Slovenia v Germany - EHF Euro Croatia 2018
Tobias Reichmann sorgte nach dem Abpfiff noch für den Ausgleich © Getty Images

Zagreb - Die deutsche Nationalmannschaft profitiert gegen Slowenien nach dem Schlusspfiff vom Videobeweis. Tobias Reichmann behält in der kuriosen Endphase die Nerven.

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Arm in Arm standen die deutschen Handballer und Bundestrainer Christian Prokop am Spielfeldrand und blickten Richtung Siebenmeterlinie - dann brach der große Jubel los.

Ein nervenstarker Tobias Reichmann sicherte dem Titelverteidiger bei der EM in Kroatien in der Schlusssekunde ein 25:25 (10:15) gegen Slowenien und den Einzug in die Hauptrunde - vorausgegangen war ein echter Krimi.

Nachdem dem Slowene Blaz Janc sieben Sekunden vor Schluss zum 25:24 für den WM-Dritten getroffen hatte, schien schon alles verloren. Beim anschließenden Anwurf durch Paul Drux hielten die slowenischen Spieler aber nicht genügend Abstand.

Kühn: "So etwas habe ich noch nie erlebt"

"So etwas habe ich noch nie erlebt. Die Entscheidung war aber richtig", kommentierte Rückraumspieler Julius Kühn das turbulente Geschehen.

Auch der nervenstarke Reichmann sah das so: "Die Entscheidung war eine klare Sache, drei Männer standen im Anwurfkreis. Es ist definitiv ein gewonnener Punkt, gerade wenn man die erste Halbzeit sieht. Wir haben uns stark zurückgekämpft."

Zum Hintergrund: Begeht ein Abwehrspieler in den letzten dreißig Sekunden eine grobe Regelwidrigkeit oder unterbindet regelwidrig eine Wurfausführung (Anwurf, Abwurf, Freiwurf, Einwurf), erhält er eine rote Karte ohne Bericht - und die andere Mannschaft automatisch einen Siebenmeter.

Drux' Anwurf ins leere slowenische Tor bei noch zwei Sekunden auf der Uhr fiel klar unter diese Regelung, wie sie in Abschnitt 8 festgelegt sind. Die Schiedsrichter schauten sich die Szene minutenlang auf dem Bildschirm an, dann gaben sie Siebenmeter.

Eine solche nachträgliche Entscheidung nach Videobeweis ist ein Novum in der Handball-Geschichte.

Ticket für Hauptrunde gebucht

Durch den glücklichen Punkt belohnte sich der Titelverteidiger für eine imposante Aufholjagd, durch die das erste Etappenziel erreicht wurde.

Allerdings legten die Slowenen Protest gegen die Spielwertung ein. "Die sportliche Enttäuschung unseres Gegners ob des dramatischen Spielendes verstehen wir, aber einem Protest sehen wir gelassen entgegen", hieß es in einer Mitteilung des Deutschen Handballbundes (DHB) am Montagabend.

Bester Werfer der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) war Kapitän Uwe Gensheimer mit sieben Toren. Für die Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop geht es am Mittwoch (18.15 Uhr im LIVETICKER auf SPORT1) gegen Mazedonien um den Gruppensieg und eine gute Ausgangsposition für die zweite Turnierphase.

"Wir sind mit zwei blauen Augen davongekommen", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Prokop atmete ebenfalls tief durch. "Ich bin froh, dass es den Videobeweis gibt und glücklich, dass Tobias Reichmann die Nerven behalten hat", sagte der Coach, der vor dem Spiel eine Leistung "am oberen Level" gefordert hatte.

Davon waren seine Spieler in der ersten Halbzeit meilenweit entfernt. Das deutsche Torhüter-Duo Andreas Wolff und Silvio Heinevetter bekam kaum einen Ball zu fassen, der deutsche Mittelblock offenbarte große Schwächen und im Angriff mangelte es an Ideen und Durchsetzungskraft.

Das erste Feldtor gelang dem Olympia-Dritten durch Philipp Weber zum 3:5 erst in der zwölften Minute. Die Bad Boys ließen sich von den aggressiven Slowenen den Schneid abkaufen. "Wir sind zu lässig in den Zweikämpfen und lassen uns zu schnell foulen", monierte Prokop in seiner ersten Auszeit beim 3:6 (14.).

Zarabec nicht zu stoppen

In der Deckung bekam das DHB-Team den Kieler Spielmacher Miha Zarabec überhaupt nicht in den Griff. Prokop reagierte mit Aktionismus, wechselte die Zusammensetzung des Mittelblocks in der ersten Halbzeit gleich viermal.

Angetrieben von den zahlreichen mitgereisten Fans und ihrem starken Torhüter Urban Lesjak zeigten die Slowenen in den ersten 30 Minuten den größeren Willen und stellten die deutsche Offensive mit ihrer starken 6:0-Abwehrformation immer wieder vor große Probleme.

"Alle Kleinigkeiten entscheiden die Slowenen für sich", kritisierte Prokop beim 7:12-Rückstand (23.). Dem deutschen Spiel mangelte es im Gegensatz zum leichten Auftaktsieg gegen Montenegro (32:19) an Leichtigkeit und Aggressivität.

Prokop brachte immer wieder einen siebten Feldspieler, dennoch ging es mit einem Fünf-Tore-Rückstand in die Pause. "Wir müssen den Kopf oben behalten und Tor für Tor aufholen", forderte Prokop.

Groetzki gibt Signal zur Aufholjagd

Das Signal zur Aufholjagd gab Rechtsaußen Patrick Groetzki mit zwei schnellen Treffern zum 12:15 (34.). Die mit acht Europameistern gespickte DHB-Auswahl zeigte nun eine andere Körpersprache, erkämpfte sich in der Abwehr auch einmal einen Ball und verkürzte durch Gensheimer auf 15:17 (39.).

Gensheimer gelang in der 47. Minute mit seinem Tor zum 19:19 auch der erste Ausgleich seit dem 1:1 (7.), Kreisläufer Hendrik Pekeler sorgte beim 21:20 (51.) für die erste Führung.

Doch die Slowenen, die zum Auftakt gegen Mazedonien verloren hatten, blieben dran. Das DHB-Team glich nach einem 21:23 (57.) durch Groetzki zum 23:23 (59.) erneut aus. Es entwickelten sich packende Schlusssekunden mit dem historischen Ende.

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