Der SC Magdeburg hat in der Handball-Bundesliga einen Traumstart hingelegt
Der SC Magdeburg hat in der Handball-Bundesliga einen Traumstart hingelegt © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago/iStock

Der SC Magdeburg legt in der Handball-Bundesliga einen Traumstart hin. SCM-Hero Henning Fritz erklärt, was das Team aktuell auszeichnet.

von Michael Prieler

Meister SG Flensburg-Handewitt? Pokalsieger Rhein-Neckar Löwen? Von wegen. Nach sieben Spieltagen heißt der Tabellenführer der Handball-Bundesliga: SC Magdeburg.

Die Ostdeutschen sind in der neuen Saison traumhaft aus den Startblöcken gekommen, stehen nach sieben Spielen bei sieben Siegen und einer Tordifferenz von plus 48 Treffern. Mit anderen Worten: Nach einem Monat ist der SCM noch nicht einmal ansatzweise in die Gefahr gekommen, Punkte abgeben zu müssen.

Der letzte Erfolg gegen GWD Minden bedeutete sogar einen vereinsinternen Startrekord. Zuvor bekamen mit der MT Melsungen (28:23) und Rekordmeister THW Kiel (35:30) bereits zwei Spitzenteams die Magdeburger Stärke zu spüren.

Das sorgt nicht nur bei Nationalspieler Matthias Musche für eine breite Brust: "Sollten sich die anderen mehr Schwächephasen erlauben als gedacht, dann sind wir natürlich gerne da", schickt der Linksaußen, der mit 65 Toren aktuell unangefochten die Torschützenliste der Liga anführt, eine Kampfansage an die Konkurrenz.

Fritz: "Titel nicht utopisch"

Und Musche hat durchaus prominente Unterstützer: "Der Titel ist keinesfalls utopisch. Es ist für Magdeburg wirklich alles drin, vor allem, wenn sie weiter die Spiele gewinnen, die sie auf dem Papier gewinnen müssen", erklärt SCM-Ikone Henning Fritz bei SPORT1.

Der Weltmeister-Torhüter von 2007 stammt aus Magdeburg, durchlief die prestigeträchtige SCM-Nachwuchsschmiede und feierte später in der Profi-Mannschaft seinen großen internationalen Durchbruch.

"Die Mannschaft wächst gerade an ihren Aufgaben. Im Moment schwimmen die Magdeburger auf einer Welle, die sie so lange wie möglich reiten sollten," schätzt Fritz den aktuellen Lauf ein.

Alle Leistungsträger bleiben an Bord

Der Traumstart des SCM kommt nicht von ungefähr: Schon nach der vergangenen Rückrunde, die das Team von Cheftrainer Bennet Wiegert nach 17 Siegen in Folge auf Platz zwei abschloss, war abzusehen, wozu die Magdeburger in der Lage sind - zumal im Sommer kein Leistungsträger das Team verließ.

Die Abläufe auf dem Feld wirken einstudiert, das Team ist ein verschworener Haufen.

Das trifft neben dem Platz auch auf die Vereinsführung zu: Die Magdeburger Führungsriege besteht ausnahmslos aus verdienten Ex-Spielern mit Stallgeruch. Manager Steffen Stiebler ist wie Wiegert Mitglied der vereinsinternen "Hall of Fame".

Die Nachwuchsabteilung leitet Ex-Publikumsliebling Yves Grafenhorst. Sie alle kennen den Verein, die leidenschaftlichen Fans und das manchmal nervöse Umfeld in- und auswendig. "Erfolg durch Kontinuität. Das zahlt sich aus", erklärt SCM-Präsident Dirk Roswandowicz die Magdeburger Erfolgsformel.

Auf Glamour folgt Tristesse

Besonders im DHB-Pokal sorgte der Traditionsverein schon in den letzten Jahren immer wieder für Sternstunden, stand seit 2015 dreimal im Final Four und holte 2016 den lang ersehnten ersten nationalen Titel seit der Meisterschaft 2001.

Anfang des Jahrtausends war der frühere DDR-Rekordmeister, gespickt mit Superstars wie Stefan Kretzschmar, Olafur Stefansson, Joel Abati oder Fritz, in der Handball-Bundesliga das Maß aller Dinge. Ein Jahr später triumphierte der SCM mit Eigengewächs Bennet Wiegert auf dem Feld und Star-Coach Alfred Gislason auf der Bank sogar in der neu geschaffenen Champions League.

Danach machte sich allerdings Tristesse breit. 2015 übernahm Wiegert die Profi-Mannschaft auf Liga-Platz elf - weit entfernt von den eigenen Ansprüchen und früheren Erfolgen.

Wiegerts Verpflichtung als Trendwende

Doch die Verpflichtung des Publikumslieblings wurde zur Trendwende: In nur drei Jahren formte Wiegert wieder ein titelreifes Team, setzte dabei aber vor allem aus finanziellen Gründen nicht auf Star-Glamour, sondern auf ehrliche Arbeit, schnellen schnörkellosen Handball und große Emotionen.

"Die Mischung zwischen einer stabilen Abwehr mit zwei sehr guten Torhütern und einem sehr variablem Angriff stimmt. Man merkt, dass die Spieler einfach zusammen passen. Es gibt im Moment keine wirkliche Schwachstelle im Magdeburger Spiel", schwärmt Fritz bei SPORT1.

Der slowenische WM-Dritte Marko Bezjak ist Wiegerts verlängerter Arm auf dem Feld, Shooter Michael Damgaard sorgt für einfache Tore, Eigengewächs Musche ist vom Hitzkopf zur hoch-effizienten Gegenstoßmaschine mutiert.

"Wiegert trifft im Moment den richtigen Ton, sowohl taktisch als auch in der Ansprache der Spieler. Alle denken in eine Richtung. Dazu beweist er bei der Teamführung ein gutes Fingerspitzengefühl und schafft es so, alle Spieler so gut wie möglich zufrieden zu stellen", konstatiert Fritz.

Ärger um Weber

Auch die heikle Entscheidung, Magdeburgs Rekord-Torjäger Robert Weber nach dessen Abschiedsankündigung auf die Bank zu setzen, wurde für den Erfolgstrainer bislang nicht zum Boomerang - auch wenn der Österreicher mit seiner derzeitigen Situation alles andere als zufrieden ist.

"Die Reservistenrolle ist für mich schon ein Schlag ins Gesicht", machte Weber im Interview mit dem Handball-Podcast "Kreis ab" seinem Ärger Luft.

"So etwas schwelt natürlich immer im Untergrund. Sollte die Stimmung kippen, kommen solche Themen dann auch schnell an die Oberfläche", warnt Fritz. Aktuell ist Wiegert dank des historischen Saisonstarts aber über alle Zweifel erhaben - auch in der "Causa Weber".