München - Thomas Strunz war am Sonntag zum letzten Mal als Experte im Doppelpass. Aus diesem Anlass sprach er über die DFB-Krise, Mehmet Scholl - und Cristiano Ronaldos Wechsel.

von Reinhard Franke

Mehr als zehn Jahre war Thomas Strunz SPORT1-Experte beim CHECK24 Doppelpass. Am Sonntag nun war der Europameister von 1996 zum letzten Mal in der Talkrunde mit Moderator Thomas Helmer zu sehen. Strunz macht Schluss.

Im SPORT1-Interview spricht der 49-Jährige über seine Entscheidung, die DFB-Krise, Mehmet Scholl - und die Auswirkungen von Cristiano Ronaldos Wechsel zu Juventus auf die Bundesliga.

SPORT1: Herr Strunz, wie fühlen Sie sich angesichts Ihres Doppelpass-Ausstiegs - mehr lachendes oder mehr weinendes Auge?

Strunz: Wenn ich momentan darüber nachdenke, geht ein beruflicher Teil meines Lebens damit zu Ende. Das ist schon traurig. Ich habe so lange bei SPORT1 in vielen Formaten und mit vielen Mitarbeitern zusammengearbeitet, da geht man schon mehr mit einem weinenden Auge. Mein lachendes Auge zeigt aber, dass ich bei allen Tätigkeiten immer sehr sachlich mit allen Themen umgegangen bin. Dass ich meine Meinung, die auch zum Teil konträr war, immer vertreten habe. Ich kann sehr zufrieden sein, was ich SPORT1 gegeben habe.

SPORT1: Wie schwer war es anfangs für Sie als Nachfolger von Udo Lattek?

Strunz: Natürlich hat Udo Lattek als Experte Maßstäbe gesetzt. Er hat den Doppelpass mitbegründet und geprägt. Es waren damals alle ein bisschen aufgeregt als ich anfing. Die Bosse stellten sich die Frage, ob wir Jungen bei den Zuschauern ankommen. Alle - im Team und vor der Kamera - waren uns gegenüber sehr positiv eingestellt und haben uns Zeit gegeben, so dass wir schließlich gute Arbeit gemacht haben.

SPORT1: Wie hat sich in Ihrer Experten-Zeit der Fußball verändert?

Strunz: Das Kernthema Fußball ist heute weniger wichtig als das ganze Drumherum wie Themen um Berater, Spielerfrauen, Social Media und Urlaub der Spieler. Manchmal würde ich mir die Rückkehr zur Basis wünschen anstatt die reine Kommerzialisierung und die reine Personalisierung von Stars.

SPORT1: Finden Sie als Berater, dass sich die Spieler heute auch zu wichtig nehmen und immer mehr Macht haben?

Strunz: Die Kommunikationsebenen haben sich total verändert. Früher hat man noch mit Journalisten zusammengesessen und es konnten entspannt Interviews geführt werden. Heute ist das eher eine Seltenheit. Jedes große Interview, das heute in einer Zeitung erscheint, wird fast schon als Sensation gefeiert, da über Facebook und Twitter jeder seine eigene Meinung verbreiten kann. Ob das so gut ist, lasse ich mal dahin gestellt...

SPORT1: Sie sind kein Social-Media-Fan?

Strunz: Nicht wirklich. Ich kann mit dieser Art von Kommunikation wenig anfangen. Ich nutze beides auch nicht, denn mir erschließt sich nicht, was man damit bewegen kann. Bei jemandem wie Cristiano Ronaldo, der seit zehn Jahren auf Weltklasse-Niveau Fußball spielt, zeigt sich jedoch, dass Social Media quasi als Selbst-Vermarktung funktioniert. Bei vielen fehlt aber einfach die Balance zwischen dem, was auf dem Platz passiert, und dem Gepose und dem Vermarkten der eigenen Person. Da gerät einiges in Schieflage.

SPORT1: Wie bewerten Sie da den Wechsel von Cristiano Ronaldo zu Juventus?

