Die Aktion des DFB-Teams sorgte für viel Aufmerksamkeit
Die Aktion des DFB-Teams sorgte für viel Aufmerksamkeit © SPORT1-Grafik: Imago/SPORT1
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München - Die Aktion der deutschen Nationalspieler für Menschenrechte in Katar verdient Anerkennung. Der DFB selbst muss jedoch mehr Verantwortung übernehmen, kommentiert SPORT1-Chefredakteur Pit Gottschalk.

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Die Trikot-Aktion der deutschen Nationalspieler vorm Island-Länderspiel (3:0) verdient Respekt und Anerkennung.

Wer selbstständig und überzeugend mit großen Buchstaben auf den neuen Trikots "Human Rights" einfordert, um vor einem Millionenpublikum auf die menschenunwürdigen Zustände beim WM-Gastgeber Katar hinzuweisen, widerspricht dem Klischee des realitätsfernen Fußballprofis unübersehbar.

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Mittelfeld-Star Leon Goretzka machte in seiner Stellungnahme anschließend deutlich: Die Aktion war der Mannschaft ein tiefes Anliegen. Aber reicht das?

Außer guten, aber wirkungslosen Worten hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bisher nichts getan, was Katar in Erklärungsnot bringen könnte. Die Empörung über 6500 Tote, die beim Bau der WM-Stadien zu beklagen sind, kam über den Status einer Formalie nicht hinaus.

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WM in Katar: Amnesty International gegen Boykott

Die Kataris werden einen Verband, der die WM-Teilnahme immer einem WM-Boykott vorzieht, nicht wirklich ernst nehmen. Markus N. Beeko, Generalsekretär von Amnesty International Deutschland, sieht darin auch kein Problem. Ausdrücklich lehnt er sogar einen WM-Boykott nächstes Jahr ab.

Unter der Überschrift "Flutlicht an für die Menschenrechte" rät er zur WM-Teilnahme: "Mehr als auf einen Boykott hoffen die Menschen, die in Katar unter den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen leiden, auf internationale Solidarität, die das Sportereignis in die Pflicht nimmt. Ihre Hoffnung liegt weniger auf einer Absage der Spiele, die die bereits erreichten Erfolge für ihr Leben und ihre Arbeit in Luft auflöst, sondern auf einer internationalen Aufmerksamkeit, die wirkungsvoll und laut auf weitere Verbesserungen drängt."

Markus N. Beeko erkennt erste Erfolge: "Katar hat den Mindestlohn eingeführt, einen Fonds zur Erstattung von nicht ausbezahlten Löhnen, eine Schlichtungsstelle. Das Land hat zwei wichtige internationale Menschenrechtsabkommen ratifiziert."

Vorgehen des FC Bayern bestätigt

Natürlich ist das nicht genug, auch ihm nicht. Doch bestätigt seine Stellungnahme das unpopuläre Vorgehen des Rekordmeisters FC Bayern München, der sein jährliches Trainingslager in Katar auch damit begründet, dass man mit der unvermeidbaren Aufmerksamkeit schrittweise Verbesserung im Land erreicht.

Diese Feststellung mag nicht jedem gefallen, der radikalere Maßnahmen fordert. Doch wen will man als besseren Ratgeber heranziehen als einen hohen Vertreter von Amnesty International? Die Trikot-Aktion der deutschen Nationalspieler (und natürlich die in anderen Nationen) entspricht deshalb exakt diesem Vorschlag: die Menschenrechte in Katar immer und immer wieder zum Thema machen. Die Wirkung ist sichtbar: Diese Kolumne, die Sie hier lesen, hätte es ohne die Trikot-Aktion vom Donnerstagabend nicht gegeben. (Service: Ergebnisse und Spielplan der WM-Qualifikation)

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Nationalspieler zeigen mehr Verantwortung als Funktionäre

Für den DFB heißt es: Schluss mit dem Versteckspiel! Auf der Homepage der eigenen DFB-Website wurden zwar am Freitagmittag die Verleihung der Sepp-Herbert-Urkunden und Delegationsgeschenke zum CO2-Ausgleich thematisiert, aber eben nicht die Botschaft der eigenen Nationalspieler am Vorabend. Das ist ein Skandal.

Der DFB könnte nämlich sogar weitergehen: Zum Beispiel selbst zu einer Petition aufrufen, die Katar täglich und zahlreich daran erinnert, dass Deutschland mit den bisherigen Verbesserungen in Katar nicht zufrieden ist.

Plötzlich und endlich würde der DFB seiner gesellschaftlichen Rolle gerecht und einen Beleg dafür liefern, dass so ein Verband zu mehr fähig ist als Zoff und Zaster im eigenen Laden. Wer seine Haltung aber darauf beschränkt, dass Pressemitteilungen den eigenen Standpunkt klarmachen, wird über die Rolle eines Bürokraten nicht hinausgehen und demnach versagen.

Der DFB will zurück zu den Leuten - hier ist seine Chance. Aktuell muss man sagen: Die Nationalspieler zeigen ein größeres Verantwortungsgefühl als die Funktionäre.

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