München - Das Länderspieljahr 2018 geht als einzige Enttäuschung in die deutsche Fußballgeschichte ein. SPORT1 nennt fünf Gründe, die Hoffnung auf Besserung machen.

von Johannes Fischer , Florian Plettenberg

Es passte irgendwie ins Bild: Trotz einer scheinbar beruhigenden 2:0-Führung im abschließenden Nations-Cup-Spiel gegen die Niederlande verspielte die DFB-Elf den Sieg noch in den letzten Minuten.

Am Ende hieß es 2:2 gegen den Erzrivalen - es war die schlechte Schlusspointe eines für die DFB-Elf grauenvollen Fußballjahres 2018. (SPORT1-Kolumne: Tim Wiese sieht für Deutschland schwarz)

Wer jedoch gesehen hat, wie Serge Gnabry, Leroy Sane und Timo Werner in den ersten 75 Minuten wirbelten, darf zumindest darauf hoffen, dass der Tiefpunkt bereits unterschritten ist.

"2019 und 2020 kann kommen wer will, es wird ein anderes Deutschland geben als 2018", versprach Timo Werner nach der Partie.

SPORT1 nennt fünf Gründe, die Hoffnung auf Besserung machen.

Drei Mopeds für die Offensive

Die spanische Sportzeitung AS brachte es auf den Punkt: "Auf dem Spielfeld der Schalker Veltins Arena sah man eine Mannschaft, die Hoffnungen für die Zukunft weckt. Angeführt von dem modernen Dreizack aus Leroy Sane, Serge Gnabry und Timo Werner setzte die Mannschaft einmal mehr auf ihr vertikales Spiel im Angriff und übertraf Oranje im Dortmunder Stil."

In der Tat: Was das deutsche Offensivtrio über weite Strecken veranstaltete, erinnerte an Lucien Favres derzeitigen Turbo-BVB. Einmal in Fahrt, waren die deutschen "Mopeds" für die hochgelobte Oranje-Abwehr kaum zu stoppen.

"Unsere größte Stärke ist vergleichbar: die Schnelligkeit", erklärt Werner. "Ansonsten haben wir unterschiedliche Stärken. Deswegen passen wir auch so gut zueinander. Jeder bringt etwas anderes ein."

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Während Werner der geradlinigere Spieler ist, haben Gnabry und vor allem Sane ihre Stärken im Dribbling. Der City-Flitzer ist außerdem der einzige Linksfuß des Trios.

Schon bei der 1:2-Niederlage in Frankreich und beim 3:0-Sieg gegen Russland zeigten die drei Jungstars auf, dass mit ihnen künftig zu rechnen sein wird - und es frühere Leistungsträger wie Thomas Müller schwer haben werden.

Dennoch lobt der Bayern-Star, der am Montag bei seinem 100. Länderspiel eingewechselt wurde, seine Teamkollegen über den grünen Klee. "Wenn wir die Drei gegen Gegner ins Umschaltspiel reinbekommen, die auch fußballerisch was zeigen wollen und Lücken hinterlassen, dann sind sie wahnsinnig schnell mit ihrem Tempo. So können wir dem Gegner auch wehtun."

Löw erreicht die Spieler

Die öffentlichen Diskussionen, die nach der WM-Blamage hierzulande aufkamen, und vor denen auch der Bundestrainer nicht verschont blieb, fanden unter den Nationalspielern nicht statt - jedenfalls nicht die Zukunft von Löw betreffend.  

Dass der Bundestrainer seinen Posten räumen könnte, war nie ein Thema bei den DFB-Kickern, egal wo man hinhörte. Selbst Leroy Sane, den Löw vor dem WM-Turnier überraschend ausgebootet hatte, machte sich uneingeschränkt für seinen Chef stark.

"Jeder kann sehen, dass Jogi einen Plan hat und dass wir es sehr gut umsetzen. Wir sind alle hochmotiviert, wieder stärker zurückzukommen", sagte Sane in Gelsenkirchen. Müller pflichtet bei: "Die Mannschaft hat Spielfreude, hält zusammen und steht zueinander. Wir freuen uns füreinander und beherzigen all das, was vielleicht ein bisschen gefehlt hat." 

