München - Im Schatten von Mbappe und Griezmann überzeugt N'Golo Kante bei der WM für Frankreich. Mit 19 spielte er noch in der 9. Liga, eine Anekdote erklärt seinen Aufstieg.

von Jonas Nohe

Die am häufigsten erzählte Anekdote von N'Golo Kante handelt von einer "trottinette".

Das ist allein deshalb eine schöne Geschichte, weil "trottinette" für das deutsche Ohr ein so herrlich französisch klingendes Wort ist. Noch schöner wird es nach der Übersetzung des Wortes: Bei einer "trottinette" handelt es sich um einen Tretroller.

Besonders bemerkenswert ist das Ganze aber vor allem, weil es zu Kante generell nur wenige Anekdoten gibt - ganz im Gegensatz zu den zahlreichen Sprüchen, die in den letzten Jahren in England über den 27-jährigen Franzosen vom FC Chelsea entstanden sind.

Belgien-Star Hazard schwärmt von Kante

"Die Erde besteht zu 71 Prozent aus Wasser - Kante kümmert sich darum, die restlichen 29 Prozent abzudecken", lautet einer davon. Ein anderer: "Google Street View ist entstanden, indem auf Kantes Kopf bei seiner morgendlichen Joggingrunde eine Kamera angebracht wurde."

Daraus spricht die Bewunderung für die sportlichen Leistungen des gerade einmal 1,68 Meter großen defensiven Mittelfeldspielers. Auch seine Chelsea-Teamkollegen schwärmen vom französischen Laufwunder.

"Wenn ich auf dem Platz stehe, sehe ich ihn immer doppelt. Es gibt einen Kante links von mir - und wenn ich mich umdrehe, gibt es einen Kante auf meiner rechten Seite", sagte etwa Eden Hazard einmal: "Ich habe das Gefühl, ich spiele mit Zwillingen." Im WM-Halbfinale zwischen Belgien und Frankreich (ab 19.30 Uhr im LIVETICKER) sind Hazard und Kante nun Gegner.

Kante bei WM im Schatten der Superstars

Auf dem Platz fühlt sich Kante ohnehin am wohlsten, der gebürtige Pariser mit Wurzeln in Mali ist kein Mann für die großen Schlagzeilen.

"N'Golo jagt nicht solchen Auszeichnungen wie zum 'Man of the Match' hinterher", erklärt Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps Kantes Auffassung von Fußball: "Er macht dort in aller Stille seinen Job, wo das Scheinwerferlicht nicht hin scheint."

Die öffentliche Aufmerksamkeit rund um die Equipe Tricolore richtet sich - vor allem außerhalb Frankreichs - auch bei der WM in Russland auf andere: Antoine Griezmann. Kylian Mbappe. Oder Paul Pogba.

So gut sich Pogba und Kante auf dem Platz im Mittelfeldzentrum der Franzosen ergänzen, so unterschiedlich sind sie, was Erscheinungsbild und Charakter angeht: Hier der groß gewachsene, extrovertierte Superstar von Manchester United. Dort der kleine, stille Kante.

Und damit zurück zur "trottinette".

Meister mit Leicester City, Double mit FC Chelsea

Die Anekdote stammt aus Kantes Zeit bei US Boulogne, seinem ersten Profiverein. Mit 19 noch hatte Kante in der neunten französischen Liga gespielt, sein Talent wurde jahrelang verkannt.

"Rennes und Lorient haben uns gesagt, dass sie zehn Spieler wie ihn in ihren Nachwuchszentren hätten", erklärte ein Jugendtrainer Kantes einmal in der Wochenzeitung Liberte - le Bonhomme libre.

Selbst nachdem er mit 22 zu SM Caen wechselte, den Verein auf Anhieb in die Ligue 1 führte, und auch dort als Stammspieler überzeugte, winkten unter anderem Olympique Marseille und der FC Arsenal bei einer Ablösesumme von rund zehn Millionen Euro dankend ab.

Also wechselte Kante zu Leicester City und wurde mit dem Underdog sensationell Meister. Ein Jahr später holte er mit dem FC Chelsea das Double und wurde zu Englands Fußballer des Jahres gewählt.

Sein Erfolgsgeheimnis erklärte Caens Sportdirektor Alain Caveglia bei France Football so: "N'Golo hat sich immer dem Niveau der Ligen angepasst, in denen er gespielt hat - das heißt: Er war immer ein bisschen besser. Dritte Liga, Zweite Liga, Ligue 1, Nationalteam - er hat sich immer ganz natürlich zurechtgefunden."

So wie auch jetzt auf der größten aller Fußballbühnen bei der WM in Russland. Kante bringt fast immer seine Leistung, egal ob auf der anderen Seite ein Peruaner oder Lionel Messi steht.

Bayern-Star Tolisso scherzt über Kante

Keiner erobert so viele Bälle wie Kante, der dabei nahezu ohne Fouls auskommt. Und immer das Gefühl vermittelt, dass ihn nichts aus der Ruhe bringen kann.

N'Golo Kante überzeugt für Frankreich bei der WM als fairer Balleroberer
N'Golo Kante überzeugt für Frankreich bei der WM als fairer Balleroberer © iM Football

"Ich habe ihn schon aus sich herausgehen sehen. Er kann lachen - und er schummelt beim Kartenspielen", verrät Bayerns Corentin Tolisso mit einem Augenzwinkern: "Aber dass er sich aufregt? Sehr selten. Nur, wenn er an der Konsole zockt."

Sollten die Franzosen tatsächlich erstmals seit 2006 wieder in ein WM-Finale einziehen, dürfte bis Sonntag auch die Anekdote von Kantes "trottinette" noch das eine oder andere Mal erzählt werden.

Mit dem Tretroller zum Training in Boulogne

Der Legende nach kam Kante in seiner Zeit bei US Boulogne immer mit einem Tretroller zum Training - so erzählen es zumindest damalige Weggefährten.

Das sei vor allem auf dem Weg zum Training bemerkenswert gewesen, da es ordentlich bergauf ging, meinte der damalige Boulogne-Coach Georges Tournay einmal bei France Football: "Auf dem Heimweg ging es, da konnte er sich hinunterrollen lassen."

Irgendwann hätten seine Mitspieler ihn gefragt, wo er denn wohne und ihn fortan auf dem Weg zum Training mitgenommen.

Auf die Geschichte angesprochen, muss Kante lachen.

Renault Megane trotz Millionen-Transfer

"Ich bin nie mit dem Tretroller zum Training gefahren. Ich bin am Anfang zu Fuß gegangen, weil ich noch keinen Führerschein hatte und in der Nähe gewohnt habe, aber nicht mit dem Tretroller", stellte er in einem Interview mit Canal+ klar.

Woher also stammt der Mythos?

"Als ich noch in Boulogne in der zweiten Mannschaft gespielt habe, habe ich mit dem Tretroller öfter mal ein paar Besorgungen erledigt oder bin damit zu Freunden gefahren", erklärt Kante seine Version der Geschichte: "Daraus wurde irgendwann, dass ich mit dem Tretroller zum Training gekommen sei."

So oder so, die Geschichte von der "trottinette" vermittelt dasselbe Bild von N'Golo Kante wie die zweite Anekdote, die man sich von ihm erzählt: dass er trotz seines millionenschweren Wechsels zu Leicester City weiterhin mit dem Renault Megane durch die Gegend fuhr, den er einst in Caen gekauft hatte.

Für Aufsehen sorgen andere, sowohl auf als auch neben dem Platz. Kante macht einfach nur seinen Job. Bescheiden und zuverlässig.