Für SPORT1-Digitalchef Matthias Becker wurde der echte Neustart beim DFB vertagt
Für SPORT1-Digitalchef Matthias Becker wurde der echte Neustart beim DFB vertagt © SPORT1-Grafik: Getty Images/Imago

München - Die ersten Länderspiele nach dem WM-Debakel waren für die Nationalmannschaft ein erster Schritt. Für Joachim Löw und den DFB bleibt aber noch ein langer Weg.

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Die Spiele gegen Frankreich und Peru sollten für den DFB und seine Nationalmannschaft nach einem desaströsen Sommer auf und neben dem Platz der Neustart werden. Geklappt hat das aber nur teilweise, vor Bundestrainer Joachim Löw und dem Verband liegt noch ein langer Weg - auf und neben dem Platz.

Aber fangen wir mit dem Positiven an. Die Mannschaft und Löw haben erste, sichtbare Fortschritte gemacht. Der Schulterschluss mit den Fans ist in den ausverkauften Stadien von München und Sinsheim gelungen. Besonders erfreulich: Die unsäglichen Pfiffe gegen Ilkay Gündogan hatten größtenteils ein Ende und der Mittelfeldspieler von Manchester City erfuhr wieder die Unterstützung vom Publikum, die er verdient.

Auch die Spieler scheinen die Botschaft verstanden zu haben, nahmen bei der Ankunft am Hotel auch mal die Kopfhörer von den Ohren und stellten sich für Autogramm- und Foto-Wünsche zur Verfügung.

Der Funke sprang im Stadion wieder über. Auch deshalb, weil das Team das umsetzte, was der Bundestrainer eingefordert hatte nach dem WM-Debakel von Russland. Einsatz, Wille, Engagement - unter dieser Überschrift standen die Partien für Löw. Das hat seine Mannschaft auch gezeigt. Man darf aber schon fragen, ob das nicht auch das Mindeste ist, was man erwarten kann?

Abseits vom Kampfgeist haben sich für Löw nämlich auf dem Rasen kaum Probleme gelöst im Vergleich zur WM. Mit der auf Sicherheit bedachten "Ochsenabwehr" aus vier Innenverteidigern gegen Frankreich gab er seinem Team die in Russland vermisste Stabilität gegen Konter. Davon war aber schon gegen Peru phasenweise nichts mehr zu sehen, in der Rückwärtsbewegung brachten die flinken Peruaner die Mannschaft leicht in Bedrängnis.

Und in der Offensive fehlt weiter die Durchschlagskraft. Die Chancenverwertung war in beiden Spielen mangelhaft, ein echter Knipser ist nicht in Sicht und bei den eingesetzten Marco Reus und Timo Werner geht der Knopf noch nicht auf. Hier fehlt es Löw an Optionen.

Die Baustellen bleiben also die altbekannten. Im Oktober wird es für Löw und sein Team bei den schweren Auswärtsspielen in den Niederlanden und Frankreich aber richtig ernst. Sollten Einsatz und Ergebnisse hier nicht stimmen, könnte es trotz des versöhnlichen Neustarts für Löw schnell ungemütlich werden.

Beim DFB werden sie inständig hoffen, dass ihnen diese Diskussion erspart bleibt. Denn die Führungsriege ist weiter mit sich selbst beschäftigt und hat den Neustart in der Außendarstellung verpasst. Die Tatsache, dass Der Spiegel genüsslich aus internen Mail-Verläufen zwischen DFB-Präsident Reinhard Grindel und Vize Dr. Rainer Koch zitieren konnte, zeigt, dass es in der Verbandsspitze weiter kräftig rumort.

Für den DFB-Präsidenten ist das Leak eine Peinlichkeit, offenbart es doch seine Ablehnung gegenüber Teilen der Ultra-Szene, was die weitere Zusammenarbeit zwischen Verband und organisierten Fans belasten wird.

Für Grindel dürfte sich die Zukunft nach dem 27. September entscheiden. Dann wird die EM 2024 vergeben. Aktuell wird dem Ziel, hier gegen die Türkei zu gewinnen, alles untergeordnet. Nach diesem Datum muss aber niemand mehr Rücksicht auf den Präsidenten oder die Bewerbung nehmen.

Der Neustart ist beim DFB also größtenteils noch vertagt. Auf und neben dem Platz.