SPORT1-Experte Daniel Stephan analysiert das deutsche Aus bei der Handball-EM und die Rolle des Bundestrainers Christian Prokop © SPORT1-Grafik: Getty Images/SPORT1

SPORT1-Kolumnist Daniel Stephan analysiert das Aus des DHB-Teams bei der EM und die Arbeit von Trainer Christian Prokop. Er ist aber keineswegs der Alleinschuldige.

Liebe Handballfreunde,

es ist sehr schade, dass die deutsche Nationalmannschaft ihre Chance bei der EM nicht genutzt hat, obwohl sie eigentlich genug Potenzial hat. Aber es wurde einfach nicht ausgeschöpft.

Die Enttäuschung bei Trainern, Mannschaft und Fans ist dementsprechend groß. Beim 8:0-Lauf der Spanier hatten wir einen totalen Blackout: Wir haben vorne die Bälle einfach weggeworfen und viele technische Fehler gemacht.

Damit war das Spiel gelaufen, wir hatten kein Konzept mehr. Die Jungs haben zwar gekämpft, aber ganz viele Spieler sind nicht an ihre Leistungsgrenze gekommen.

Von außen betrachtet muss man auch das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer hinterfragen. Silvio Heinevetter hat zwar gesagt, es gebe keine Probleme, aber die Anzeichen für Störungen waren da.

So haben einige Spieler bei Anweisungen von Christian Prokop die Augen verdreht, Patrick Wiencek hat Prokop beim Dänemark-Spiel die Meinung gegeigt und Hendrik Pekeler sprach davon, dass die Mannschaft die Abwehr-Formation selbstständig verändert hat. Diese atmosphärischen Störungen muss man dringendst aufarbeiten.

Das Risiko, einen international unerfahrenen Trainer zu verpflichten, hat sich bei dieser Europameisterschaft nicht ausgezahlt. Prokop hat sich mit der Kadernominierung selbst sehr unter Druck gesetzt.

Er hatte die Philosophie, ohne Finn Lemke zu spielen - das ist zwar legitim, hat aber für viel Unruhe sowohl außerhalb als auch innerhalb der Mannschaft gesorgt. Das Team war damit nicht einverstanden. 

Es ist schwierig, ein System - wie zum Beispiel das Leipziger - auf die Spieler zu projizieren. Stattdessen muss man das System auf die Spieler ausrichten. 

Vor allem in der Vorrunde hat Prokop zu viel gewechselt. Auch sechs verschiedene Abwehrformationen im Mittelblock in einer Halbzeit haben die Spieler natürlich verunsichert. Im Zusammenspiel zwischen Trainer und Mannschaft lagen einfach Defizite.

Trotzdem kann man nicht sagen, dass nur der Trainer Schuld an dem EM-Aus ist. Auch die Spieler müssen natürlich ihre Leistung bringen.

Die Offiziellen um Bob Hanning sind nun gefordert, mit Trainer und Mannschaft alles zu analysieren. Wenn sie dann zu dem Entschluss kommen, mit Prokop weiter zu machen, müssen sie ihm ihr Vertrauen aussprechen. Wenn nicht, muss ein kompletter Neustart her.

Ich glaube, dass Prokop die Mannschaft zukünftig mehr einbeziehen muss und nicht alles voraussetzen darf. Auch bei Kaderentscheidungen sollte man mehr Fingerspitzengefühl beweisen.

Zudem ist es wichtig, Führungsspieler zu entwickeln. Aktuell haben wir keinen, der nach vorne geht, die Mannschaft führt und an dem sich einige Spieler orientieren können.

Da muss der Trainer nun geeignete Spieler finden, die er ins Vertrauen zieht, damit sie auf dem Spielfeld sein verlängerter Arm sind. Das ist eine Hauptaufgabe für die Zukunft.

Euer Daniel Stephan

SPORT1-Kolumnist Daniel Stephan, 44, hat 183 Länderspiele für Deutschland absolviert. Der erste deutsche Welthandballer (1998) wurde mit dem TBV Lemgo 1997 und 2003 Deutscher Meister sowie 1995, 1997 und 2002 DHB-Pokalsieger. Mit der Nationalmannschaft gewann der Rückraumspieler unter anderem 2004 die Europameisterschaft und Silber bei Olympia in Athen. Von 1997 bis 1999 wurde er dreimal in Folge zum Handballer des Jahres gewählt.