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München - Joachim Löw wird um Jamal Musiala kämpfen - und hat gute Chancen, ihn wirklich zu überzeugen. Der Termin kommt nicht zu spät, kommentiert SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg.

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Es gibt zwei Joachim Löws.

Den öffentlichen, stets bedachten und trotz aller Widrigkeiten respektvollen Bundestrainer. Der ungefähr einmal im Monat eine Woche lang in gleicher Tonlage die Fragen der Nation beantwortet und dem Kritiker vorwerfen, er könne kein Feuer mehr entfachen. 

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Und es gibt den Bundestrainer, der wie zuletzt hinter den Kulissen knallhart ansprechen kann, was ihm nicht passt und der aufgrund seiner Vita und Empathie Spieler für sich und seine Ideen vereinnahmen kann. Über den mir ein langjähriger und aktueller Nationalspieler sagte, dass seine Ansprachen nach wie vor fesselnd seien und zu den besten zählen, die er von diversen Trainern gehört habe.  

Deutschland hofft auf Musiala

Letzteren Löw wird Jamal Musiala bald kennenlernen. Den Bundestrainer kennt der 17-Jährige bislang nur aus dem TV. Als Löw 2014 Weltmeister wurde, war das Supertalent des FC Bayern elf Jahre alt und pendelte im Kindesalter zwischen Stuttgart, Fulda und London hin und her. Er war ein fußballspielender Junge zwischen den Welten. Sein Vater ist Nigerianer, seine Mutter Deutsche. 

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Nun hofft Fußball-Deutschland, dass sich das Supertalent, dieser dribbelstarke und unbeschwerte Hoffnungsträger, für den DFB entscheidet - und nicht für England.  Für beide Länder ist er spielberechtigt. 

Im Februar wird es erstmals zu Gesprächen zwischen Musiala, Löw und Oliver Bierhoff kommen. Je nach Corona-Lage telefonisch oder irgendwo in passendem Ambiente.  

Kommt dieser Termin zu spät? Haben die DFB-Bosse Musiala verpennt? Nein!  

Für Musiala schaltet man den Fernseher ein

Die Tür für Musiala steht auf und um im Bild zu bleiben: Das Supertalent kann sich vorstellen, durchzugehen. Deutschland kann sich berechtigte Hoffnungen auf jenen Spieler machen, der an den jungen und unbeschwerten Mehmet Scholl erinnert. Für den man den Fernseher einschalten würde, weil er tatsächlich für jenen Umbruch stünde, den man beim DFB vollziehen will.  

Löw weiß das und wird Musiala in diesem Gespräch zwei Dinge vermitteln: Wir wollen dich unbedingt! Dein Talent, deine Reife und Lernfähigkeit sind außergewöhnlich!  

Löw und sein Trainerteam studieren Musiala schon lange. Die Drähte zu Hansi Flick sind ohnehin kurz. Die Bayern-Nationalspieler berichten nur Positives. 

Der Bundestrainer und Bierhoff wollen dem Spieler nun einen klaren Weg aufzeigen, wie er innerhalb des DFB-Umbruchs profitieren und sich entwickeln kann.  

Schafft es Musiala sogar zur EM?

Musiala hingegen wird wissen wollen, ab wann mit ihm auf welcher Position geplant wird.

Er dürfte erfahren, dass man ihm beim DFB langfristig im offensiven Mittelfeld sieht, weil seine immensen Qualitäten dort am besten zur Geltung kommen. Er kann aber auch auf dem Flügel wirbeln. Wie bei Flick, der Musiala mittlerweile als einen der ersten Spieler einwechselt, wenn es darum geht, noch einmal Impulse zu setzen oder das Spiel zu kontrollieren. 

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Musiala wird im Februar auch erfahren, dass die Möglichkeit besteht, im März erstmals für die A-Auswahl nominiert zu werden. Ob er es dann sogar zu EM-Überraschung schafft, steht in den Sternen.  

Löw kann nur Überzeugungsarbeit leisten

Ohnehin wären leere Versprechungen an den Spieler völlig falsch. Das haben Löw und Bierhoff auch nicht vor. Noch schlimmer wäre es, würde man Musiala im März nur berufen, damit er sich für Deutschland festspielt und sich die Engländer ärgern.  

Denn am Ende wird es nicht darum gehen, ob Löw mit ihm erst im Februar spricht oder das schon längst hätte tun sollen, weil Englands Nationaltrainer Gareth Southgate Musiala bereits mehrfach angerufen hat. Es darf schon gar nicht darum gehen, welches Land ihn zuerst nominiert.  

Musiala muss auf tiefster Überzeugung die Entscheidung treffen, für welches Land er auflaufen will. Er muss sich hundertprozentig mit Deutschland identifizieren. Oder mit England. Ganz gleich, was ihm Löw und Bierhoff sagen. Soll heißen: Musiala selbst wird gefordert sein, deutliche Signale zu senden.  

Was bringt es Deutschland, wenn er den Adler auf der Brust trägt, mit dem Herzen aber in England ist? Oder anders herum? Nichts! Musiala, dem Hochbegabten, wäre diese Zerrissenheit nicht zu gönnen.  

Deshalb kann Löw nur Überzeugungsarbeit leisten. In einer Art und Weise, die er beherrscht. Überreden kann und wird er Musiala nicht. "Je nachdem, wie seine Entscheidung ausfällt, muss man sie respektieren", sagt Flick. Recht hat er.