München - Das peinliche Aus in der Vorrunde erschüttert Deutschland. Das Nationalteam braucht einen Neuanfang. Eine Zukunft ohne Joachim Löw macht aber wenig Sinn. Der Kommentar.

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Das Undenkbare ist also doch passiert und wird als "Schmach von Kasan" für immer in die deutsche Fußball-Geschichte eingehen: Deutschland ist bei der WM in Russland ausgeschieden.

Als amtierender Weltmeister, erstmals nach der Vorrunde und das sogar als Gruppenletzter - peinlich, beschämend und noch viel schlimmer, völlig verdient!

Es ist eine Zäsur in der Geschichte des notorisch erfolgreichen Deutschen Fußball-Bundes und in der Ära von Bundestrainer Joachim Löw.

Wenn wir uns alle gemeinsam geschüttelt haben, werden Löw und der DFB das katastrophale Auftreten gut erklären müssen. Die Fußball-Nation hat Antworten verdient.

Die Nationalelf hat sich mit dem vermeintlich besten Kader aller Zeiten bis auf die Knochen blamiert und auch den letzten Optimisten vor Augen geführt, dass der DFB in der Vorbereitung auf diese WM viele Fehler gemacht hat. Oder wie soll dieser grausame Rumpelfußball anders zu erklären sein?

Der inkonsequente Umgang im "Erdogan-Gate" mit Mesut Özil und Ilkay Gündogan wurden vor allem von Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Reinhard Grindel in seiner öffentlichen Tragweite völlig unterschätzt und im Vorfeld der WM naiv gehandhabt.

Die WM-Qualifikation verlief für das Löw-Team dermaßen entspannt, dass sich viele ganz offensichtlich ihrer Sache zu sicher waren. Motivation und Disziplin des Mannschafts-Kerns wurden überschätzt, dem Bundestrainer ist es nicht gelungen, die nötigen neuen Impulse zu setzen.

Und das, obwohl er mit der Gruppe der Confed-Cup-Gewinner eigentlich beste Voraussetzung hatte, den Druck innerhalb des Kaders hochzuhalten.

Die Fehler, die sich im vergangenen Jahr langsam eingeschlichen hatten, wurden zu arrogant abgetan. "Keine Sorge, bis zum ersten WM-Spiel sind wir da", so hieß es nach den schwachen Testspielen gegen Österreich und Saudi-Arabien.

Dass es zuvor schon in vier Spielen gegen die großen Nationen England, Frankreich, Spanien und Brasilien keinen Sieg gab und vor allem die Defensivarbeit bisweilen alarmierend war, wurde überheblich ausgeblendet.

Die Kaderzusammenstellung hatte ebenfalls Schwachpunkte, die bei der WM überdeutlich wurden. Gerade Sandro Wagner oder Nils Petersen hätten in allen Spielen als Joker geholfen. Nach Sebastian Rudys Ausfall fehlte zudem ein dringend benötigter, echter defensiver Mittelfeldspieler.

Die intern heftig diskutierte Quartier-Wahl erfolgte mit Blick auf ein mögliches Halbfinale und Finale in Moskau. Und auch der körperliche Zustand manches Leistungsträgers wirkt, als wäre die Trainingssteuerung darauf ausgerichtet gewesen, erst Anfang Juli zu Beginn der K.o.-Phase topfit zu sein.

So signalisierte man meiner Ansicht nach dem Team, dass die Gruppe nicht unbedingt ernst genommen werden muss. Körperliche Fitness und mentale Stärke habe ich jedenfalls nicht gesehen, gerade in den Spielen gegen laufstarke Mexikaner und Südkoreaner.

Ein Weiter so kann es jetzt auf keinen Fall geben. Ein echter Neuanfang muss her und zwar ohne das Gros der Weltmeister von 2014. Ab sofort muss eine neue goldene Generation aufgebaut werden.

Einige Enttäuschte werden jetzt nach der Entlassung von Joachim Löw rufen. Das wäre meiner Meinung nach aber falsch. Ein schwaches Turnier darf nicht vergessen machen, wie weit dieser Trainer die deutsche Mannschaft in den vergangenen 14 Jahren in ihrer Entwicklung nach vorne gebracht hat. 

Der DFB hat den Vertrag mit Löw vor dem Turnier bewusst verlängert, um einen ohnehin nötigen Umbruch einzuleiten.

Für mich ist er jetzt genau der Richtige dafür - Löw soll die Gelegenheit bekommen, den Imageschaden zu reparieren und etwas Neues aufzubauen. 

Ein freiwilliger Rücktritt Löws ist zwar nicht ausgeschlossen, hilft aber in dieser prekären Situation niemandem. Eine neue Zeitrechnung hat ab sofort im deutschen Fußball begonnen - mit Joachim Löw. Für mich ist das die beste und einzig echte Aussicht auf bessere Zeiten im Nationalteam!