Gelsenkirchen - Joshua Kimmich ist auf dem Weg zum Führungsspieler und bewirbt sich für höhere Aufgaben. Löw schwärmt vom Dauerbrenner und erklärt, was ihm zum echten Leader noch fehlt.

von Florian Plettenberg , Jochen Stutzky

Lothar Matthäus, Oliver Kahn, Michael Ballack, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Manuel Neuer: Sie waren nicht nur allesamt Spielführer beim FC Bayern – sie trugen in den vergangenen 30 Jahren auch allesamt die Kapitänsbinde in der deutschen Nationalmannschaft.

Schickt sich Joshua Kimmich, Leistungsträger und einer der Wortführer beim Rekordmeister und im DFB-Team, nun ebenfalls an, in absehbarer Zeit die Binde(n) zu übernehmen?

"Soweit denke ich noch nicht. Für mich ist es wichtig, mit Leistung voranzugehen. Das ist, neben dem Umgang mit den Mitspielern, die Basis, wenn man Führungsspieler werden möchte", erklärt Kimmich auf SPORT1-Nachfrage.

Probleme klar anzusprechen, Missstände zu hinterfragen, Mitspieler aber auch mal über den grünen Klee zu loben, gehört zu seiner DNA. Genau das hört man auch aus seinem Umfeld. 

Der 23-Jährige will nach vorne kommen und Verantwortung übernehmen. Er macht aber auch deutlich, dass es "nicht immer darum geht, die Dinge offen anzusprechen, nur damit man in der Öffentlichkeit gut dasteht". Sein Credo: "Die Dinge müssen auch Hand und Fuß haben, sonst wird man in der Kabine nicht mehr ernstgenommen." 

Dauerbrenner in allen Teams

Was ihm und seinem Standing zum Vorteil gereicht, ist seine Konstanz. Kimmich ist sowohl bei den Bayern als auch in der DFB-Auswahl ein Dauerbrenner. Beim Rekordmeister verpasste er in dieser Saison in der Bundesliga und in der Champions League nicht eine Minute Spielzeit. 

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Auch sein DFB-Pensum ist beeindruckend: Von 42 Länderspielen seit seinem Debüt im Mai 2016 verpasste er nur vier, stand in 38 Partien immer in der Startelf und versäumte lediglich 24 Spielminuten, weil er zweimal ausgewechselt wurde.

Joachim Löw registriert den Werdegang von Kimmich, sportlich wie menschlich. Der Bundestrainer erfüllte ihm unlängst sogar seinen Wunsch nach seiner favorisierten Position im defensiven Mittelfeld. Bei den Bayern ist Kimmich vorerst weiter als Rechtsverteidiger eingeplant. 

"Er ist für sein Alter auf dem Platz schon sehr weit, aber auch neben dem Platz. Er ist extrem wissbegierig, professionell und ehrgeizig", beschreibt ihn Löw. "Er macht sich wahnsinnig viele Gedanken, tauscht sich gerne aus, will immer Feedback und sich ständig verbessern. Es macht Spaß, sich mit ihm auszutauschen."

"Kimmich ist auf dem Weg zum Führungsspieler"

Der Bundestrainer macht aber auch deutlich, dass der Weg zum Führungsspieler ein langer sein wird: "Aus Erfahrung weiß ich: Bis jemand mal eine Führungsrolle vor allem in der Nationalmannschaft oder bei einem Topverein wie Bayern hat, braucht es ein paar Jahre an Erfahrung."

Auf einer Ebene mit den Arrivierten Manuel Neuer, Mats Hummels, Thomas Müller oder Toni Kroos sieht Löw Kimmich noch nicht. "Mit 23 kann man das von einem Spieler nicht erwarten. Aber manche Spieler - da zählt auch Jo dazu - sind schon auf dem Weg dahin. Er ist jemand, der aufgrund seiner Art Einfluss auf die anderen Spieler hat."

Vor allem auf die zahlreichen Nationalspieler des Jahrgangs 1995 und 1996, von denen allein neun Spieler gegen Russland (3:0) zum Einsatz kamen.

"Von ihnen bin ich am längsten dabei und habe die meisten Länderspiele gemacht", erklärt Kimmich. "Somit ist es auch mein Anspruch, ein bisschen voranzugehen und auch Verantwortung zu übernehmen. Alles andere wird sich irgendwann herauskristallisieren, in welche Richtung das dann gehen wird.”

Kimmich lernt Spanisch

Um weiter vorangehen zu können, setzt Kimmich (Abitur mit 1,7) auch auf seine verbalen Fähigkeiten. Privat ist er dabei, neben seinen guten Englisch-Kenntnissen und seinem Schul-Französisch auch Spanisch zu lernen. Allein bei den Bayern tummeln sich mit James Rodriguez, Javi Martinez und Thiago drei Spieler, die Spanisch sprechen. Rafinha und Renato Sanches sprechen Portugiesisch, aber verstehen Spanisch. Kommunikation als ein Teil von Führung, für Kimmich ein wichtiges Element.

Nach einem für ihn intensiven Jahr 2018 und einer enttäuschenden WM in Russland, bei der er selbst hinter seinen Möglichkeiten blieb, verpassten es Kimmich und Co., das DFB-Jahr mit einem Sieg gegen die Niederlande abzuschließen.

Beim 2:2 gegen Oranje lief der in Rottweil geborene Schwabe erneut im defensiven Mittelfeld auf, dieses Mal an der Seite von Toni Kroos. Einem Spieler, zu dem Kimmich aufschaut und in dessen Fußstapfen er fast zwangsläufig über kurz oder lang treten wird. Wenn er seinem Anspruch treu bleibt: "Vorangehen und Verantwortung übernehmen."

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