Löw, der nach dem Vorrunden-Aus selbst ins Grübeln gekommen war, hat mit der Verjüngungskur ein neues Projekt auf den Weg gebracht. Auch wenn es die Ergebnisse noch nicht hergeben: Die damit einhergehenden Fortschritte haben die Stimmung beim Bundestrainer und den Spielern wieder gehoben.

Das deutsche Herzstück

Joshua Kimmich und Toni Kroos bildeten am Montag das zentrale Mittelfeld der deutschen Elf und überzeugten über weite Strecken des Spiels. Vier Tage zuvor hatte Kroos noch pausiert und Kai Havertz den Platz überlassen - auch das funktionierte.

Leverkusens Youngster, der beim kriselnden Werksklub trotz seiner 19 Jahre schon Verantwortung übernehmen muss, bekam von Löw sogar ein Sonderlob: "Seine Entwicklung ist auffällig gut. Für sein Alter ist er schon sehr weit. Ich kann mir gut vorstellen, dass er in den nächsten Jahren eine Schlüsselrolle spielen kann."

Dass auch Kimmich künftig im Mittelfeld gesetzt sein wird und nur in Ausnahmefällen auf die rechte Abwehrseite zurückkehrt - davon kann man ausgehen. Positiv sieht die Umstellung nicht nur Kimmich selbst, sondern auch Nebenmann Kroos. 

"Ich habe mich über die Umstellung von Kimmich extrem gefreut, weil er ein Spieler ist, der für die Position prädestiniert ist, da er alles vereint", schwärmt der Real-Star. "Er hat die Zweikampfführung für diese Position und auch das Spielverständnis. Deswegen ergänzen wir uns so gut und es macht Spaß, mit ihm da zu spielen." 

Auch Ilkay Gündogan, der gegen Russland und die Niederlande nicht im Kader stand, gehört zu den spielstarken Sechsern. Sicher ist jetzt schon: Das Herzstück im deutschen Mittelfeld bleibt auf längere Sicht gesund.

Mixtur gefunden

In den ersten Spielen nach der verkorksten WM hatte Löw noch an seiner Weltmeister-Achse mit Jerome Boateng und Thomas Müller festgehalten und den Verjüngungsprozess nicht radikal genug angeschoben. 

Das rächte sich unter anderem beim 0:3 im Nations-Cup-Hinspiel gegen die Niederlande, als Oranjes Jungstars die deutsche Mannschaft auskonterten.  

Den Strategiewechsel hin zu einer Runderneuerung vollzog der Bundestrainer erst im anschließenden Spiel gegen Frankreich, das trotz der 1:2-Niederlage große Fortschritte erkennen ließ. "Man hat gesehen, was möglich ist und wie wir Fußball spielen können, auch mit der veränderten Mannschaft. Wir sind auf einem guten Weg", sagt mit Thomas Müller einer der verbliebenen Weltmeister von 2014.

Mittlerweile scheint die Mischung im Team zwischen den jungen Wilden und den erfahrenen Spielern zu stimmen. Manuel Neuer, Mats Hummels und Toni Kroos als Leader im Spiel gegen die Niederlande - das passte.

"Unser Kader in der Breite ist so aufgestellt, dass wir die richtige Mischung finden", sagt Löw. "Es ist weiter der Zeitpunkt, dass wir den jungen Spielern die Möglichkeit geben, Erfahrungen zu sammeln. Wir brauchen aber auch drei, vier Stützen. Nur junge oder nur alte Spieler werden nicht zum Erfolg führen. Die Mischung macht's."

Die Jugend drängt nach

Ein Nachwuchsproblem scheint der DFB auch künftig nicht zu haben.

Wer sich die Erfolge der deutschen U21 ansieht, kann regelrecht ins Schwärmen kommen. Die Mannschaft von Trainer Stefan Kuntz beendete das Kalenderjahr mit einem 2:1-Sieg in Italien ohne Niederlage. 

Nicht nur Dortmunds Mo Dahoud, Gladbachs Florian Neuhaus oder Herthas Arne Maier dürften früher oder später in den A-Kader nachrücken. 

Zwei Problemzonen gibt es gleichwohl in allen Altersklassen: Die linke Abwehrseite und der Mittelstürmer bleiben die beiden neuralgischen Positionen im DFB-Team. Da dort seit geraumer Zeit der Hebel in den Nachwuchsleistungszentren angesetzt wurde, bleibt die Hoffnung, dass die DFB-Elf zumindest mittelfristig wieder in die Weltklasse vorstoßen wird.

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