Christian Prokop, Markus Baur
Unter anderem Ex-Nationalspieler Markus Baur sieht die fehlende internationale Erfahrung Prokops skeptisch © SPORT1-Grafik: Getty Images/ Picture Alliance/ E.Zimmermann

München - Das Projekt Prokop steht nach dem schwachen Abschneiden bei der EM auf dem Prüfstand. Auch im Hinblick auf die anstehende Heim-WM schlagen DHB-Legenden Alarm.

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Nach dem Spiel ist bekanntlich vor dem Spiel. Wendet man dieses Prinzip auf große Turniere an, heißt es für das DHB-Team nun demnach: Nach der EM ist vor der WM.

Das "Projekt Prokop" steht nach dem schwachen Auftritt und dem vorzeitigen Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2018 in Kroatien auf dem Prüfstand.

Bundestrainer Christian Prokop sollte das deutsche Team in Kroatien mindestens ins Halbfinale führen, um den Grundstein für den Traum vom WM-Titel im eigenen Land im nächsten Jahr zu legen - sowie für Olympia-Gold 2020.

Auf diesem Weg konnte nun bereits der erste Schritt nicht erfolgreich umgesetzt werden. Doch woran lag die enttäuschende Leistung der Bad Boys? Was steckt hinter der Philosophie des Bundestrainers? Wie geht es jetzt weiter - im Hinblick auf die anstehende Heim-WM?

SPORT1 hat dazu die DHB-Legenden Henning Fritz, Markus Baur und Andreas Thiel befragt. Das sagen die drei Experten über...

... die Leistung bei der EM

Henning Fritz (Ex-Nationaltorhüter, Weltmeister 2007):
Das Problem im ganzen Turnier war, dass die Mannschaft die Qualität, die sie im Angriff hat, nicht über 60 Minuten auf die Platte gebracht hat. Die Abwehr und die Torhüter waren gut, aber davon wurde leider zu wenig profitiert. Gerade bei einfachen Toren wie zum Beispiel bei Gegenstößen. Im Angriff haben nur wenige Spieler konstant zu ihrer Form gefunden.

Markus Baur (Weltmeister 2007, Trainer TVB Stuttgart):
Fakt ist, dass wir uns als Handball-Nation weit unter Wert verkauft haben. Es muss jetzt intern geklärt werden, woran es gelegen hat. Wir sind auch jetzt nicht weit weg von den Top-Nationen. Aber trotzdem gehen wir als Achter oder Neunter nach Hause.

Andreas Thiel (Deutsche Torhüterlegende):
Wir haben unsere Chancen im Angriff nicht reingemacht und haben gegen Spanien eine zu hohe Anzahl an ungezwungenen Fehlern produziert. Dann reicht das nicht, um bei einer EM das Halbfinale zu erreichen.

...die Gründe für die schwache Leistung

Henning Fritz:
Es war für alle ein Lernprozess. Für Christian Prokop, für den es auch eine neue Situation war, und natürlich auch für die Spieler. Die personelle Veränderung bedeutet für jeden Spieler auch, seine Rolle innerhalb der Mannschaft neu finden zu müssen.

Dazu haben einige Leistungsträger ihre Leistung nicht immer voll abrufen können, z.B. Uwe Gensheimer als Kapitän - zu dem die anderen Spieler auch aufschauen. Auch die geringen Pausen spielen eine Rolle. Gensheimer wirkte auf mich stark überspielt. Dazu hat keine Konstellation dauerhaft funktioniert. Und welche Option hast du als Trainer? Du wechselst. Das ist ein schmaler Grat.

Die Spieler haben nicht das Handball-Spielen verlernt, sondern wirkten in der ein oder anderen Situation nicht befreit. Und dann triffst du nicht die richtigen Entscheidungen. Die Leistungsspitze ist so eng, dass solche Dinge entscheidend sind.

Markus Baur:
Die Verunsicherung hat sich vermutlich über das Turnier hinweg angestaut.

Andreas Thiel:
Die Argumentation, man sei im Gegensatz zu 2016 unter Erwartungsdruck gewesen, teile ich überhaupt nicht. Jeder aus der Nationalmannschaft spielt in der Bundesliga und will auch dort vermutlich jede Woche gewinnen.

Turniere entwickeln im Guten wie im Schlechten eine nicht mehr zu korrigierende Eigendynamik. Letztendlich betreiben wir Ergebnissport. Und das Ergebnis ist nicht zufriedenstellend und entspricht auch nicht dem eigenen Anspruch. Der Anspruch ist das Halbfinale und was danach kommt ist Zugabe.

... die Philosophie von Bundestrainer Prokop

Henning Fritz:
Fokussiert und professionell zu sein ist gut, aber die nötige Gelassenheit ist notwendig, um Kreativität reinzubringen. Das bedeutet, die richtigen Entscheidungen in Stresssituationen im Angriff zu treffen. Vielleicht hat die Mischung aus hoher Konzentration und Gelassenheit gefehlt, die man braucht, um eine gewisse Leistung zu bringen.

Markus Baur:
Grundsätzlich sind alle Profis und der Trainer dazu da, Entscheidungen zu treffen. Diese werden natürlich in der Mannschaft diskutiert. Wenn die Spieler allerdings dadurch den Fokus verlieren, ist einerseits die Mannschaft selbst schuld und andererseits ist es auch vom Trainer unglücklich, wenn er den wichtigsten Bestandteil unserer Defensive (Finn Lemke, Anm. d. Red.) zunächst daheim lässt.

Es kann natürlich sein, dass der ein oder andere gedacht hat, dass ein wichtiger Baustein fehlt, und die Torhüter dadurch auch nicht ganz zufrieden waren.

... die Zukunft von Christian Prokop

Henning Fritz:
Man muss sich gut überlegen, welche Entscheidungen man jetzt trifft. Man hat viel investiert - und das innerhalb eines Jahres wieder in Frage zu stellen, zeugt auch nicht von Kontinuität und Konsequenz, nur weil es jetzt bei einem Turnier nicht zu mehr gereicht hat.

Ich halte es für den richtigen Weg, Prokop Zeit zu lassen. Man sollte an seiner Strategie festhalten. Er befindet sich selbst noch im Lernprozess.

Markus Baur:
Erfahrung auf internationalem Niveau ist natürlich Gold wert. Es war Prokops erstes Turnier. Er hat weder als Spieler noch als Trainer schon einmal wichtige Länder- und Europapokal-Spiele mitgemacht und das ist einfach eine andere Liga.

Ich bin selbst Trainer und weiß wie es ist, wenn man seine eigenen Ideen verwirklichen will und dass man dafür auch Zeit braucht. Ob man ihm diese Zeit gibt, dafür ist die Führungsriege des DHB zuständig.

Andreas Thiel:
Ein großes Turnier ist eine besondere Anforderung. Nicht nur für die Spieler, sondern noch mehr für den Mann, der die Entscheidungen zu treffen und die Vorgaben zu geben hat. Prokop ist ein intelligenter Mann und ich bin davon überzeugt, dass er die richtigen Schlüsse zieht.

Man darf nicht vergessen, dass nicht zufriedenstellende Ergebnisse bei weitem nicht mehr so schlimm sind wie früher, weil wir mittlerweile jedes Jahr ein großes Turnier haben. Die Halbwertszeit von Erfolgen und Misserfolgen ist eine ganz andere als früher.