Moskau - Nach der historischen Katastrophe von Kasan lässt Joachim Löw seine Zukunft noch offen. SPORT1 erklärt, was sich im Falle eines Löw-Verbleibs alles ändern muss.

von Florian Plettenberg , Jochen Stutzky , Onur Özdamar

Nach ein paar Tagen Bedenkzeit soll in der kommenden Woche eine Entscheidung über die Zukunft von Joachim Löw verkündet werden. Bleibt er trotz des historischen WM-Debakels Bundestrainer, oder tritt er zurück? Löw, dessen Vertrag eigentlich bis 2022 läuft, entscheidet somit selbst über seine Zukunft beim DFB und kündigte an: "Es müssen wichtige Maßnahmen ergriffen werden. Es braucht tiefgehende Maßnahmen und Veränderungen."

SPORT1 erklärt, was sich im Falle eines Löw-Verbleibs alles ändern muss.

 - Knallhart-Trennungen müssen her

Das Katastrophen-Aus als Tabellenletzter hat vor allem gezeigt, dass sich etliche Nationalspieler nicht mehr zu Höchstleistungen pushen können. Ex-Weltmeister wie Mesut Özil, Sami Khedira, Toni Kroos, Thomas Müller und altverdiente Nationalspieler wie Mario Gomez wirkten in Russland satt, nicht fit und überspielt. In ihrer aktuellen Form haben sie fortan keine Berechtigung mehr, nominiert zu werden.

Stellen sie für sich in den kommenden Wochen fest, auch fortan nicht den Hunger zu entwickeln, den diese Mannschaft dringend benötigt, müssen sie zurücktreten.

- Oliver Bierhoff hinterfragen

"Die sportliche Leitung wird der Führung in der kommenden Woche eine erste sportliche Analyse vorlegen", kündigte DFB-Boss Reinhard Grindel an. Mit dieser Hausaufgabe wird vor allem Oliver Bierhoff beschäftigt sein, wenngleich der Team-Manager selbst etliche seiner Entscheidungen hinterfragen muss.

War es richtig, nur aufgrund der vermeintlich besseren Logistik auf das Trostlos-Quartier im Moskauer Vorort Vatutinki zu setzen? Eine Entscheidung, die sogar nachhaltig zum Zwist mit Löw führte und deren bisweilen vertrautes Verhältnis störte.

Zudem muss sich Bierhoff die Frage gefallen lassen, ob er den Spielern nicht zu viel Komfortzone ermöglichte. So wurden Besuche von Freundinnen und Frauen samt Kindern nach den Spieltagen gestattet. Einige Spielerfrauen waren auch im Teamhotel in Sotschi dabei. Etliche Spieler ließen sich ihren Stamm-Friseur einfliegen und sich die Haare schneiden. Ein Spieler soll sogar einen Kosmetiker bestellt haben.

Zudem verzichtete der DFB auf ein zusammenschweißendes Team-Event, den die Mannschaft gebraucht hätte. Bierhoff muss sich zudem fragen, für was der DFB zukünftig stehen will. Er selbst verfällt immer mehr in Silicon-Valley-Spreche, sieht den DFB vor allem mit den Herausforderungen der zunehmenden Digitalisierung konfrontiert. Bierhoff sprach im DFB-Quartier über die Umwandlung von "Big Data" in "Smart Data".

Er sei davon überzeugt, dass künstliche Intelligenz immer mehr den Einzug in den Fußball bekommen wird. Fakt ist: Digitalisierung ersetzt keine Leidenschaft, keine Ordnung und Identität. Das alles ist unter der Regie von Bierhoff in den letzten Monaten deutlich abhandengekommen.

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- Zurück zu mehr Identität

Der DFB muss dringend sein Marketing-Konzept überdenken. In die WM 2018 startete "Die Mannschaft" (so bezeichnet sich die DFB-Elf seit dem WM-Titel 2014) mit einem Leitsatz in Form eines kryptischen Hashtags: #zsmmn (zusammen). Die DFB-Auswahl demonstrierte eben jenen Zusammenhalt aber weder im Trainingslager, noch hatte man in Russland das Gefühl, dass das Team eine verschworene Gemeinschaft war – auch nicht mit den Fans, von denen man sich immer mehr distanziert.

