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München - Nach dem Saisonabbruch ist die Situation in der HBL prekär. SG-Trainer Maik Machulla spricht im SPORT1-Interview über die finanzielle Lage und Lösungsansätze.

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Saison abgebrochen, Millionenlöcher in den Kassen, wachsende Sorgen: Die Lage in der Handball-Bundesliga ist prekär.

Wie geht es weiter? Wie soll überhaupt die neue Saison geplant werden? Wann dürfen Fans wieder in die Hallen?

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Maik Machulla, Trainer der SG Flensburg-Handewitt, spricht im exklusiven SPORT1-Interview über den historischen Saisonabbruch, die finanzielle Lage, Lösungsansätze, Geisterspiele sowie die Stellung des Fußballs.

Maik Machulla ist seit 2017 Cheftrainer der SG Flensburg-Handewitt
Maik Machulla ist seit 2017 Cheftrainer der SG Flensburg-Handewitt © Getty Images

Saisonabbruch war alternativlos

SPORT1: Herr Machulla, wie schwer liegt Ihnen der Saisonabbruch in der HBL nach wie vor im Magen?

Maik Machulla: Der Abbruch kam nicht unvermittelt und diese Lösung ist in Anbetracht der wirtschaftlichen Situation auch alternativlos. Daher hatten wir uns mental schon darauf vorbereitet. Aber die Situation ist schwierig – auch deshalb, weil wir ja ein paar Spieler, die uns verlassen werden, gebührend verabschieden wollten. Ich hoffe, dass wir das in irgendeiner Form noch nachholen können.

SPORT1: Weil die Quotientenregelung angewandt wurde, ist Kiel Meister – und Sie mit Flensburg eben nicht…

Machulla: Es gibt keine sportlichen Gewinner, egal wo in der Tabelle. Die HBL musste eine Entscheidung festlegen, wie man die Saison beendet. Klar hätte man den Saisonstand auch einfrieren können – aber wir akzeptieren das. Die Kieler können das selbst auch richtig einschätzen und einordnen – diese Meisterschaft nach nur 26 Spieltagen kann man sportlich eigentlich nicht werten. Gerade der Saisonendspurt fordert mental und physisch unheimlich viel ab, das zeigt auch, dass in den vergangenen vier Jahren der Meister erst nach dem letzten Spieltag feststand. Auch schon deswegen, wie sie in Erinnerung bleibt - nämlich wie man sonst mit seiner Mannschaft und den Fans feiert.

SPORT1: Kiel wurde nun zum Meister gemacht. Bei den Frauen von Borussia Dortmund hat man den Titel einfach nicht vergeben – was allen voran BVB-Präsident Reinhard Rauball aufgestoßen ist.

Machulla: Natürlich fragt sich aber der allgemeine Handball-Fan oder auch Sportbegeisterte, warum das innerhalb des Handballs nun unterschiedlich behandelt wird zwischen Männer- und Frauen-Bundesliga. Das wirkt merkwürdig, das hätte man sicherlich geschlossener nach außen darstellen können. Allerdings sind Frauen- und Männer-Bundesliga eben auch in sich eigenständig. Nochmal: Es ist unglücklich. Den Unmut und die Enttäuschung der Spielerinnen kann ich absolut nachvollziehen. Doch wir sollten da nun keine zu große Diskussion aufmachen. Dafür sind die Probleme, die wir jetzt mit Blick auf die Zukunft zu lösen haben, so viel gravierender.

"Intelligente Spieltage" eine gute Idee

SPORT1: Wie bedrohlich ist die Situation für Flensburg?

Machulla: Vor drei, vier Wochen waren alle mit dieser besonderen Situation noch ziemlich überfordert. Aber unser Beirat, unsere Geschäftsführung und die Sponsoren betreiben ein sehr gutes Krisenmanagement und strahlen viel Zuversicht aus. Wir bei der SG haben einen schweren Weg vor uns, aber auch Ideen und Pläne, die wir mit tollen Partnern umsetzen wollen. Fans und Sponsoren haben uns auch schon signalisiert, uns zur Seite zu stehen und zu unterstützen. Wir werden aber genauso Abstriche machen müssen und es wird dauern, bis wir wieder auf dem alten Niveau sind. Alles ist davon abhängig, wann wir wieder in die Hallen dürfen und unser Produkt Handball anbieten können.

SPORT1: In Flensburg gehen finanziell aber so schnell nicht die Lichter aus?

