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München und Trondheim - Frankreich scheitert bei der EM völlig überraschend in der Vorrunde. Die Presse wird deutlich. Hat die goldene Generation ihr endgültiges Ende gefunden?

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Die Worte von Didier Dinart am Sonntagabend sorgten für Verwunderung.

"Ich glaube nicht, dass es Krise gibt", sagte der Trainer der französischen Nationalmannschaft bei beinSports. Dabei war der Mitfavorit gerade aus der Handball-Europameisterschaft geflogen.

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Bereits nach zwei Spielen stand das Vorrunden-Aus fest: Der überraschenden Pleite gegen Portugal (25:28) folgte die 26:28-Niederlage im Kracher gegen Norwegen. (Die Handball-EM 2020 im LIVETICKER)

Und dennoch betonte Dinart: "Wir haben gut gekämpft, sind zurückgekommen. Wir haben unser Bestes versucht."

Presse: "Fiasko, Erdbeben, monumentaler Schlag"

Zwar verkauften sich die Franzosen gegen Vize-Weltmeister Norwegen besser als gegen das aufstrebende Portugal. Dennoch steht das erste Vorrunden-Aus seit 1978 – und das, obwohl die EM erstmals mit 24 und damit mehr schwächeren Teams ausgetragen wird.

Die französische Presse analysierte das Aus zwar weitestgehend sachlich, fand aber dennoch klare Worte.

L'Equipe sprach von einem "Fiasko", der Parisien gar von einem Erdbeben, Frankreichs Handball liege in Trümmern. Beim übertragenden Sender beinSports ist von einem "monumentalen Schlag" zu lesen.

Ende einer Generation?

Doch was bedeutet das frühe Scheitern wirklich? Ist es das endgültige Ende der goldenen Generation, das "Ende einer Epoche" (Le Parisien)?

Mit Nikola Karabatic, Luc Abalo, Cédric Sorhaindo (alle 35 Jahre) oder Michael Guigou (37) existieren noch ein paar Überbleibsel der Mannschaft, die gleichzeitig Titelträger in den drei größten internationalen Wettbewerben wurde - und das jeweils zweimal (Olympiasieger 2008 und 2012, Weltmeister 2009 und 2015, Europameister 2010 und 2014).

Viele andere Asse dieser Zeit wie Daniel Narcisse oder Thierry Omeyer haben in den vergangenen Jahren ihre (Nationalmannschafts-)Karriere beendet, Karabatic & Co. verhinderten aber einen kompletten Umbruch.

Karabatic enttäuscht

Zwar ist der Rückraum-Star weiterhin ein grandioser Handballspieler, zeitweise merkt man ihm aber das steigende Alter und die schwindenden Fähigkeiten an.

Gegen Norwegen verzettelte sich Karabatic bisweilen in Einzelaktionen, beging mehrere Stürmerfouls und andere technische Fehler.

Norwegens aufstrebender Star Sander Sagosen stellte Karabatic klar in den Schatten. Für Sorhaindo reichte es nur zu einem Kurzeinsatz, Abalo wurde ebenfalls erst eingewechselt. Einzig Guigou glänzte als Linksaußen und vom Siebenmeterpunkt.

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"Wir haben ein gutes Spiel gemacht und alles versucht", erklärte Karabatic. Abalo sprach von einer "großen Trauer".

Wackeln Dinart und Gille?

Könnte es sogar zu einem Trainerwechsel kommen? Didier Dinart und Guillaume Gille, die seit 2016 gemeinsam für die Geschicke des Starensembles verantwortlich sind, feierten gewiss große Erfolge.

So wurde Frankreich 2017 Weltmeister und gewann sowohl bei der EM 2018 als auch bei der WM 2019 – deutsche Fans werden sich schmerzhaft erinnern – die Bronzemedaille.

Allerdings, so schreiben auch französische Medien, ist ein gewisser Stillstand, auch im spielerischen Bereich, nicht von der Hand zu weisen.

"Wir stagnieren, wir sind nicht mehr furchterregend", zitierte 20minutes.fr Rechtsaußen Valentin Porte nach der Pleite gegen Portugal.

Eine indirekte Trainer-Kritik folgte. "Ich sehe viele brillante und talentierte Spieler, die nicht zusammenspielen können", sagte Porte: "Es gibt ein grundlegendes Problem."

Dinart und Gille seien "Teil des Teams, haben ihre Stärken und ihre Schwächen", antworte Porte: "Sie haben uns am Freitag die Schuld gegeben, aber wir haben ihnen auch etwas zu sagen."

Schlägt Frankreich zurück?

Karabatic ließ am Sonntag bei beinSports zumindest mit der Aussage aufhorchen, die Trainerdiskussion sei "kein Thema, das im Fernsehen diskutiert werden sollte."

Verbandspräsident Joel Delplanque sprach Dinart bei RMC Sport aber sein Vertrauen aus.

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Womöglich wird es also in der bestehenden Form weitergehen, zumal die nächste große Aufgabe bevorsteht.

Vom 16. bis 19. April findet in Paris ein Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele statt. "Les Bleus", die dank Rang drei bei der WM dabei sind, wollen sich dort unbedingt ein Ticket für die Spiele in Tokio sichern.

Abschreiben sollte man Frankreich allemal nicht. Als einige bereits 2012 zum Abgesang anstimmten, nachdem die Franzosen in der EM-Hauptrunde ausgeschieden waren, folgte sechs Monate später der Olympiasieg.

Zumindest nach der Partie spielte Karabatic seine ganze Erfahrung aus: "Man kann von einer Krise sprechen. Aber es ist egal, wie wir es nennen. Wichtig ist, welche Lehren wir daraus ziehen."