Kolumbianer, Mexikaner, Schweden, Spanier und Brasilianer haben allesamt eine viel emotionalere Verbindung zu ihrer Nationalmannschaft als die deutschen Fans. Dafür tat der DFB aber auch einiges: In Südtirol gestattete man den täglich wartenden Fans nicht ein öffentliches Training. Autogramme und Selfies der Spieler waren nur schwerlich zu ergattern. Ebenso wie bei der Ankunft in Kasan, als lediglich und wie so oft nur Mats Hummels und Joshua Kimmich freiwillig Autogramme an die Zaungäste verteilten.

Bei der Landung in Frankfurt am Donnerstag ließ man die Fans vollkommen verlassen zurück. Zudem entwickelte man mit Sponsor Mercedes den WM-Slogan "Best Never Rest" (die Besten ruhen sich nie aus). In und um die Nationalmannschaft war teilweise mehr Kommerz zu spüren, als gelebte Werte. Kurzum: Der Auftritt der Nationalmannschaft wirkt überinszeniert und künstlich.

- Neuausrichtung in den Akademien 

"Die Kinder müssen abspielen, sie dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren. Sie bekommen auch nicht mehr die richtigen Hinweise, warum ein Pass oder ein Dribbling nicht gelingt", kritisierte Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl erst im Dezember die Trainerausbildung des DFB.

Scholl erntete seinerzeit viel Kritik, mit den aktuellen Erkenntnissen jedoch dürfte er sich bestätigt fühlen. Was im deutschen Kader in Russland fehlte, waren Spieler, die gegen tiefstehende Gegner den unbedingten Willen haben, in Dribblings zu gehen, um dann den Zug zum Tor oder zur Grundlinie zu suchen. Lediglich Timo Werner, sowie Marco Reus und Julian Brandt in Ansätzen trauten sich mal Eins-gegen-Eins-Situationen zu.

Leroy Sane, dem eben diese Stärken zugesprochen wurden, wurde von Löw gestrichen. Ebenso gibt es einen Mangel an hochqualifizierten und gelernten Außenverteidigern.

- Analysen in Frage stellen

Die deutsche Elf ließ sich taktisch von aggressiv anlaufenden Mexikanern überraschen, man fand lange Zeit kein Rezept gegen tiefstehende Schweden und selbst gegen die flinken Südkoreaner fand der Ex-Weltmeister kein probates Mittel.

"So haben wir die Mexikaner bislang in keinem Spiel gesehen. Wir haben keine richtige Lösung in der ersten Halbzeit gefunden. Die Mexikaner waren flinker und aggressiver", musste Team-Manager Oliver Bierhoff nach der Mexiko-Pleite einräumen. Und auch Löw gab zu, dass man nicht erwartet habe, dass die Südamerikaner die deutsche Elf derart früh anlaufen.

Trotz vermeintlicher informativer und modernster Analyse-Tools hat es die DFB-Elf also nicht geschafft, sich perfekt auf den Gegner einzustellen – geschweige denn anzupassen. Viel zu lange hielt die Löw-Elf in den Gruppenspielen an Plan A fest, anstatt sich taktisch frühzeitig am Gegner zu orientieren.

Bleibt Löw im Amt, müssen auch die Co-Trainer Marcus Sorg und Thomas Schneider hinterfragt werden. Sorg gilt als guter Taktiker, ist im Team ebenso beliebt wie Schneider. Beides sind ruhige, analytische Typen, übernehmen große Teile der Trainingsgestaltung. Taktisch weiterentwickelt hat sich die Mannschaft mit ihnen jedoch nicht, im Gegenteil.

Die deutsche Elf ist ausrechenbarer denn je. Daran änderte auch Sorg nichts, der während der Spiele mit einem Headset auf der Tribüne saß und seine Erkenntnisse auf die Trainerbank durchgab.

- Löw braucht einen Reformer von außen

Löw ist mittlerweile seit 14 Jahren beim DFB, länger als Angela Merkel Kanzlerin ist. Keine günstige Ausgangsposition, um jetzt den großen Umkrempler zu geben.

Wenn Löw bleibt, braucht er einen neuen, unbefangenen Impulsgeber von außen, der festgefahrene Strukturen in Frage stellt. Matthias Sammer spielte diese Rolle einst beim DFB und beim FC Bayern und jetzt beim BVB, theoretisch könnte er auch dem Verband wieder helfen.

Ein anderer Kandidat: Philipp Lahm, der in der Öffentlichkeit zwar nicht den Ruf als Klartext-Sprecher hat, hinter den Kulissen aber als kluger Kopf gilt, der sehr wohl den Finger in die Wunde legt - und ein besseres Standing hat als ein Effenberg, Scholl oder Matthäus.

Ein Job als DFB-Reformer würde auch zu Lahm passen.