München - Bundestrainer Joachim Löw zeigt sich bei seiner WM-Analyse enorm selbstkritisch. Das könnte aber auch nach hinten losgehen, warnt SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg.

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Selten hatte Fußball-Deutschland eine Pressekonferenz eines Bundestrainers derart herbeigesehnt. Nach Jogi Löws knapp zweimonatigem Rückzug aus der Öffentlichkeit, lechzte man nach Antworten: Wie detailliert wird die WM-Analyse ausfallen? Verkündet er eine Taktik-Revolution? Den Austausch seines Trainerstabs? Gibt er Weltmeistern von 2014, die aber in Russland enttäuschten, den Laufpass?

Die Antwort lieferte der Bundestrainer höchst selbst: Nichts von alledem.

Stattdessen setzte Löw zu einer schonungslosen Selbstkritik an. Er war es, der das Feuer bei den WM-Fahrern nicht entfachen konnte. Er war es, der fälschlicherweise seinen Ballbesitz-Fußball auf die Spitze treiben wollte. Er war es, der viel zu spät erkannte, dass er sich bei der WM dem Gegner hätte anpassen müssen.

Dass sich Löw derart selbst ins Bein schießt, muss ihm hoch angerechnet werden. Selbstkritik ist schließlich ein immer selten werdendes Gut.

Dennoch birgt sie in der Causa "Neuanfang" erhebliche Risiken - vor allem für Löw selbst. Denn seiner Elf hat er bereits vor dem ersten Wiedergutmachungs-Spiel gegen Frankreich ein Alibi verschafft. Viel zu wenig nahm er vor allem diejenigen in die Pflicht, die es fortan mit Leistung und Leidenschaft richten müssen: Die Spieler. 

Auf eine fundamentale, personelle Personal-Rotation verzichtete Löw. Zum einen kamen ihm WM-Fahrer mit Rücktritten zuvor (Özil, Gomez). Zum anderen strich er Spieler, deren Fehlen sich nicht groß bemerkbar machen wird (Trapp, Rudy, Plattenhardt). Dafür traf es Routinier Khedira, der glaubhaft vermittelte, eine "Ich-kann-es-besser-Mentalität" zeigen zu wollen.

Neu dabei sind dafür altbekannte, verlässliche Leisetreter (Petersen), Hochtalentierte (Kehrer, Havertz, Tah), Überraschungen (Schulz) - und Sane. Der von allen wohl Begabteste in seinen Anlagen, den Löw aus dem WM-Kader strich, der nun aber für den Bundestrainer, "das Schiff wieder auf Kurs" bringen soll.

Schlingert Löws Kogge auch weiterhin uninspriert und unrestauriert durch die Stadien dieser Welt, wäre es für die Spieler - egal ob bewusst oder unbewusst - ein leichtes, sich unabhängig von ihren Leistungen hinter der Löwschen Selbstkritik zu verstecken. Dafür hat er am Mittwoch selbst gesorgt. 

Der Bundestrainer verspürt nach eigenem Bekunden jedoch die Energie und Motivation, die Nationalmannschaft wieder zur Einheit und zur Weltspitze zu führen. Überträgt sich all das ab kommender Woche aber nicht auf die Mannschaft, wird sich trotz epischer Analyse unter dem alten Trainer kein neues Feuer entfachen.

Dann könnte der Bundestrainer nicht nur Glaubwürdigkeit verlieren, sondern am Ende vielleicht sogar seinen Job.