Joachim Löw bestreitet am Samstag sein 168. Länderspiel und setzt sich die Krone als Rekord-Bundestrainer auf. Damit überholt er sogar den legendären Sepp Herberger.

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Für einen Blick in die Geschichtsbücher hat Joachim Löw keine Zeit. Vor den Schlüsselspielen in der Nations League in den Niederlanden und in Frankreich grübelt der Bundestrainer über Taktik und Personal.

Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit würde Löw vermutlich ohnehin nur verwirren. Dass er erst am Samstag (Nations League: Niederlande - Deutschland, 13. Oktober, ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) in Amsterdam den legendären Sepp Herberger überholt und mit 168 Länderspielen zum alleinigen Rekord-Bundestrainer aufsteigt, ist nicht richtig.

Die Rekord-Bundestrainer zum Durchklicken:

Die offiziellen Zahlen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sind falsch: Löw ist schon längst die Nummer eins.

Der DFB führt Herberger mit 167 Länderspielen (94 Siege, 27 Unentschieden, 46 Niederlagen), doch an dieser Zählweise gibt es Zweifel. Die Herberger-Biografen Jürgen Leinemann und Karl-Heinz Schwarz-Pich sowie Fußball-Historiker Udo Muras haben Bedenken angemeldet.

Der Fehler hänge "mit den Wirren um die Ablösung von Herbergers Vorgänger, dem ersten Reichstrainer Otto Nerz, im Olympia-Jahr 1936 zusammen", schrieb Muras schon 2016. Herberger habe die Nationalmannschaft nur in 162 Länderspielen betreut, von denen 92 gewonnen wurden (26 Unentschieden, 44 Niederlagen).

Jogi Löw schon länger Nummer 1

Löw hätte den Weltmeistercoach von 1954 demnach schon mit seinem 163. Länderspiel abgelöst - dem 0:1 zum WM-Auftakt gegen Mexiko. Ob Herbergers 162 Länderspiele stimmen, ist aber auch nicht sicher bewiesen. Herberger machte selber immer unterschiedliche Angaben. 

Löw, der bisher 109 Siege bei 31 Unentschieden und 27 Niederlagen feierte, interessieren diese Zahlenspiele ohnehin nicht sonderlich: "Solche Statistiken sind für mich nicht relevant. Es spielt für mich eine eher untergeordnete Rolle."

Für die Fußball-Historiker ist Herbergers Länderspiel-Anzahl als Bundestrainer aber schon interessant. Das Ende von Reichstrainer Nerz kam nach offizieller Darstellung nach dem Olympia-Aus in Berlin beim 0:2 gegen Norwegen. Tatsächlich war Herberger beim nächsten Spiel am 13. September in Polen (1:1) als "Betreuer" der Mannschaft dabei.

Doch schon zwei Wochen später saß Nerz in Prag (2:1 gegen die Tschechoslowakei) wieder auf der deutschen Bank - und auch Herberger wusste nichts von seiner angeblichen Ernennung zum Chef. Das bringt er in einem Schreiben an Nerz zum Ausdruck, aus dem Biograf Leinemann zitiert. "Ich habe keine Ahnung, was eigentlich los ist", schreibt er da.

Ob Herberger nun bereits im November 1936 in Berlin beim 2:2 gegen Italien seinen offiziellen Einstand als Erbe des dann endgültig ausgeschiedenen Nerz gab, oder das Amt erst 1937 übernahm, ist unklar. Selbst der DFB hält eine eingehende wissenschaftliche Prüfung der Geschichte für "wünschenswert". Gut, dass Löw für einen Blick in die Geschichtsbücher ohnehin keine Zeit hat.