München - Nach dem WM-Desaster wollen die DFB-Verantwortlichen wieder mehr Nähe zwischen Spielern und Fans zulassen. SPORT1 überprüft, ob das Versprechen umgesetzt wird.

Wiedergutmachung war das große Thema bei den ersten beiden Länderspielen nach dem WM-Debakel.

Ums Sportliche ging es dabei nicht nur, als Deutschland am Donnerstag auf Weltmeister Frankreich (0:0) und am Sonntag auf Peru (2:1) traf. Es ging auch um ein größeres Ganzes.

Nach dem Vorrunden-Aus in Russland war der Nationalmannschaft nicht nur die Leistung auf dem Platz, sondern auch eine Entfremdung von den Fans vorgeworfen worden.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff gelobte Besserung und verprach, "Nahbarkeit und Bodenständigkeit wieder zu intensivieren. Wir müssen wieder Nähe aufbauen."

War davon schon etwas zu bemerken? SPORT1 erklärt, was sich im Umgang mit den Fans schon geändert hat und was nicht.

- Fan-Kontakt: 

Vor dem Frankreich-Spiel setzte die Mannschaft ein Zeichen, das sie beim WM-Trainingslager in Südtirol nicht gesetzt hatte: Bei der Ankunft des Teams im Münchener Hilton-Hotel am Tucherpark nahmen sich Löw und fast alle Spieler Zeit für Autogramme und Selfies mit den Fans, vor allem Ilkay Gündogan und Julian Draxler blieben lange.

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Ähnliches Bild vor dem Teamhotel in Heidelberg, wo Hunderte Autogramm- und Selfiejäger fette Beute machten. Auch Bierhoff war sichtlich bemüht, ins Gespräch mit den Fans zu kommen.  

Nach dem 2:1-Sieg in Sinsheim gegen Peru war zudem auffällig, dass die Spieler nach dem Abpfiff geschlossen alle vier Tribünenseiten abliefen, um sich für die Unterstützung zu bedanken. 

"Fannähe heißt für mich in erster Linie öffentliches Training, näher an die Fans ran. Autogramme geben, Selfies. Das ist alles jetzt gemacht worden in den beiden Spielen", zeigte sich DFB-Präsident Reinhard Grindel zufrieden. 

- Öffentliches Training:

Ein großer Kritikpunkt bei der WM-Aufarbeitung: In Südtirol trainierte der DFB nur einmal öffentlich - für 15 Minuten.

Vor den ersten Länderspielen nach dem Russland-Fiasko gab es in dieser Hinsicht noch keine Besserung, ein öffentliches Training fand nicht statt. Organisatorisch zu kurzfristig, hieß es als Begründung. Ob es tatsächlich unmöglich war: fragwürdig.

Zumindest für die Länderspiele im Oktober und November sind öffentliche Einheiten angekündigt. "Drei, vier Tage vor einem Spiel", versprach Löw. 

Wenn das DFB-Team also am 13. Oktober auf die Niederlande in Amsterdam und drei Tage später auf Frankreich in St. Denis trifft, sollte der deutschen Fan die Möglichkeit haben, den Spielern beim Trainieren zuzugucken. 

- Ticketpreise: 

Beim Spiel in München lagen die Kartenpreise zwischen 25 und 100 Euro. Dem Preisniveau also, das seit einigen Jahren bei deutschen Länderspielen und in etwa auch in der Bundesliga üblich ist. Beim Testspiel gegen Peru lag die Höchstgrenze bei 80 Euro, Kinder bis sechs Jahre bezahlten 10 Euro.

Insgesamt drücken die hohen Eintrittspreise für die mittleren Kategorien weiter aufs Gemüt - vor allem, wenn die ganze Familie ins Stadion geht. Die Billigtickets und die hochpreisigen VIP-Tickets sind sowieso schnell ausverkauft. 

"Wenn man zu zweit geht und noch eine Bratwurst und ein Bier dabei sind, liegt man schnell bei 200 Euro. Ich glaube nicht, dass der DFB auf 100.000 Euro angewiesen ist", schimpfte Oberbürgermeister Jörg Albrecht in der Bild.

