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München - Christian Prokop hat das EM-Halbfinale verpasst, Daniel Stephan hält ihn für den falschen Mann. Die Spieler stehen zum Trainer. Pro und Contra aus der SPORT1-Redaktion.

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Das große Ziel EM-Halbfinale hat die deutsche Handball-Nationalmannschaft verpasst, stattdessen geht es nur noch um den fünften Platz.

Experten wie Daniel Stephan sehen in der Trainer-Position einen entscheidenden Grund für das Abschneiden. Christian Prokop wird immer wieder von außen angezählt, obwohl die Spieler sich für den Nationaltrainer stark machen. An der Skepsis wird auch die Jobgarantie von DHB-Sportvorstand Axel Kromer ("Wir werden natürlich mit Christian in Richtung Olympia gehen") kaum etwas ändern.

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Auch die SPORT1-Redaktion ist gespalten. Das Pro und Contra von Matthias Becker (stellvertretender Chefredakteur Digital) und Holger Luhmann (verantwortlicher Redakteur).

PRO: Prokop ist der richtige Trainer für diese Mannschaft

Die deutsche Nationalmannschaft war vor dem Prestige-Duell gegen EM-Gastgeber Österreich gefordert, ein Statement abzugeben. Dieses Statement ist eindrucksvoll gesetzt worden. Damit sollten die immer wieder auflodernden Diskussionen darüber, ob Christian Prokop noch der richtige Bundestrainer sei, auf Eis gelegt werden.

Dass DHB-Vizepräsident Bob Hanning sich nach der Partie hinstellt und überrascht über die Diskussion ist, ist schon ein bisschen scheinheilig. Schließlich hatte er mit seinen Äußerungen vor dem Spiel erst neuen Nährboden geschaffen. Das ändert aber nichts daran, dass Prokop in diesem Moment der richtige Trainer für diese Mannschaft ist.

Ja, die deutsche Mannschaft hat zum dritten Mal in Folge das selbst gesteckte Ziel bei einem großen Turnier verpasst. Ja, in den engen Spielen gegen die großen Gegner konnte man sich nur bei der Heim-WM in der Hauptrunde zwei Mal durchsetzen, ansonsten fehlte die Abgebrühtheit.

Matthias Becker
Matthias Becker © SPORT1

Aber der wichtigste Faktor stimmt: Das deutsche Team steht hinter dem Trainer, vermittelt glaubwürdig, dass es gerne mit ihm zusammenarbeitet und sich für ihn zerreißt. Das Spiel gegen Österreich war ein Vertrauensbeweis – auf der Platte und auch in den Interviews danach.

Prokop hat sich weiterentwickelt und damit auch das Team weiterentwickelt. Gab es nach der EM vor zwei Jahren noch kritische Stimmen selbst aus Spielerkreisen, gelingt es ihm jetzt, die Mannschaft mitzunehmen. Er bezieht seine Führungsspieler wie Abwehrboss Hendrik Pekeler aktiv mit ein und gibt ihnen einen Vertrauensvorschuss. Und seine personellen Maßnahmen fruchten zumindest teilweise, wie man an den Leistungen des überraschend reaktivierten Johannes Bitter oder von Shootingstar Timo Kastening sieht.

Eine Entwicklung hat immer auch ein Ziel. In diesem Fall wurde das Ziel schon vor einigen Jahren forsch ausgegeben: Olympia-Gold 2020. Wenn Verband und Spieler dem Trainer weiterhin vertrauen, dann muss er auch die Chance bekommen, das Ziel erreichen zu können. Deshalb ist er weiter der richtige Bundestrainer.

Klar ist aber auch: Wenn das Olympia-Quali-Turnier in Berlin in den Sand gesetzt wird, wird die Diskussion wieder von vorne beginnen.

CONTRA: Die Trennung von Prokop wäre eine Befreiung

Die deutsche Nationalmannschaft hat auch im dritten Turnier unter Bundestrainer Christian Prokop ihr anvisiertes Ziel verfehlt. 

Bei der aktuellen Europameisterschaft ist bestenfalls noch Platz fünf möglich. Zwei Jahre zuvor landete das Aushängeschild des Deutschen Handball-Bundes beim Debüt von Prokop sogar nur auf Platz neun. Bestes Ergebnis ist der vierte Platz bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr. 

Zugestehen muss man Prokop, dass zahlreiche verletzte Spieler bei dieser EM nicht zur Verfügung stehen. 

Fakt ist aber: Die entscheidenden Spiele hat das DHB-Team vergeigt. Kläglich wie bei der deutlichen Vorrunden-Klatsche gegen Spanien. Dramatisch wie bei der entscheidenden Niederlage gegen Kroatien. Gute Auftritte wie am Montag gegen Österreich oder zuvor gegen Weißrussland können das nicht auffangen und sind letztlich nichts wert. 

Auffällig ist, dass sich das Team insbesondere im Rückraum schwertut. Das ist ein Kritikpunkt an Prokop, dass die Mannschaft spielerisch und taktisch limitiert auftritt. 

Holger Luhmann
Holger Luhmann © SPORT1

Haften bleibt vor allem Prokops unglückliche Auszeit in der Vorrunde, als er bei der Ansprache den Namen von Rechtsaußen Timo Kastening vergessen hatte. Der Vorfall erinnert an Prokops diffuse Auszeiten zu Beginn seiner Amtszeit. So etwas bleibt haften, bei den Fans wie bei den Spielern. Auch wenn die Mannschaft betont, dass sie gerne mit Prokop zusammenarbeitet und auf der Platte nichts anderes vermuten lässt. 

Dennoch belastet die ständige Debatte um Prokop die Nationalmannschaft. Und es ist anzunehmen, dass dies bei Olympia - wenn denn im April die Qualifikation dafür überhaupt geschafft wird - nicht anders sein wird. In Tokio ist Gold das angestrebte Ziel. In der aktuellen Verfassung ein vermessenes Vorhaben. 

Eine Trennung von Prokop nach der EM wäre folglich konsequent und auch eine Befreiung für die Mannschaft. Der Nachfolger hätte noch genügend Zeit zur Vorbereitung auf die Olympia-Qualifikation. Der Name Alfred Gislason wird immer wieder in Diskussionen in den Raum geworfen. Wie SPORT1 erfuhr, könnte der ehemalige Kieler für eine neue Aufgabe bereitstehen.