Machulla: Das kann ich nicht beurteilen. Mancher Partner mag gerade auch andere Probleme haben, als sich im Sport-Sponsoring zu engagieren. Diese Krise trifft alle, auch in unterschiedlichsten Wirtschaftssegmenten. Aber die Gespräche stimmen mich zuversichtlich, wir haben eine starke Gemeinschaft. Diese oft beschriebene SG -Familie wird bei uns wirklich gelebt. Der Handball wird nicht sterben – auch wenn ich nicht weiß, wie dann die Bedingungen sind und die Etats in den Vereinen individuell aussehen. Wir hoffen alle auf einen Neustart zum September, aber man muss davon ausgehen, dass es auch dann noch Einschränkungen geben wird. Deshalb brauchen wir kreative Lösungen. Da sind die Vereine, die HBL aber auch die internationalen Verbände gefragt – es hilft ja niemandem, wenn HBL, EHF und IHF nun allein versuchen, ihre Interessen durchzudrücken. Es geht um den Handball insgesamt.

SPORT1: Was wären denn kreative Ansätze?

Machulla: Auf jeden Fall sollte man Vorschläge auch mal wirken lassen und sollte sie nicht gleich über den Haufen werfen, nur weil sie zum jetzigen Zeitpunkt im Moment unrealistisch klingen. "Intelligente Spieltage" finde ich eine gute Idee. Wir haben in dieser Saison einmal bei den Eulen in Ludwigshafen und 48 Stunden später bei den Rhein-Neckar Löwen in Mannheim gespielt. Wir sparen Reisekosten, eine extra Vorbereitung. Das sind Gedanken, die dem Verein helfen, eben auch solche Kosten zu senken. Vielleicht auch in Turnierform, auf neutralem Boden, damit man sich die einzelnen Hallenmieten spart, wenn man keine zahlenden Zuschauer hat. Jetzt werden Köpfe rauchen. Irgendwann wird man mit Vorschlägen an uns herantreten und dann muss man schauen, ob das umsetzbar ist. In so einer Zeit müssen wir auch andere Wege gehen. Wir können nicht hoffen, dass alles am 1. September so wie vorher ist.

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Geisterspiele nicht von Interesse

SPORT1: Könnte man die Handball-WM, die für Januar in Ägypten geplant ist, vorziehen oder verschieben?

Machulla: Ich finde es ein Muss, mit der IHF zu sprechen. Ich weiß, dass die HBL mit der EHF im Austausch ist. Wir als Champions-League-Teilnehmer genauso. Kein Verband kann jetzt glauben, dass er der wichtigere ist. Alle müssen schauen, dass wir das Produkt Handball bestmöglich wieder auf dem Markt integrieren. Wenn unsere Liga der Meinung ist, dass wir den Januar für den Spielbetrieb benötigen, muss man darüber sprechen. Wenn die IHF kooperativ ist, die WM zu verschieben oder Ideen anbietet, dann müssen auch diese Gespräche geführt werden. Wir haben zudem die Herausforderung, dass wir nächste Saison mit zwei weiteren Mannschaften vier Spiele mehr haben. Die Belastung für die Spieler wird also nicht geringer, der Zeitraum wird kürzer. Es müssen Lösungen her. Es muss miteinander gesprochen werden. Die grundlegende Frage ist ja auch, ob ein Turnier in Ägypten, mit Reisen, mit 32 Mannschaften und vollen Hallen zu diesem Zeitpunkt überhaupt realistisch ist. Aktuell kann man sich das noch nicht so richtig vorstellen.

SPORT1: Der Fußball ist mit der DFL vorgeprescht, Geisterspiele mit eigenen Maßstäben der Politik auszutragen. Verstehen Sie, dass sich dagegen auch Widerstand formiert?

Machulla: Ich denke, jede Sportart ist von gesellschaftlicher Relevanz. Der Fußball hat in der Öffentlichkeit eine unglaublich große Wahrnehmung und stellt sich teilweise auf eine Ebene mit der Politik. Natürlich steht das Interesse dahinter, die Fernsehgelder zu akquirieren, die einen deutlich höheren Anteil an Einnahmen darstellen, wie das z.B. im Handball der Fall ist. Andere Sportarten sind mehr auf Zuschauereinnahmen angewiesen. Das muss man verstehen, aber man muss auch die Menschen verstehen, die aktuell ihre Geschäfte nicht öffnen dürfen. Wenn man es dem Fußball gestattet, muss man den anderen Sportarten auch die Tür öffnen. Man tut sich gesellschaftlich keinen Gefallen, dem Fußball etwas zu erlauben, was dem Rest der Gesellschaft nicht gestattet ist. Da darf man keinen Unterschied machen. Für uns sind Geisterspiele nicht von Interesse, weil es nicht das ist, wofür der Sport lebt und gleichzeitig wäre es wirtschaftlich für die Vereine nicht sinnvoll. Aber wenn es keine Alternative gibt, müssen auch wir diese Möglichkeit zumindest in Betracht ziehen, um medial und im Fernsehen wieder stattzufinden, den Leuten zu zeigen: Wir sind noch da. Denn wir haben tolle Spieler, tolle Charaktere, die das Produkt verkörpern. Du kannst der Gesellschaft nur ganz schwer vermitteln, wenn alle Menschen aktuell viele Einschnitte erleben, dass der Fußball eine Sonderrolle einnimmt und eine Lobby hat. Es gibt in Deutschland viele Unternehmen, die weitaus mehr für die Gesellschaft leisten als der Fußball.

