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München - Christian Prokop sorgt mit seiner Kader-Nominierung für die Handball-EM für Furore. Christian Schwarzer, Weltmeister von 2007, ordnet die Entscheidungen ein.

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Christian Prokop wirkte angeschlagen.

Selbst das vorgezogene "Weihnachtsgeschenk" für Johannes Bitter konnte die Stimmung des Handball-Bundestrainers nicht heben. Der nächste prominente EM-Ausfall setzte Prokop zu, das spektakuläre Comeback des WM-Helden Bitter wurde durch die kurzfristige Absage von Kiel-Star Steffen Weinhold zur Nebensache.

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"Das ist eine sehr bittere Nachricht für uns", sagte Prokop nach seiner Kader-Nominierung am Freitag bedröppelt: "Hoffentlich ist das Ende der Fahnenstange erreicht, was die Verletzungsabsagen angeht."

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Prokop strebt Halbfinale an

Die angestrebte Medaille hat der DHB-Coach aber trotz der massiven Personalsorgen weiter im Visier. "Ich finde, dass wir bewusst und konsequent an unseren Zielen festhalten sollten. Es wäre das Größte, das Halbfinale zu erreichen", sagte Prokop: "Das ist durchaus möglich und dazu sollte auch diese Mannschaft imstande sein."

Ähnlich sieht das auch Christian Schwarzer. Der Weltmeister von 2007 traut dem DHB-Team im SPORT1-Interview einiges zu. "Die europäische Spitze ist so eng, dass zwischen Platz eins und Platz sechs alles möglich ist. Das Ziel sollte erneut das Halbfinale sein."

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Der kurzfristige Ausfall von Weinhold sowie die vor zwei Tagen eingetroffene Absage von Fabian Wiede bereiten auch Schwarzer Sorgen. "Das sind zwei erfahrene und gute Linkshänder. Nichtsdestotrotz haben wir mit Kai Häfner und Franz Semper ein sehr unterschiedliches Gespann, das die arrivierten Kräfte ersetzen kann."

Heinevetter nicht nominiert

Im Vergleich zu früheren Zeiten sieht Schwarzer ohnehin große Fortschritte. "Früher war die Auswahl der Spieler, die der Bundestrainer nominieren konnte, nicht so groß. Heute kann er dagegen aus dem Vollen schöpfen." 

Auch deswegen kann Prokop Keeper Silvio Heinevetter zuhause lassen. "Ich kann gut verstehen, dass der Bundestrainer mit Andreas Wolff und Johannes Bitter auf Erfahrung setzt. Bitter ist im Moment maßgeblich an den Stuttgarter Punktgewinnen beteiligt. Er spielt zwar mit seinem Klub nicht in Europa, hat aber so viel internationale Erfahrung, er weiß was bei so einem Turnier gefordert ist", ist sich der Weltmeister von 2007 sicher. 

Bitter, der überraschend den Vorzug gegenüber Silvio Heinevetter (Füchse Berlin) und Dario Quenstedt (THW Kiel) erhielt, freut sich riesig auf seine Rückkehr in die Nationalmannschaft nach neun Jahren Turnier-Pause.

"Als der Bundestrainer anrief, war ich erstmal sprachlos. Die Nominierung ist wie ein erstes Weihnachtsgeschenk", sagte Bitter, der nach seinem Rücktritt 2011 aus dem DHB-Team einzig im Jahr 2014 für die WM-Playoffs noch einmal eingesprungen war.

Prokop setzt auf Bitter

Prokop verlor bei der 15-minütigen Telefonkonferenz am Freitagmorgen indes nur zwei Sätze zur Personalie Bitter. "Seine kontinuierlich starken Leistungen in der Bundesliga haben den Ausschlag gegeben. Ich erhoffe mir von seiner Erfahrung, seiner positiven Aura und seinem Siegeswillen wichtige Impulse im Turnierverlauf", sagte der Bundestrainer.

Prokops Torhüter-Coup wurde allerdings überschattet von der nächsten personellen Hiobsbotschaft: Denn unmittelbar vor der Kader-Reduzierung von 28 auf 17 Spieler sagte am Freitagmorgen mit Linkshänder Weinhold nach Fabian Wiede (Schulter-OP), dem Balinger Spielmacher Martin Strobel (nach Kreuzbandriss) sowie dem Berliner Simon Ernst und Lemgos Tim Suton (beide Kreuzbandriss) die fünfte Stammkraft im Rückraum verletzungsbedingt ab.

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Der plötzliche EM-Verzicht Weinholds hat für Prokop einen bitteren Beigeschmack. Denn wie Wiede, der zwei Tage zuvor eine Operation für den 30. Dezember ankündigte, steht der Kieler in der Liga weiter auf dem Feld.

Schwarzer würde Lemke nominieren

Prokop, der in seinem Kader auf Rechtsaußen-Routinier Patrick Groetzki ebenso verzichtete wie auf 2016-Europameister und Abwehrspezialist Finn Lemke, mochte diese Tatsache nicht überbewerten. Dem Team breche "ganz starke individuelle Qualität weg", sagte er, "aber wir wollen das als Team meistern und schnell Lösungen finden".

Ganz so einfach wegreden wollte Christian Schwarzer den Verzicht auf Lemke unterdessen nicht. "Ich hätte ihn aufgrund seiner Persönlichkeit, seiner Präsenz und seines Stellenwertes, den er sich international erarbeitet hat, mitgenommen. Durch seine Leistungen bei den letzten Turnieren hat er sich auch bei den Schiedsrichtern ein Standing erarbeitet", kann Schwarzer die Entscheidung des Bundestrainers nicht nachvollziehen.

Die Nicht-Nominierung von Groetzki sorgte beim ehemaligen deutschen Junioren-Nationaltrainer zwar ebenfalls für einen Überraschungsmoment, die Kombination aus Tobias Reichmann und Timo Kastening findet jedoch Schwarzers Zustimmung. "Diese Aufstellung kann eine Philosophie sein. Am Ende wird das Turnier zeigen, ob das die richtige Philosophie ist."

Viel mehr Sorgen bereitet Schwarzer dagegen der Verzicht auf einen klassischen Spielmacher. Zwar wurden Spielertypen wie Paul Drux oder Philipp Weber nominiert - ein Spieler wie Martin Strobel, der die Position Rückraum Mitte klassisch ausüben könnte, sei jedoch nicht im Kader vorhanden. "So was könnte am Ende fehlen", sorgt sich der 50-Jährige, betont aber auch: "Christian Prokop muss ein Gefühl dafür haben, wie das Team am besten zusammenpassen kann."