Andre Schürrle geht in der Premier League für den FC Chelsea auf Torejagd
Andre Schürrle geht in der Premier League für den FC Chelsea auf Torejagd © Getty Images
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Belo Horizonte - Die unglaubliche Gala gegen Brasilien ist ein Sieg für die Geschichtsbücher. Dennoch herrscht keine Euphorie. Im Finale wird es schwerer, glaubt nicht nur Löw.

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Als die historische Vorführung zu Ende war, ließen sich die Brasilianer auf den Rasen fallen. Die deutschen Spieler umarmten sich, klatschten sich ab und liefen in die Fankurve.

Sie hatten gerade etwas Unglaubliches geschafft. Sie hatten Geschichte geschrieben.

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"Wenn man Brasilien zuhause in einem WM-Halbfinale schlägt und das auf diese Art und Weise, ist das historisch", sagte Mats Hummels.

"Fußball vom anderen Stern"

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sprach sogar von einem "historischen Tag für den deutschen Fußball und den Fußball in der Welt".

Das 7:1 (5:0) gegen den WM-Gastgeber war in jedem Fall von einer bisher nicht dagewesenen Dimension.

"Es ist eine unglaubliche Leistung, mit Worten gar nicht auszudrücken", meinte Niersbach überschwänglich: "Das war Fußball von einem anderen Stern. Sensationell reicht nicht, auch märchenhaft ist zu schwach."

Surreale erste Halbzeit

Vor allem die erste Halbzeit war fast schon surreal.

"Ich hatte den einen oder anderen Moment, in dem ich gedachte habe: 'Bitte lass das jetzt nicht einen schönen Traum sein'", berichtete Hummels: "Es ist tatsächlich so, dass es zwischendurch fast schon zu gut lief."

Auch die Spieler, die auf der Bank saßen, konnten nicht begreifen, was sich vor allem zwischen der 23. und 29. Minute auf dem Rasen des Estadio Mineirao in Belo Horizonte abgespielt hatte.

Vier Tore in sechs Minuten: "Was passiert den hier?"

Nach dem 1:0 durch Thomas Müller erhöhte Miroslav Klose in der 23. Minute auf 2:0. Es folgten ein Doppelpack von Toni Kroos (24./26.) und das 5:0 durch Sami Khedira (29.).

"Wir haben uns angeschaut, konnten es nicht glauben und haben uns gefragt: Was passiert hier?", sagte Andre Schürrle, der nach seiner Einwechslung in der zweiten Halbzeit zwei Tore erzielt hatte.

"Wir haben in diesen Minuten jeden Pass richtig gespielt. Es war fantastisch, wie wir vor dem zweiten und vierten Tor noch einmal quergelegt haben. Chapeau, darauf kommen nicht viele, die Tore so zu machen", lobte Hummels seine Teamkollegen.

Dennoch versuchte niemand, den ohnehin schon gedemütigten Gegner vorzuführen.

Stehende Ovationen der brasilianischen Fans

"Es war für uns sehr wichtig, dass wir nicht irgendwelche Faxen machen oder Zaubertricks versuchen, sondern seriös zu spielen", betonte Hummels: "Wir wissen ganz genau, dass so etwas jeder Mannschaft passieren kann."

"Wir haben es seriös zu Ende gespielt und noch zwei Tore gemacht", sagte Schürrle. Nach seinem 7:0 war der Großteil der brasilianischen Zuschauer aufgestanden und hatte der deutschen Mannschaft applaudiert.

"Das spielt keine große Rolle, aber es zeigt die Anerkennung, dass wir ein fantastisches Spiel gemacht haben", meinte Schürrle.

Klose übertrumpft Ronaldo und Cafu

Ganz besondere Anerkennung verdiente sich Miroslav Klose.

Durch seinen 16. Treffer ist der 36-Jährige nun alleiniger WM-Torschützenkönig vor Ronaldo. Nebenbei übernahm er auch die alleinige Führung bei der Anzahl der gewonnenen WM-Spiele (17) vor Brasiliens Cafu (16).

"Der Rekord bedeutet uns allen wahnsinnig viel. Es ist eine ganz überragende Leistung von Miro", sagte Bundestrainer Joachim Löw, der seine Mannschaft perfekt auf die Partie eingestellt hatte.

Schwächen eiskalt ausgenutzt

Das DFB-Team nutzte die Schwächen der Brasilianer eiskalt aus und erteilte den bemitleidenswerten Gastgebern eine bittere Lehrstunde.

"Es war heute wichtig, dieser Leidenschaft und diesen Emotionen von Brasilien mit Ruhe und Abgeklärtheit zu begegnen, natürlich auch mit Mut und mit unserer eigenen Stärke", meinte Löw.

"Heute hat alles geklappt", sagte Jerome Boateng. "Man hat gesehen, was möglich ist. Jetzt wollen wir Weltmeister werden", betonte der Innenverteidiger.

Glücklich aber nicht euphorisch

"Ich hatte vorher schon ein gutes Gefühl", erzählte Kroos, der zum "Man of the Match" gewählt worden war. Die Stimmung in der Kabine sei gut und gelöst gewesen, berichtete der Mittelfeldspieler, aber "nicht überschwänglich oder euphorisch".

Trotz der historischen Dimension hob niemand ab. "Es ist keine Schwierigkeit, auf dem Teppich zu bleiben", meinte Hummels, der zur Halbzeit wegen einer Sehnenreizung im Knie in der Kabine geblieben war, aber auf seinen Einsatz im Finale hofft.

"Man darf sich nie unbesiegbar fühlen. Ich spüre, dass die Mannschaft auf dem Boden bleibt und geerdet ist", erklärte Löw. "Ich glaube auch zu erkennen, dass diese Mannschaft unbedingt bereit ist, den letzten Schritt zu gehen."