Die Kartenpreise seien bereits vor der WM festgelegt worden, erklärte Grindel, der für das kommende Länderspieljahr Besserung gelobt. 

"Ich gehe fest davon aus, dass mein Wunsch von der Verwaltung auch umgesetzt wird, dass wir in 2019 uns sehr genau anschauen: Wo sind attraktive Spiele, bei denen wir auch die Interessen unseres Schatzmeisters im Blick haben müssen, dass man mit Länderspielen auch ein bisschen Geld für die Arbeit im gemeinnützigen Bereich verdienen muss? Und wo ist vielleicht das eine oder andere Spiel, bei dem wir gerade auch für Familien gute Angebote machen können?" 

- Anstoßzeiten:

Der Frage nach familienfreundlichen Anstoßzeiten kommt aus Löws Sicht bei der neuen Charme-Offensive der Nationalmannschaft eine Schlüsselrolle zu. In jungen Jahren könne ein Mensch "für den Fußball sensibilisiert werden", sagte der Bundestrainer. Weil der DFB aber auch an TV-Verträge und die Rechtevergabe der internationalen Verbände UEFA und FIFA gebunden ist, dürfte sich nur bei ausgewählten Testspielen etwas ändern.

"Ich würde mich freuen, wenn wir RTL und Sky bewegen könnten, ab und zu zu früheren Anstoßzeiten zu kommen", sagt Grindel. "Aber wir haben ja in der Nations League und den Qualifikationsspielen ja eine Zentralvermarktun durch die UEFA. Da können wir nur darum bitten, mit den Anstoßzeiten etwas weiter nach vorne zu gehen. Das entscheiden am Ende die Fernsehanstalten. Insofern sind da unsere Möglichkeiten begrenzt."

- #DieMannschaft

Der Beiname, der nach dem WM-Titel 2014 perfekt schien, wirkte nach dem Turnier 2018 wie blanker Hohn – wie auch der Marketing-Claim #ZSMMN. Letzterer wird seit dem WM-Aus nicht mehr verwendet, ebenso wie das von Noch-Sponsor Mercedes eingebrachte #BestNeverRest.

Was aus "Die Mannschaft" wird, ist dagegen noch nicht klar. Zwar regte DFB-Präsident Reinhard Grindel an, den Slogan zu überdenken. Aber Bierhoff setzte sich bei der großen Aufarbeitungs-PK gleich in die Nesseln, als er darauf verwies, dass er das erst mit den "Stakeholdern" besprechen müsse.

Die Erwartung, dass Bierhoff die vielfach kritisierten Durchkommerzialisierung des DFB jetzt entschlossen zurückdrängt, ist eine unrealistische. Letztlich wird es eher darum gehen, ob er ein besseres Gespür dafür findet, sie den kritischen Anhängern weniger künstlich und aufdringlich zu servieren.

Aktuell hat jedenfalls immer noch jeder Social-Media-Eintrag den Hashtag #DieMannschaft, auch die Accounts und die Rubrik auf der DFB-Homepage heißen weiter so. Womöglich hofft Bierhoff darauf, dass sich die Diskussion dadurch erledigt, dass das sportliche Auftreten des Teams ab sofort wieder mehr zu dem Slogan passt.

- Fazit

Die Fans scheinen ihren Stars den schwarzen WM-Sommer verziehen zu haben. Dazu greift die neue Charmeoffensive des DFB-Teams, das in der vergangenen Woche verstärkt auf den Anhang zuging, Wünsche geduldiger Autogrammjäger erfüllte. Die neue Nahbarkeit kommt an. Genau die genannten Kleinigkeiten reichen offenbar schon weitgehend, um die Fanseele zu streicheln. 

Doch auch dies war bestenfalls ein Anfang. Öffentliche Trainings im Herbst sollen die Brücke zum Anhang stabilisieren. Klar  ist, dass vor allem Anstoßzeiten und Ticketpreise, weiter diskutiert werden (müssen).

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