Nicht nur dem Fußball die Türen öffnen

SPORT1: Geisterspiele hätten demnach eine wichtige Signalwirkung für den Handball oder Randsportarten…

Machulla: Das hätten sie absolut. Ich bin auch großer Fan davon, uns weiterhin in den sozialen Medien zu präsentieren und in Erinnerung zu rufen, sodass uns die Leute nicht vergessen. Das ist bei uns in Flensburg auch ein lokales Thema. Wir sind ein Verein, der stark mit der Stadt und Region verbunden ist. Die Leute sprechen uns unterwegs an und fragen: "Wie soll es weitergehen? Was sollen wir ohne Handball machen, ohne donnerstags oder sonntags in die Flens-Arena zu gehen?" Das Erlebnis drum herum zu haben, den Sport mit Freunden zu erleben, Emotionen, das Leid, die Freude gemeinsam zu teilen. Ich spreche nicht nur für den Sport, sondern auch für Menschen, die in der Kultur, in der Gastronomie tätig sind. Nochmal: Wenn man es dem Fußball ermöglicht, muss man auch auf anderen Ebenen Türen öffnen. Auch wenn man Restauranttische oder Kinositze mit Abstand versieht. Die Leute haben eine Berechtigung, ihren Beruf auszuüben.

SPORT1: Wie kann man denn die Stimmung und Motivation der Spieler hochhalten?

Machulla: Nach der Entscheidung, dem definitiven Saisonabbruch, und dem offenen Start der neuen Saison finde ich es unglaublich schwierig, den Spielern etwas auf den Weg zu geben. Ich habe lange mit einem Sportpsychologen gesprochen, der aber sagt, dass es auch für ihn wie für alle eine neue Situation ist. Natürlich brauchen die Jungs Urlaub, müssen aber gleichzeitig auch fit bleiben. Es gilt, eine hohe Eigenmotivation zu entwickeln, sich selbst einen Alltag zu geben, um einen Rhythmus zu haben. Sich mental vorbereiten. Da appelliere ich aktuell an die Selbstdisziplin meiner Jungs. Wir hatten das letzte Spiel in Berlin, das wir gewonnen haben. Das war ein toller Abschluss. Hinterher waren wir noch gemeinsam essen, was wir genießen konnten, da wir danach eine Woche Zeit bis zum nächsten Spiel hatten. Im Nachhinein bin ich froh, dass wir das so gemacht haben. Holger Glandorf hatte das letzte Spiel seiner Karriere, ohne es vorher zu wissen. Auch Anders Zachariassen verlässt uns, der mit uns in sechs Jahren zahlreiche Titel gewonnen hat. Es tut mir weh, den Spielern keinen würdigen Abschied zu ermöglichen, den sie aufgrund ihrer Karriere verdient haben. Die neuen Spieler, die aktuell noch bei anderen Vereinen unter Vertrag sind, sind in folgender Situation: "Wann fangen wir an? Wollt ihr mich noch haben? Ist es wirtschaftlich möglich?" Das sind die Fragen, die wir jetzt thematisieren müssen.

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SPORT1: Gibt es Planungen, zusätzlich Psychologen heranzuziehen?

Machulla: Für mich ist wichtig, mit den Spielern auch über Videoanrufe engen Kontakt zu halten. Ich werde weiter mit einem vertrauten Psychologen sprechen. Er macht sich auch Gedanken, wie wir das lösen könnten. Wenn er meint, dass Einzelgespräche den Spielern helfen könnten, werden wir das gerne annehmen. Weil es eben eine besondere Situation für alle ist, muss man sich erstmal Gedanken machen, wie man gute und kreative Lösungen findet. Aber es ist eine große Herausforderung für uns alle.