Strunz: Sein Wechsel zu Juve wird auf jeden Fall die italienische Liga beflügeln, weil sie auch andere Strukturen aufweisen kann. Ich bin sehr gespannt, wie die Bundesliga mit den Herausforderungen in den nächsten Wochen und Monaten umgehen wird. Dann müssen die Themen 50+1, Wettbewerbsfähigkeit, Investoren-Regelung auf internationalem Niveau und Nachwuchsausbildung neu diskutiert und bearbeitet werden. Das erinnert mich etwas an die grundlegende Diskussion Anfang der 2000er-Jahre mit den Nachwuchsleistungszentren. Ich glaube, der deutsche Fußball braucht einen totalen Neustart.

SPORT1: Wie sehen Sie die DFB-Krise nach dem WM-Aus und wie schwer wird das für die Bundesliga?

Strunz: Vor sechs Monaten haben wir im Doppelpass eine Diskussionsrunde über die Chancen der Nationalmannschaft gehabt und jetzt wird Mehmet Scholl quasi heilig gesprochen, da er schon damals dem Fußball ein blaues Wunder vorhergesagt hat. Man muss einfach klar feststellen, dass uns andere Nationen in den Vereinswettbewerben, in den U-Nationalmannschaften und jetzt bei unserem letzten Aushängeschild, der Nationalmannschaft, nicht nur eingeholt, sondern überholt haben.

SPORT1: Wäre Scholl jetzt der Richtige für den DFB?

Strunz: Schwer zu sagen. Viele Dinge, die Mehmet damals angesprochen hat, waren nicht falsch. Es ist nur immer schwer, das im Gesamtkontext zu sehen, weil er den einen oder anderen Trainer, der noch heute in der Bundesliga aktiv ist, auch persönlich kritisiert hat. Damals ist er an den Pranger gestellt worden und wurde als Nestbeschmutzer beschimpft. Ich halte von diesen extremen Positionen nichts. Vielleicht muss der DFB sich mit externen Beratern zusammensetzen, die sich jahrelang mit dem Thema Fußball beschäftigen. Da ist Mehmet jemand, der helfen kann, aber auch andere wie Oliver Kahn, Philipp Lahm oder Michael Ballack. Es gibt einige, die viel erreicht haben, nicht für den DFB arbeiten und trotzdem eine Meinung haben. Wenn man das bündeln würde, hätte man vielleicht eine größere Auswahl von Meinungen und Bildern, mit denen der DFB umgehen kann.

SPORT1: Haben Herr Grindel und Herr Bierhoff noch eine Zukunft beim DFB?

Strunz: Ich habe bereits vor 14 Tagen im Doppelpass gesagt, dass tiefgreifende personelle Veränderungen überdacht werden müssen, bis hin zum Rückzug von Joachim Löw nach dem Ausscheiden. Bisher ist davon wenig bis nichts zu erkennen - außer zwei Interviews von Bierhoff und Grindel. Ich glaube nicht, dass es damit getan ist, einen Co-Trainer, einen Masseur oder den Doc zu entlassen. Tiefgreifende Veränderungen im personellen Bereich können nur in der Führungsebene Sinn machen. Hier scheint es aber so zu sein, dass alle Beteiligten zwar etwas Gegenwind bekommen, trotzdem jedoch als Kerngruppe zusammen halten und auch zusammen bleiben wollen. Stichwort #zssmn (lacht)

SPORT1: Was machen Sie als nächstes?

Strunz: Ich werde mich voll und ganz auf Fußball und auf das Leben der von uns betreuten Fußballspieler konzentrieren (Strunz arbeitet in der Spielerberater-Firma arena11, Anm. d. Red.), und mich zudem intensiv mit den sportlichen Inhalten auseinandersetzen. Je besser die Spieler werden, desto zeitaufwendiger wird die Arbeit. Man muss sich mit den Menschen austauschen und das muss gepflegt werden. Ich will auch meinen Horizont erweitern. Ich werde mich wieder mit dem elementaren Fußballspiel beschäftigen. Nicht in der Öffentlichkeit, sondern intern mit Trainern und Fußballverantwortlichen.