München - Mesut Özil will sich nicht erklären, im Gegenteil: Er will die gesamte WM über die Medien boykottieren. Selbst Oliver Bierhoff warnt vor den Konsequenzen.

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"Silenzio Stampa" ist ein feststehender Begriff im italienischen Fußball. Immer dann, wenn Spielern oder Vereinen die Berichterstattung nicht passt, wird geschwiegen – teilweise wochenlang.

Auch in Deutschland hat es einen solchen Medienboykott schon gegeben, manchmal von Bundesligisten, häufiger von einzelnen Spielern. Doch dass ein Nationalspieler ankündigt, die gesamte Weltmeisterschaft zu schweigen, ist einzigartig.

"Interviews? Nee, ich darf nicht, sorry", rief Mesut Özil am Freitagabend nach dem letzten Testspiel vor dem WM-Auftakt den SPORT1-Reportern auf dem Weg zum Teambus zu. Und dabei soll es bleiben.

Bierhoff rechnet mit Boykott bis WM-Ende

"Das ist seine Aussage. Ich gehe davon aus, dass er das durchzieht", sagte DFB-Manager Oliver Bierhoff der Bild-Zeitung. Dabei machte der frühere Nationalstürmer zwischen den Zeilen auch relativ deutlich, dass er von Özils Presseverweigerung relativ wenig hält.(Der WM-Spielplan als PDF)

"Ob es in diesem Fall richtig und gut für ihn ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Konsequenzen haben wir ihm aufgezeigt und kennt er aus Erfahrung", meinte Bierhoff. Denn Özil wird durch sein Schweigen keinesfalls die aktuell äußerst kritische Berichterstattung über ihn zum Verstummen bringen. Eher im Gegenteil.

Schließlich fordern zahlreiche Medien, Fans und Personen des öffentlichen Lebens eine Entschuldigung, mindestens aber eine Erklärung von Özil für sein höchst umstrittenes Foto beim Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan am 13. Mai in London.

Özil: Weltweit populär, in Deutschland ohne Lobby

Hinzu kommt, dass der Mittelfeldspieler zwar weltweit mit über 70 Millionen Followern die mit Abstand meisten Fans aller Nationalspieler in den sozialen Medien hat, in Deutschland aber spätestens seit seinem Wechsel zu Real Madrid nach der WM 2010 fast keine Lobby besitzt.

Doch statt sich zu erklären, verweigerte Özil im Gegensatz zu Teamkollege Ilkay Gündogan einen Auftritt beim Medientag im Trainingslager der deutschen Mannschaft mit der viel sagenden Begründung, es sei "schon alles gesagt".

Was von Kritikern mittlerweile so gewertet wird, dass es für Özil an seinem Auftritt mit Erdogan weder etwas zu rechtfertigen noch zu entschuldigen gibt. Ob das tatsächlich so ist, wollte sein Berater Erkut Sögüt auf Anfrage nicht beantworten.

"Man muss eines bedenken: Die Spieler haben Familienangehörige in der Türkei, Mesut eine türkische Freundin. Es ist nicht so leicht, klare Aussagen zu treffen, wie Außenstehende in Deutschland sich das vorstellen. Man muss auch Verständnis für ihre privaten Bindungen in die Türkei haben", meinte Bierhoff.(WM-Tippspiel: Schlagen Sie die SPORT1-Experten)

Bierhoff: Özil und Gündogan "naiv und gedankenlos"

Mit der Schlussfolgerung macht es sich der DFB allerdings sehr einfach. "Sie haben einen Fehler gemacht", so Bierhoff. "Aber für uns zählt vor allem die Intention: Sie war nicht bösartig, nicht politisch getrieben, sondern naiv, gedankenlos."

"Naiv und gedankenlos" – in jedem anderen Kontext eine vernichtende Aussage über Özil und Gündogan. Zumal bei beiden Zweifel an dieser Interpretation bestehen.

"Denn verbrieft ist laut türkischen Medien, dass Gündogan in Dursunbey, der Heimatstadt seiner Familie, zusammen mit seinem Vater Irfan und seinem Bruder Ilker den Bau eines Einkaufszentrums plant. Investitionsvolumen: rund fünf Millionen Euro", schrieb die Frankfurter Rundschau Anfang der Woche:

"Gute Beziehungen zur Politik sind bei derartigen Projekten jedenfalls förderlich, die vehemente Kritik in Deutschland wäre dann bloß ein Kollateralschaden. Allerdings einer, der womöglich den WM-Titel kosten könnte."

Gemeinsame Berater von Özil, Gündogan und Löw

Bei Özil sind wirtschaftliche Interessen zwar nicht bekannt. Gleichwohl ist auch in seinem Fall kaum zu glauben, dass es keine Hintergedanken bei dem Treffen mit Erdogan gab. Gerade mit Blick auf sein professionelles Umfeld.

"Es ist allerdings fest davon auszugehen, dass Berater-Vollprofis wie Harun Arslan und der Rechtsanwalt Erkut Sögüt, Chef der Spielerberatung Family & Football, abschätzen können, was passiert, wenn zwei Spieler der DFB-Auswahl mit Recep Tayyip Erdogan posieren: großer Unmut in Deutschland, großes Wohlwollen in der Türkei", kommentierte die Stuttgarter Zeitung schon Mitte Mai.

Andere Medien verwiesen darauf, dass auch Gündogans Berater und Onkel Ilhan Gündogan in der Agentur von Sögüt und Arslan tätig ist, der zudem seit fast 30 Jahren Jahren Bundestrainer Joachim Löw betreut.

Nach Ansicht von Bierhoff spielen diese Verflechtungen genauso wenig eine Rolle bei Löws sportlichen Entscheidungen wie die öffentliche Kritik an den beiden Deutsch-Türken. "Wer Jogi kennt, weiß: Er trifft keine populistische Entscheidung, um jemanden zufriedenzustellen, sondern hat nur das sportliche Wohl im Auge. Aber ein kleiner Aspekt kann dies natürlich schon sein", antwortete der frühere DFB-Torjäger auf die Frage, ob die Kritik Löws Aufstellung beeinflusse.

Denn dass die anhaltenden Diskussionen und auch das Schweigen Özils einen negativen Einfluss auf die Leistung haben könnte, wollte Bierhoff nicht mehr ausschließen: "Ich mache mir weniger Sorgen generell um die Mannschaft, sondern eher um die beiden Spieler. Es beschäftigt Mesut und Ilkay schon sehr."