München - Vor dem WM-Halbfinale gegen Frankreich (19.30 Uhr im Liveticker) schwärmt Belgiens Torwart-Legende Jean-Marie Pfaff im SPORT1-Interview von den Roten Teufeln und Kevin De Bruyne.

von Reinhard Franke

Jean-Marie Pfaff steht für die goldene Generation von Belgiens Nationalmannschaft. Von 1976 bis 1986 absolvierte er 64 Länderspiele im Tor der der Roten Teufel. 

Von 1982 bis 1988 trug der heute 64-Jährige das Trikot des FC Bayern (156 Bundesligaspiele).

Das Highlight seiner Karriere: Das WM-Halbfinale 1986 gegen Argentinien in Mexiko. Belgien schied gegen Maradona und Co. aus, doch Pfaff zählte zu den stärksten Keepern des Turniers.  

Am Dienstag steht Belgien erstmals seit damals wieder im Halbfinale einer Weltmeisterschaft und trifft dort auf Frankreich (ab 19.30 Uhr im LIVETICKER).

Vor dem Duell spricht Pfaff im SPORT1-Interview. 

SPORT1: Herr Pfaff, wie fühlen Sie sich vor dem Anpfiff?  

Jean-Marie Pfaff: Ich bin sehr glücklich und freue mich für die Jungs. Dass Belgien es so weit geschafft hat, ist fantastisch. Der Hype um die Nationalmannschaft ist riesengroß. Belgien ist seit 1986 sehr gewachsen und man hat nun Deutschlands Niveau von 2014 erreicht. Früher hatten wir eine goldene Generation, die heutige Generation ist brillant. Wir haben zwei Mannschaften und konnten in der Vorrunde gegen England mit der Ersatzmannschaft spielen. Das Duell gegen Frankreich ist ein vorweggenommenes Endspiel. Ich habe ein gutes Gefühl.

SPORT1: Was ist heute anders als 2014 unter Marc Wilmots?  

Pfaff: Diese Frage wird mir oft gestellt. Ich war nicht dabei, habe nur gehört, dass ein paar Spieler nicht zufrieden waren, aber ich kann mir kein Urteil über Wilmots als Trainer erlauben. Ich weiß nicht, wie er arbeitet, wie er die Taktik und Psychologie aufgebaut hat. Ich glaube er hat nicht anders gearbeitet als die Trainer davor. Es ist alles viel professioneller geworden. Roberto Martinez (Belgiens Trainer, d. Red.) hat die Mannschaft vereint. Wilmots hatte einige Gegner im Verband, konnte aber auch Erfolge vorweisen. Er wurde 2013 nicht grundlos "Trainer des Jahres". Und als Spieler war er mit Schalke UEFA-Cup-Sieger. Martinez hat es aber als Nicht-Belgier einfacher. Ihm wurde schneller vertraut und geglaubt.

SPORT1: Was ist die besondere Stärke von Martinez?  

Pfaff: Ich kenne ihn nicht so gut. Früher musste ein Trainer eine Mannschaft machen, heute macht eine Mannschaft einen Trainer. Ich weiß nicht wie er in England als Trainer war. Ich lese auch verschiedene Sachen über ihn. Er hat die Spieler übernehmen können, die schon vor zwei Jahren da waren. In der belgischen Nationalmannschaft gibt es seit Jahren sehr gute Spieler und Talente.  

SPORT1: Sind Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku die gefährlichsten Spieler?  

Pfaff: Wir haben eine sehr gute Mischung und eine top Einstellung im Team. De Bruyne hatte bisher Glück, dass die Gegner ihn nicht sofort gedeckt haben und ihm Raum für sein Spiel ließen. Er läuft viel und hat gute Ideen im Spiel. Frankreich muss ihn ausschalten, sonst kommen sie nicht weiter. Wir haben noch viele andere gute Spieler. Lukaku kann rechts wie links spielen und ist unglaublich schnell. Wenn er den Ball hat, ist er eine Waffe. Er ist so torgefährlich. Zudem gibt es eine tolle Abwehr. Ich hoffe, dass die Verletzung von Vincent Kompany nicht wieder aufbricht. Eden Hazard ist ein sehr kreativer Mann über die linke Seite. Ich habe De Bruyne übrigens vor zehn Jahren schon mal dem FC Bayern vorgeschlagen. Er war schon als junger Spieler sehr erwachsen. Aber da haben die Münchner geschlafen.

SPORT1: Wie schätzen Sie die Chancen für Belgien gegen Frankreich ein?  

Pfaff: Frankreich im Halbfinale ist ein sehr starker Gegner. Aber ich glaube, dass das Endspiel Belgien gegen England heißt. Und das werden wir dann gewinnen. Bisher waren wir die beste Mannschaft des Turniers. Ich habe schon vor dem Spiel gegen Brasilien gesagt, dass dies ein Endspiel ist. Frankreich aber ist noch viel gefährlicher. Es ist eine kollektive und komplette Mannschaft. Aber eben nicht so wie Belgien. Ich glaube, dass auch die beiden Torhüter entscheiden werden, wer im Endspiel steht. In dieser Phase des Turniers braucht man einen guten Torwart.

SPORT1: 1986 gegen Argentinien waren Sie bester Torwart. Erinnern Sie sich noch?  

Pfaff: Na klar. Ich kann mich noch an alles erinnern. Wir hatten zwei Chancen durch Konter und zweimal wurde fälschlicherweise Abseits gegeben. Wenn die Schiedsrichter damals schon die Möglichkeiten von heute in Russland gehabt hätten, dann wären wir ins Endspiel gegen Deutschland gekommen. Und verdient, wir haben besser gespielt. Damals war in Argentinien Maradona alleine, inmitten einer guten Mannschaft. Und jetzt ist Lionel Messi da und er kann das nicht alleine. Heutzutage kann man nicht mehr nur mit einem Star spielen. Man muss mehrere Stars haben. Aber das ist jetzt das Problem der Argentinier.

SPORT1: Heißt der kommende Weltmeister Belgien?  

Pfaff: Ja. Diese Mannschaft hat in den vergangenen vier Jahren gezeigt, was sie kann. Ein Engel hat uns gegen Japan geholfen und dann haben wir gegen Brasilien gewonnen. Frankreich muss auch erst mal zeigen, dass sie eine große Mannschaft sind. Wir haben in der Vergangenheit oft im entscheidenden Moment verloren, Frankreich dagegen gewonnen. Wir haben bei dieser WM Rückenwind, den wir genießen. Wir werden gewinnen.

-----

Lesen Sie auch:

Frankreichs heimlicher WM-Star

Brasilien scheitert an Belgien