München - Die deutsche Nationalmannschaft verpasst gegen Frankreich einen Sieg und damit den perfekten Neustart. Dennoch sieht sich das Team auf einem guten Weg.

von Sportinformationsdienst , SPORT1

Joachim Löw umarmte Didier Deschamps herzlich, dann gratulierte er seinen leicht frustrierten Spielern zum ersten Schritt nach der WM-Enttäuschung: Die deutsche Nationalmannschaft hat Weltmeister Frankreich zum Auftakt in die neu geschaffene Nations League mit einer über weite Strecken mutigen Vorstellung ein 0:0 abgetrotzt.

71 Tage nach der historischen WM-Blamage verbreitete der in Russland krachend gescheiterte Titelverteidiger dabei phasenweise Aufbruchstimmung. Einige vergebene Chancen trübten aber etwas die Stimmung.

Kroos: "Nur erster Schritt"

"Das Spiel stand ja unter besonderen Vorzeichen", sagte Löw im ZDF. "Die Art und Weise, wie wir auftreten, war wichtig. Es war wichtig, eine Reaktion zu zeigen. Und ich glaube, das hat die Mannschaft gut gemacht."

Und auch Toni Kroos war trotz der vergebenen Chancen zufrieden: "Es ist ein wenig ärgerlich, dass wir das Tor nicht gemacht haben. Wir wollten aber erst einmal kompakt stehen, das war nach so einem Negativerlebnis klar. Ich glaube, das ist gut gelungen. Wir haben immer wieder versucht schnell umzuschalten. Das hat ein, zweimal gut funktioniert. Trotzdem war es nur ein erster Schritt." (Stimmen zum Spiel)

Thomas Müller indes hätte gerne mehr geholt: "Es ging gegen den Weltmeister. Einerseits die schönste Aufgabe, die es gibt, andererseits auch eine gewisse Schwierigkeit. Vor dem Spiel hätte ich gesagt, ein 0:0 ist okay. Hinten raus hätte ich schon gern gewonnen."

Deutschland wartet seit 31 Jahren

In der Schlussphase verhinderte der starke französische Torwart Alphonse Areola einen Prestige-Erfolg des DFB-Teams. Damit wartet das deutsche Team seit 31 Jahren auf einen Heimsieg gegen gegen die Equipe Tricolore und feierte in den vergangenen zehn Länderspielen nur zwei Siege. (Tabelle Nations League)

Diese magere Bilanz soll am Sonntag in Sinsheim gegen Peru aufpoliert werden. Frankreich ist derweil seit zwölf Länderspielen ungeschlagen.

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"Wir müssen das eigene Tor auf Teufel komm raus verteidigen. Daran müssen sich alle Spieler beteiligen", hatte Löw vor dem Spiel gefordert und betont: "Es liegt an uns, das Feuer zu entfachen."

Letzteres gelang, das sehr wohlwollende Münchner Publikum stand voll hinter der DFB-Elf. (Spielplan Nations League)

Löw überrascht

Dafür überraschte der 58-Jährige mit seiner Aufstellung im 4-1-4-1-System. Den Münchner Joshua Kimmich bot Löw statt als Rechtsverteidiger als Absicherung vor der Viererkette auf, im Gladbacher Matthias Ginter und Antonio Rüdiger vom FC Chelsea ließ der Bundestrainer zwei gelernte Innen- als Außenverteidiger spielen.

Die Neulinge Kai Havertz, Thilo Kehrer und Nico Schulz saßen nur auf der Bank, dafür standen sieben Spieler in der Startelf, die beim peinlichen WM-Aus gegen Südkorea (0:2) begonnen hatten.

Die auf Platz 15 der Weltrangliste abgestürzte DFB-Auswahl wurde von den Fans trotz des Desasters in Russland herzlich empfangen, zudem wurde jede gelungene Aktion in der Anfangsphase mit viel Beifall bedacht.

Wenig Räume

Mehr Tempo, mehr Kompaktheit, mehr Effektivität - die Spieler des viermaligen Weltmeisters waren darum bemüht, Löws Vorgaben umzusetzen. Da sich die Franzosen, die bis auf Torhüter Hugo Lloris (Oberschenkelverletzung) in ihrer WM-Finalformation begannen, weit zurückzogen, boten sich den Gastgebern aber nur wenig Räume trotz gewohnt viel Ballbesitz (62 Prozent nach einer halben Stunde).

Marco Reus wartete als einzige Spitze aber vergeblich auf brauchbare Zuspiele.

Defensiv stand das DFB-Team vor 67.485 Zuschauern in der ausverkauften Arena aber gut sortiert, auch wenn das starke Wunderkind Kylian Mbappe seine Klasse immer wieder unter Beweis stellte.

Werner prüft Areola

Das Engagement und das Rückzugsverhalten nach Ballverlusten stimmten beim Löw-Team. Klare Torchancen blieben auf beiden Seiten aber im ersten Durchgang Mangelware. Timo Werner prüfte von der Strafraumgrenze als Erster Areola (18.).

Der Gastgeber war in der Folge äußerst bemüht und leistete ein großes Laufpensum, der letzte Pass kam aber häufig nicht an. Es mangelte an Durchschlagskraft, auch die von Löw geforderten Läufe in die Tiefe waren zu wenig zu sehen. Bei einem Kopfball von Mats Hummels gab es zumindest wieder eine Torannäherung (35.).

Auf der anderen Seite verhinderte Manuel Neuer bei einem Kopfball von Olivier Giroud (36.) einen Rückstand.

"Wir hatten nicht viel Zeit für die Vorbereitung", sagte Deschamps. "Es gab Phasen, da hätten wir ein Tor erzielen können. Am Ende hat Deutschland Druck gemacht. Da fehlte bei uns ein bisschen die Energie. Es ist gut, auswärts mit einem Unentschieden zu starten."

Kapitän Neuer war auch kurz nach der Pause bei einem Schuss von Topstar Antoine Griezmann gefordert (49.). Die Franzosen waren nun das bessere Team. Der individuellen Klasse und Raffinesse der Gäste setzte das DFB-Team Wille und Kampfkraft entgegen - und übernahm in den letzten 25 Minuten klar das Kommando.

Reus, Hummels und Co. mit Großchancen

Reus (64.), Hummels (72.), Müller und Ginter (beide 75.) fanden ihren Meister aber in Areola.

Löw brachte in der 66. Minute Ilkay Gündogan. Im Gegensatz zur WM-Generalprobe gegen Saudi-Arabien in Leverkusen waren bei der Einwechslung nur vereinzelt Pfiffe zu hören.

In der Nations League geht es für das deutsche Team am 13. Oktober in Amsterdam gegen die Niederlande weiter.