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München - Zwischen Manuel Neuer und Marc-Andre ter Stegen läuft der Zweikampf ums DFB-Tor auf Hochtouren. Bei SPORT1 spricht jetzt ein früherer Nationaltorwart.

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Es lief die 55. Minute im Champions-League-Auftaktspiel von Borussia Dortmund gegen den FC Barcelona, als Marc-André ter Stegen den BVB, und vor allem Marco Reus, zur Verzweiflung brachte.

Der Barca-Keeper ahnte die Ecke des Schützen, fuhr seine linke Hand aus und wehrte den Elfmeter ab. Mit stoischer Gelassenheit griff er sich dann die Kugel, die noch immer gefährlich vor dem Kasten tanzte.

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Weil ter Stegen mit weiteren Paraden fast im Alleingang den BVB-Sieg verhinderte, feierte die spanische Presse den Torwart am Mittwoch als "die deutsche Mauer".

Ter Stegen hatte mal wieder seine Klasse gezeigt - umso bemerkenswerter nach den Ereignissen der vergangenen Tage. 

Stein: "Neuer war angreifbar" 

Als "schweren Schlag" hatte der frühere Gladbacher seine Reservisten-Rolle nach der jüngsten Reise zur Nationalmannschaft für die Spiele gegen die Niederlande (2:4) und in Nordirland (2:0) bewertet. Manuel Neuer konterte daraufhin: "Ich bin Mannschaftsspieler und denke immer an das Wohl der Mannschaft. Ich weiß nicht, ob das förderlich ist und uns das hilft. Auch wir Torhüter müssen zusammenhalten."

Einer, der ter Stegen durchaus verstehen kann, ist der frühere Nationaltorwart Uli Stein. Er war Teil eines der berühmtesten deutschen Torwart-Duelle, als es 1986 bei der WM in Mexiko zum Knall zwischen ihm und Teamchef Franz Beckenbauer kam, weil Toni Schumacher den Vorzug im DFB-Tor erhielt.

"Sicherlich ist es berechtigt, dass ter Stegen Ansprüche stellt. Er hat in den vergangenen Jahren hervorragende Leistungen gebracht. Neuer hatte eine schwere Verletzungsphase und danach eine lange Anlaufzeit. Er war in dieser Zeit sicherlich angreifbar, was seine Leistungen betraf. Da hätte ich es mir eigentlich gewünscht, dass ter Stegen Ansprüche stellt. Das hat er aber nicht getan", sagt Stein im Gespräch mit SPORT1.

Jetzt sei das passiert, womit Stein gar nicht mehr gerechnet habe. "Nämlich, dass Neuer, trotz seiner langen Verletzungspause wieder zu alter Stärke zurückgefunden hat. Nun finde ich den Zeitpunkt für ter Stegen unglücklich. Wenn er früher den Finger gehoben hätte, dann hätte ich es verstanden. Jetzt, wo Neuer in einer top Verfassung ist, ist es eigentlich zu spät. Da gibt es keinen Grund für den Bundestrainer, einen Wechsel vorzunehmen."

Das passt ter Stegen natürlich nicht. Er hatte Neuer vor der Partie beim BVB auch zurechtgewiesen. "Ich denke nicht, dass Manu etwas zu meinen Gefühlen sagen und diese bewerten muss. Seine Aussagen sind unpassend", meinte der 27-Jährige. 

"Der direkte Weg ist immer der beste"

Ein klärendes Gespräch zwischen Neuer und ter Stegen hat es noch nicht gegeben. Auf die Frage, ob er in den kommenden Tagen mit ter Stegen telefonieren werde, meinte der Bayern-Kapitän vor dem Gruppenauftakt des Rekordmeisters in der Champions League am Mittwoch (Champions League: FC Bayern München - Roter Stern Belgrad ab 21 Uhr im LIVETICKER) gegen Roter Stern Belgrad:

"Davon gehe ich nicht aus. Ich gehe davon aus, dass wir uns beim nächsten Lehrgang sehen und ganz normal miteinander reden. Da ist alles in Ordnung." Angesprochen auf das Verhältnis zum Barca-Keeper, meinte Neuer: "Wir haben ein gutes Verhältnis. Es geht um unsere Mannschaft. Um alles andere geht es nicht. Ich bin ein totaler Teamplayer."

Stein befürchtet, dass aber doch etwas hängenbleiben könnte. "Die aktuellen Vorfälle tragen natürlich nicht dazu bei, dass das Verhältnis zwischen den beiden besser geworden ist. Egal, ob Neuer jetzt dazu nichts mehr sagen will, was auch nicht so gut ist. Er muss ter Stegen doch verstehen."

Wie die Sport Bild nun berichtet, soll Neuer über einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft nach der EM im kommenden Jahr nachdenken.

Bundestrainer Joachim Löw meinte zu dem Duell der beiden Weltklasse-Keeper in der Bild: "Wir alle können uns doch nur freuen, mit Manuel Neuer und Marc-Andre ter Stegen zwei Weltklassetorhüter zu haben. Auch Kevin Trapp und Bernd Leno sind zu außergewöhnlichen Leistungen in der Lage."

Löw erneuerte indes seine Zusage, "dass auch Marc seine Chancen bei uns bekommen wird". 

Stein nimmt Löw in die Pflicht

Stein erinnert Löw an dieses Versprechen. "Er muss es einhalten", stellte der frühere Keeper klar. "Das ist doch nur legitim. Es macht einfach Sinn, ter Stegen Einsätze zu geben. Er hat es aufgrund seiner Leistungen absolut verdient. Wenn man sich so weit aus dem Fenster lehnt und jemanden Einsätze verspricht, dann sollte man sie ihm auch zukommen lassen."

Droht eine Situation entstanden wie bei der Weltmeisterschaft in Mexiko 1986, als es zwischen Stein und Toni Schumacher zu einer ähnlichen Konstellation kam?

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"Das kann man nicht miteinander vergleichen. Wir waren nicht gleich stark, sondern ich war zu diesem Zeitpunkt einfach der bessere Torwart. Ich habe deshalb auch irgendwann Ansprüche angemeldet. Franz Beckenbauer (der damalige DFB-Teamchef, d. Red.) hat mir das damals bestätigt. Den einen Satz von ihm werde ich nie vergessen: 'Uli, du bist der Bessere, aber du kannst hier nicht spielen.' An der Leistung hat es jedenfalls nicht gelegen, dass ich bei ihm nicht im Tor stand."

Stein gibt ter Stegen einen Rat: "Er soll bloß nicht versuchen, irgendjemanden zu kopieren, dafür gibt es gar keinen Grund. Er ist ein super Torhüter und hat im Endeffekt nichts Verwerfliches getan, außer das zu fordern, was ihm der Bundestrainer versprochen hat. Ich finde die ganze Aufregung darüber etwas unverständlich."