zurück und nehmen neuen Anlauf, ehe wir in eine neue finanzielle Schieflage geraten. Das ist schon nicht einfach, was wir machen. Wir müssen natürlich in Hamburg höhere Rechnungen bezahlen als woanders, deshalb müssen wir auch mehr Geld generieren. Das wird nicht einfach, aber darüber sind wir uns im Klaren.

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Löwen wollen in der European League weit kommen

SPORT1: Sie sprachen von einer Entscheidung für die nächsten zehn Jahre. Wo soll das Projekt HSV Handball in den zehn Jahren stehen? 

Schwalb: Als ich angefangen habe, war mein Credo: Wir machen das nicht für uns, sondern wir bauen das für andere Generationen auf. Das möchten wir gerne machen. Ich muss mich da nicht verwirklichen. Ich entwickle das eher für die Leute aus der nachfolgenden Generation wie Jogi Bitter, Toto Jansen, Stefan Schröder oder Präsident Marc Evermann, damit sie dann ihre Heimat finden und ein alter Sack wie ich dann irgendwann in die Halle kommen und sagen kann: "Das haben wir toll aufgebaut, das macht Spaß." Das ist ganz klar darauf ausgelegt, ganz viele Jahre Bestand zu haben.

SPORT1: Was ist in dieser Saison noch möglich? Ein Abschied mit einem Titel? 

Schwalb: Natürlich, sehr gerne (lacht). Wenn wir am Saisonende was zu feiern hätten, wäre das selbstverständlich was ganz Tolles. Aber das wird nicht ganz einfach. Wir wollen auch in der European League weit kommen. Dort legen wir auch den Fokus drauf. Das hat man bisher auch gesehen, wir haben unsere Spiele bislang fast ausnahmslos gewonnen. Wir würden gerne am Final Four teilnehmen, wenn wir das schaffen sollten, dann wollen wir auch nicht nur dran teilnehmen. Aber da muss man auch Respekt vor den anderen Mannschaften haben. (NEWS: Alles Wichtige zur HBL)

SPORT1: Wurden Sie einbezogen in die Nachfolger-Suche bei den Löwen?

Schwalb: Das ist nicht mein Job, das müssen andere Menschen entscheiden. Natürlich sprechen wir im Verein miteinander, ich habe ein gutes Verhältnis zu Oli (Oliver Roggisch, sportlicher Leiter der RN Löwen, Anm. d. Red.) und Jenny (Jennifer Kettermann, Geschäftsführerin, Anm. d. Red.) und allen anderen. Wir haben in der Zeit sehr positiv miteinander gearbeitet. Ich habe die Rhein-Neckar Löwen in einer nicht ganz so einfachen Phase übernommen. Das darf man nicht vergessen, vor einem Jahr war richtig Feuer unter dem Dach. Das hat sich deutlich zum Positiven entwickelt, wenn man hört welche Ansprüche Andy Schmid formuliert. Das hätte er sicherlich vor einem Jahr so nicht gemacht. Da hat er andere Sachen in die Kamera gesagt.