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München - Schon in seinem zweiten Jahr als Cheftrainer führt Filip Jicha den THW Kiel zum Sieg in der Königsklasse. Der Titel ist eine Sensation mit Ansage.

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Er ist erst 38 Jahre alt und hat im Handball schon so viel erreicht wie kein anderer - zumindest in einer Kategorie. Denn Filip Jicha ist der erste Handballer, der sowohl als Spieler als auch als Trainer die Champions League gewann.

Aus dem Rückraum heraus führte der 2,01 Meter große Tscheche den THW Kiel zu zwei Triumphen in der europäischen Königklasse.

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Dass ihm dieses Kunststück nun auch als Trainer gelang, und das erst in seiner zweiten Saison, kann man getrost als Sensation bezeichnen.

Jicha über Kiel-Erfolg: "Sieg der Mannschaft"

Der 33:28-Erfolg im Endspiel über den FC Barcelona sei "ein Sieg der Mannschaft" gewesen und nicht des Trainers, betonte er zwar nach dem Spiel im NDR.

Dennoch hat der Trainer einen großen Anteil an diesem Triumph. Schließlich stellte er sein Team taktisch hervorragend auf den großen Titel-Favoriten ein, der zuvor in der Champions League 22 Spiele gewonnen hatte. (Handball Champions League 2019/20: Spielplan & Ergebnisse)

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Dass die Kieler so genau wussten, was sie erwarten würde, hat auch mit Jichas Vergangenheit als Spieler zu tun. Der Welthandballer von 2010 verbrachte zwar seine erfolgreichste Zeit beim THW, zwischen 2015 und 2017 aber spielte er für Barcelona.

"Ich war da und kenne ein paar Sachen. Das hilft manchmal", verriet Jicha, der sich nach dem Finaltriumph als "sehr glücklichen Mensch und Trainer" bezeichnete: "Dieses Gefühl ist unbezahlbar. Wir haben an uns geglaubt und immer weitergemacht."

"Immer weiter, immer weiter": Dieses Motto prägte einst schon Oliver Kahn als Torwart-Titan der Fußballer des FC Bayern. Auch Jicha ist seit seiner aktiven Zeit beseelt vom Streben nach Erfolg.

"Er hatte eine unglaubliche Wurfkraft und Physis. Das hat ihn ausgezeichnet", sagt Kiels ehemaliger Torwart Henning Fritz bei SPORT1: "Zusammen mit Nikola Karabatic hat er eine sehr erfolgreiche Ära beim THW Kiel geprägt. Da haben sie sich ein Stück weit von der Konkurrenz abgesetzt."

Jicha seit 2019 Cheftrainer des THW Kiel

Dass er nur zwei Jahre nach dem Ende seiner Spieler-Karriere und mit der Erfahrung von nur einer Saison als Assistenz-Coach des THW 2019 dessen Cheftrainer wurde, spricht für das Selbstbewusstsein des geborenen Pilseners.

Zweifel daran, dass er in so jungen Jahren schon einen der erfolgreichsten Klubs Europas trainieren könne, habe er nicht gehabt. "Wenn ich die gehabt hätte, würde ich hier nicht sitzen", sagte er vor seiner Debütsaison als Trainer den Kieler Nachrichten.

Für Fritz, der 2007 mit Deutschland Weltmeister wurde, ist Kiel der perfekte Ort für Jicha, um sich auch als Trainer zu beweisen. "Die Philosophie, die Mentalität, die man in Kiel lebt, hat er direkt übernehmen können. Viele Spieler kennen ihn noch zum Teil. Deswegen ist da auch kein großer Bruch entstanden", erklärt der 46-Jährige.

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Der Schritt war aber auch deshalb die logische Fortsetzung seiner Karriere, weil er schon als Spieler wie ein Trainer dachte.

"Es war mein Hobby, zu analysieren, wie das alles funktioniert", sagte er: "Je älter ich wurde, desto mehr habe ich darüber nachgedacht, was man im Training besser machen oder anders strukturieren könnte, um es effektiver zu vermitteln."

Kiel wartete seit fünf Jahren auf HBL-Titel

Genau das macht er nun schon seit eineinhalb Jahren sehr erfolgreich. Mit Kiel holte er in diesem Jahr nicht nur den Titel in der Champions League, sondern auch die Deutsche Meisterschaft. In der Bundesliga hatte der THW seit Jichas Wechsel nach Barcelona zur Saison 2015/16 nicht mehr triumphiert.

Manchmal sagen solche Statistiken mehr über die Bedeutung einer Personalie aus als viele Worte.

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Er habe viel von seinen Trainern gelernt und in seine jetzige Arbeit übernommen, sagte Jicha: die Linienläufe von Noka Serdarusic, ein paar handballspezifische Übungen von Barcelona-Coach Xavi Pascual, und die "Medizinbälle habe ich von Alfred Gislason übernommen".

Auch Fritz sieht in den Trainern "gute Lehrmeister", betont aber gleichzeitig: "Er bringt auch seine eignen Ideen und Vorstellungen mit ein."

Unter dem Isländer Gislason reifte Jicha einst in Kiel zum Weltstar, an seiner Seite ging er als Co-Trainer anschließend in die Lehre.

Und schon jetzt hat er einen großen Schritt aus dem Schatten seines Förderers gemacht - mit gerade einmal 38 Jahren.